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Theater:Tu mir nicht weh

Ágota Kristófs Romantrilogie wird am Berliner Maxim-Gorki-Theater unter dem Titel "Hundesöhne" inszeniert und stellt sich der Frage, wie man lernen kann, den Schmerz bitterer Wahrheiten auszuhalten.

Wie lernt man, die Welt so nüchtern und emotionslos wie möglich zu sehen? In Ágota Kristófs Roman "Das große Heft" absolvieren die Zwillinge Claus und Lucas ein selbstauferlegtes Training der Gefühllosigkeit. Die grausamste Übung besteht darin, bittere Wahrheiten aufzuschreiben, um den kalten Blick auf die Welt zu lernen: "Das Wort Liebe ist kein nützliches Wort, es fehlt ihm Genauigkeit." Nurkan Erpulat hat Ágota Kristófs große, vor knapp drei Jahrzehnten erschienene Romantrilogie am Berlin Maxim-Gorki-Theater unter dem Titel "Hundesöhne" inszeniert.

Seine Regie übersetzt Kristofs schockgefrostete Prosa in gewollt naives Theater. Das Niemandsland an einer unüberwindbaren Grenze, der Krieg, die namenlose kleine Stadt, das schäbige Haus der Großmutter haben sich in eine Welt aus Papierwänden verwandelt. Die Grenze: ein mannshoher, mit Stacheldraht bemalter Papierstreifen. Übermächtig sind die Märchen- und Schreckensfiguren, die diese Kinderfantasiewelt bevölkern: der Polizist, der Pfarrer, der Schuster, die debile Dorfhure. Und natürlich verweisen die Papiergebirge auf "das große Heft", den Titel des ersten Teils der Romantrilogie, in das Claus und Lucas aufschreiben, was sie erleben: ihre Welt aus Papier. Kinder, die im Schreibakt ihre Wirklichkeit und sich selbst erfinden. Aus der Übung in Schmerzresistenz wird ein Tanz der Zwillinge, ein elegant choreografiertes Schattenboxen von Stoikern (Loris Kubeng und Linda Vaher). "Das tut nicht weh", sagen sie nach einem der Schläge. Genau das ist leider auch das Problem der Aufführung. Sie entwickelt über vier Stunden einen schönen erzählerischen Sog, aber sie tut, ganz im Gegensatz zur Lektüre der Romane Kristófs, gar nicht weh.