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Theater:Überleben im Dauerprovisorium

Yael Ronen macht am Berliner Maxim Gorki Theater aus Isaac B. Singers Roman "Feinde - die Geschichte einer Liebe" eine brave Boulevardkomödie vor Holocaust-Hintergrund.

Von Mounia Meiborg

Die israelische Regisseurin Yael Ronen ist im deutschsprachigen Theater eine Art Generalsekretärin für Weltkonflikte. Im Jahr 2009 wurde sie mit ihrer Inszenierung "Dritte Generation" an der Berliner Schaubühne bekannt. Darin schickte sie junge israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler auf eine Reise in die gemeinsame Geschichte - hinein in Schuld, Verdrängung und eine in Posen erstarrte Gedenkkultur. Selten hatte man so gelacht, wenn es um den Holocaust ging. Selten hatte man im Theater eine solche Katharsis erlebt.

Seitdem ist das ihr Prinzip: Yael Ronen geht dahin, wo es wehtut. Und macht darüber Witze. Der Holocaust ist dabei auf die eine oder andere Weise immer präsent. In "Hakoah Wien" hat sie die Geschichte ihres Großvaters untersucht, der in den Dreißigerjahren in Österreich lebte. In "Common Ground", einer Stückentwicklung über den Jugoslawienkrieg, tritt eine Israelin als abgebrühte, etwas besserwisserische Konfliktvermittlerin auf. Und in "The situation", einem Stück über die Nahostkonflikte zugezogener Neuköllner, lässt sie zu Beginn die Schauspielerin Orit Nahmias das Für und Wider eines Völkermords erörtern: "Es funktioniert, aber man sollte es nicht wieder machen."

Ganz anders Ronens neue Inszenierung am Gorki Theater Berlin. In "Feinde - die Geschichte einer Liebe" zeigt sie sich überraschend brav und konfliktscheu. Und das obwohl - oder gerade weil - Isaac Bashevis Singers Roman vom Holocaust erzählt. Genauer: vom Überleben. Geschildert werden die Schrecken des Zweiten Weltkriegs diesmal nicht aus der sicheren Distanz der Enkelgeneration. Sondern aus der Perspektive derjenigen, die aus deutschen Konzentrationslagern, russischen Arbeitslagern und polnischen Verstecken heimkehren und sich fragen, wie sie weiterleben sollen.

Ein Mann zwischen drei Frauen - das wäre auch was für den Ku'damm

Singers Roman spielt im Jahr 1949 in New York: Herman Broder, ein polnischer Jude, der nach dem Holocaust an nichts mehr glaubt, schon gar nicht an Gott, verdient sein Geld mit Talmudaufsätzen, die er für einen Rabbi schreibt. Während des Krieges hielt das christliche Dienstmädchen Yadwiga ihn auf einem Heuboden versteckt. Zum Dank hat er sie geheiratet. Was ihn nicht davon abhält, eine leidenschaftliche Affäre mit der exzentrischen Mascha zu unterhalten. Dann taucht noch seine erste Ehefrau Tamara auf, die er für tot hielt.

Der Nobelpreisträger Singer verbindet in seinem 1966 erschienenen Roman, wie es für die jiddische Erzähltradition typisch ist, große Kunst mit guter Unterhaltung. Yael Ronen setzt in ihrer Adaption auf Letzteres. Auf der Bühne von Heike Schuppelius sind Metallpodeste in verschiedenen Höhen aufgebaut. Ein labyrinthisches Dauerprovisorium, durch das sich Herman Broder virtuos hindurchhangelt.

Aleksandar Radenković spielt ihn als glatten Verführer ohne weitere Eigenschaften. Seine Geliebte Mascha ist bei Lea Draeger eine bipolare Störung auf zwei Beinen, die ihre eifersuchtsgetriebenen Kreischarien nur kurz für erotisches Gesäusel unterbricht. Wenn Herman vorbeikommt, wird erst mal zu Tangomusik auf dem Küchentisch kopuliert. Ihre Mutter (mit großartiger Haartolle und trockenem Humor: Ruth Reinecke) steht daneben und versucht über das Paar hinweg, den Tisch abzuwischen. Am Ku'damm könnte man das nicht schöner spielen. Hier aber fragt man sich, was das sein soll. Ernst? Ironie? Eine Holocaust-Revue?

Natürlich, Singers Roman bietet die ein oder andere Steilvorlage für boulevardeske Tür-auf-Tür-zu-Komik. Telefone klingeln, die Frauen begegnen sich in den unpassendsten Momenten, und Herman Broder gerät beim Jonglieren mit seinen drei Leben zunehmend aus dem Takt. Aber das ist nur die eine Seite. Broder, der sich einen "fatalistischen Hedonisten" nennt, findet keinen Bezug zum Leben. Er fühlt sich abgeschnitten von der Welt, als sei er noch auf dem Heuboden. Sein hektisches Hin und Her zwischen drei Frauen entspringt nicht nur erotischer Gefräßigkeit. Sondern auch dem Wunsch, sich aufzulösen.

Hier aber hält man sich die Abgründe vom Leib. Es gibt solides, ungebrochenes Broadway-Theater im Fünfzigerjahre- Kostüm. Mit tollen Momenten: Orit Nahmias spielt die sich emanzipierende Analphabetin Yadwiga mit anrührendem Witz. Und Çiğdem Teke, die von den Münchner Kammerspielen ans Gorki Theater gewechselt ist, hat hier endlich mal einen großen Auftritt - als tot geglaubte Ehefrau Tamara, die Herman mit puppenhafter Miene gegenübertritt. Eine Wiedervereinigungsszene, die sämtlichen Erwartungen zuwiderläuft und doch hochplausibel ist.

Weil die Textfassung nur aus Dialogen besteht, wird Broders Gedankenwelt in die Musik ausgelagert. Wehmütiger Klezmer ist da zu hören, hektischer Free Jazz und Kurt-Weill-artige Songs, die das Geschehen kommentieren; auf Englisch, Jiddisch, Deutsch. Von Broders Albträumen ist da die Rede, von "Majdanek Manhattan" und "Broadway Berlin". Daniel Kahn hat eine Musik komponiert, in der neue und alte Welt, amerikanische Großstadt und polnisches Schtetl, Philosophie und Banalität, Tragik und Komik aufeinanderprallen. Und die damit Singers Sound besser trifft als der Rest der Inszenierung.

© SZ vom 15.03.2016
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