Theater Tut's sehr weh?

"Mein Kampf" heißt nicht nur das Hetzbuch von Adolf Hitler, sondern auch eine Farce darauf von George Tabori, die jetzt in München zu sehen ist.

Von Eva-Elisabeth Fischer

Hängen zwei Schächer am Kreuz. Fragt der eine: "Tut's sehr weh?" Antwortet der andere: "Nur wenn ich lach'." Mit diesem unverwüstlichen Witz, dessen Bart länger ist als der des lieben Gotts, endet George Taboris Farce "Mein Kampf" im Münchner Volkstheater. Nicht nur in diesem makabren Schluss, wenn Gott selbst in Gestalt des Kochs Lobkowitz ein opulentes Henkersfrühstück serviert und vor einem riesigen Ofen richtige Witz-erzähl-Stimmung aufkommt, verneigt sich der Regisseur Christian Stückl vor dem Theatermacher und Autor George Tabori. Der liebte Witze, durchaus auch schlechte, die richtig wehtaten, solange sie eine irgendwo existenzielle Pointe bargen.

Die Opfer bei Tabori tragen keinen Heiligenschein

Die verzweifelte Komik des jüdischen Witzes unterscheidet sich ja gemeinhin fundamental von den derb-verächtlichen Judenwitzen. Während der jüdische Witz das eigene, meist gar nicht komische Schicksal ironisch bis sarkastisch reflektiert und auf den Punkt bringt, macht der Judenwitz das vermeintlich minderwertige Gegenüber zum Ziel verletzenden Spottes und damit noch kleiner. In den Erzählungen und Theaterstücken von George Tabori (1914 - 2007) aber verschwimmen diese Grenzen. Denn Political Correctness interessierte ihn nicht, umso mehr aber das Wesen des Menschen. Und das ist nicht grundsätzlich gut. Deshalb tragen auch die Opfer keinen Heiligenschein, ja, sie überschreiten aus Not sogar sämtliche zivilisatorischen Grenzen. Am krassesten in seinem Stück "Kannibalen" (1966), in dem er hungernde KZ-Häftlinge einen toten Kameraden fressen ließ. Damit wurde der ungarische Jude Tabori nach den kreativen Jahrzehnten amerikanischen Exils in Deutschland, dem Land der Täter, bekannt, in dem er dann bis zu seinem Lebensende blieb.

"Mein Kampf" erschien 20 Jahre später, als eine von viel Lebenswissen getragene Erzählung, die, was etwa den Unsinn von Fremdenhass anlangt, durchaus visionär war. Sie wurde 1987 dramatisiert und am Burgtheater von Tabori selbst inszeniert. Der bisweilen hinreißend kindische, weise Theatermacher sprang bei der Premiere ein und spielte selbst den einigermaßen heruntergekommenen lieben Gott. Als solcher fühlt sich Lobkowitz, der die jüdischen Speisegesetze missachtet hat und deshalb arbeits- und mittellos als abgefuckter Messias ein Wiener Männerwohnheim und seine Bewohner heimsucht.

In München ist Lobkowitz ein junges Göttlein mit zwar jesusmäßig langem Haar, aber noch kurzem Bart. Im Wohnkeller erwartet ihn nicht nur der Jude Schlomo Herzl, den dieser Lobkowitz wieder einmal mit seinen aberwitzigen Erkenntnissen zu kujonieren gedenkt, sondern auch ein lodernder Ofen, wie ihn die Firma Topf in Serie für die Krematorien der Konzentrationslager baute.

Dank des Verbrennungsofens also weiß man gleich, wohin für Schlomo und Lobkowitz die Reise gehen wird, nachdem Frau Tod in Feldgrau mit dem dritten Gast, Adolf Hitler, aus diesem unwirtlichen Keller die Treppe hinaufgestiegen ist in die Welt. Sie ist frohgemut in Erwartung von Toten sonder Zahl. Zuletzt sieht man die Schuhe des bäuerischen Dritten, die man bei dessen Abstieg ins Männerasyl als Erstes erblickt hatte, bis die Lederhosen und schließlich das ganze lange Gestell zum Vorschein kamen. Im Gesicht prangte ihm da noch ein struppiger Schnurrbart, wirre Locken krönten sein bleiches Bubengesicht. Damals hat er sich, von Schlomo wegen seines mangelhaften Benehmens gescholten, artig vorgestellt als: Adolf Hitler.

Der "theologische Schwank" (O-Ton Tabori über "Mein Kampf") um Hitlers "Künstlerjahre" im alten k. u. k.-Wien vor dem Ersten Weltkrieg beginnt als ein Stück, in dessen erstem Teil die Schauspieler die delikate Balance zwischen platter Sottise und beißendem Witz erst einmal austesten müssen. Lobkowitz, barfüßig in seinem Jesus-Gewand, ringt rudernd nach Worten und leidet unter unvermutetem Gliederreißen, was da noch unfreiwillig komisch wirkt. Timocin Ziegler legt mit Schlomo tänzelnd einen Slapstick hin. Es geht darum, wie der noch zu schreibende Roman des fromm-unfrommen Schlomo heißen soll, und man sich endlich, nebbich, auf "Mein Kampf" einigt.

Timocin Ziegler legt mit Schlomo tänzelnd einen Slapstick hin

Das hört und sieht sich unbeholfen an, markiert die Fallhöhe zwischen Vorstadtbrettl und Charlie Chaplin. Und: Man sehnt sich nach George Taboris schläfrigem Singsang statt dieser teutonischen Überartikuliertheit. Egal ob Timocin Ziegler oder Pascal Fligg oder Jakob Immerfall: Es ist, als trügen alle schlecht sitzende, falsche Kleider, sprächen in fremdem Tonfall mit fremdgesteuerter Gestik Figuren, die Lobkowitz, Schlomo und Hitler heißen, in die sie erst nach der Pause hineinfinden.

Das Chaplineske ist eine Reverenz Stückls an den Chaplin-Freund Tabori. Es erblüht am schönsten, wenn Schlomo tanzend Hitlers Schuhe wichst und damit den einzigen Zwischenapplaus erspielt. Pascal Fligg gehört auch die einzig wirklich bewegende Szene, als er die Erzählung, wie seine Mutter von Kosaken geschlachtet wurde, mit dem fahlen Satz beschließt: "Seitdem habe ich Gott verloren."

Aber die Liebe hat er nicht verloren, die er Hitler mit der Überfülle einer jiddischen Mamme angedeihen lässt. Er stutzt ihm den Schnauzer zum Hitlerbärtchen, klatscht das rechtsgescheitelte Haar mit Wasser zur Seite, leiht ihm seinen warmen Mantel. Jakob Immervolls Hitler dankt ihm das mit Volkstribunensuaden. Er reckt herrisch das Kinn, spreizt die Hände, ballt Fäuste und bellt heraus, was in quälenden Sitzung nicht seinem Darm entweichen will. Er hat Tonfall, Gestik und Mimik des GröFaZ studiert und ist am Ende schlau genug, all dies mit jener minimalen Distanz auszustatten, die das kluge Zitat von der wohlfeilen Imitation absetzt.

Umso leichter finden sich die beiden Frauen in ihre Rollen und in diesem abgründigen Kammerspiel zurecht. Julia Richter, die gerade als Pferdegutsbesitzerin Fernsehkarriere macht, verleiht Schlomo Herzls blondem Gretchen herzenswarme Unschuld. Während Carolin Hartmann der kettenrauchenden Frau Tod jene Verlebtheit verleiht, wie sie hinter vergilbten Gardinen in Vorstadtbeiseln gedeiht. Als tänzerisch begabtes Naturtalent zeigt sich Mizzi, das Huhn, das zuletzt im Ofen überlebt. Applaus!