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Theater:Unheimlich geheimnislos

Wilson-Automatismus: Christian Friedel (hinten) und Rainer Philippi.

(Foto: Lucie Jansch)

Robert Wilson eröffnet die Ruhrfestspiele mit seiner Inszenierung "Der Sandmann" nach E.T.A. Hoffmann - einer opulenten Rockoper. Leider völlig ohne Magie.

Der Sandmann kommt. In Robert Wilsons Inszenierung zur Eröffnung der diesjährigen Ruhrfestspiele tritt er auf, ein schöner Mann im schmucken Ledermantel, in den Händen zwei durchsichtige Würfel, die er schwenkt wie ein Messdiener seinen Weihrauchkessel. Doch von ihm geht kein Zauber aus, weder wirkt er bedrohlich noch anziehend. Später wird der Sandmann, gespielt von André Kaczmarczyk, einen Stepptanz hinlegen, auch das ist nett und gibt Szenenapplaus.

Hoffmanns kurze Erzählung, 1816 erschienen, ist ein literarisches Juwel. Der Student Nathanael verliebt sich in eine mechanische Gliederpuppe und wird darüber wahnsinnig. Hoffmann interessiert die Frage, ob das Unheimliche im Seelenleben eines Menschen produziert wird oder ob es in der materiellen Welt existiert.

Das Problem dieser Aufführung liegt nicht einmal darin, dass Wilson Ambivalenzen tilgt und sich für die Fabel kaum interessiert. Das wäre in Ordnung, wenn der Mittsiebziger auf der von ihm selbst gestalteten Bühne eine den Zuschauer fesselnde Magie entfaltete. Das Vorbild ist "The Black Rider", eine Rockoper mit Musik von Tom Waits, angelehnt an Webers "Freischütz", die seinerzeit ein beispielloser Erfolg war, in ihrer Art so verwegen, dass kein Mensch fragte, ob das Werk noch etwas mit dem romantischen Vorbild zu tun hatte. Damit wurde Wilson zum gefeierten Popstar des deutschen Theaters.

"Der Sandmann" ist, trotz etlicher Anleihen und Zitate, nicht aus dem gleichen Holz geschnitzt. Leider. Die Musik und die Songs, die die britische Singer-Songwriterin Anna Calvi beigesteuert hat, sind gar nicht mal schlecht, der Vergleich mit dem (unvergleichlichen) Tom Waits ist vielleicht ein bisschen unfair - hin und wieder zünden die Lieder sogar. Aber dem Regisseur Wilson genügt all das nicht. Er will mit Effekten überwältigen, will den Zuschauer in die Knie zwingen, will ihm die Luft abwürgen. Deswegen wird jeder Einfall drei bis fünf Mal bemüht.

Die Musik wird mit Soundeffekten durchsetzt und übertönt. Einmal sieht man einen riesigen Zahnarztbohrer - was hat das teuflische Instrument hier verloren? Eigentlich müsste es sich um ein optisches Gerät handeln, denn es ist ein vom unheimlichen Wetterglashändler verkauftes "Perspektiv", mit dessen Hilfe der Automat "Olimpia" in den Fokus des bedauernswerten Nathanael rückt.

Die Figuren bewegen sich bei Wilson ohnehin wie Automaten, unterscheiden sich also nicht signifikant von der seelenlosen Olimpia. Der Protagonist Christian Friedel ist zweifellos ein Könner, er singt fabelhaft, aber leider setzt er auf einen Schelm anderthalbe, übertreibt, grimassiert.

"Ebenso naiv wie elitär" nannte Heiner Müller 1979 das Theater des Robert Wilson. "Der Sandmann" (der demnächst ins Düsseldorfer Schauspielhaus wandert) ist nicht naiv, also kindlich-unbekümmert, und schon gar nicht elitär. Er erstickt eine zauberhafte Erzählung in Kitsch und Klamauk.

© SZ vom 05.05.2017

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