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Theater:Tschechows Enkel

Festgesessen: Links Rakitin (Felix Rech), vorne Hausherr Arkadij (Isaak Dentler) mit Sohn Kolja, rechts Beljajew (Owen Peter Read), Objekt der Begierde.

(Foto: Birgit Hupfeld)

Wenn alle fächeln, reden und lächeln: Andreas Kriegenburg inszeniert am Schauspiel Frankfurt Patrick Marbers "Drei Tage auf dem Land".

Von Egbert Tholl

Lisaweta, der Gesellschafterin des alten, gewitzten Familienoberhauptes Anna, ist es zu warm. Verena Bukal sitzt breitbeinig auf ihrem Stuhl, fächelt sich Luft zwischen die Beine. Als das nicht ausreicht zur Kühlung, zieht sie mit absonderlicher Eleganz ihre Unterhose aus und legt sie auf den Tisch, eine Unterhose von zeltartiger Monströsität. Aber nein, das sei Lingerie, also elegant, und um Lisaweta herum lächeln alle und fächeln und sind in wonniger Faulheit glücklich und zufrieden.

Andreas Kriegenburg inszeniert am Schauspiel Frankfurt "Drei Tage auf dem Land", es ist die letzte Premiere im großen Haus unter der Intendanz von Oliver Reese, der im Herbst das Berliner Ensemble übernimmt. Es wirkt zunächst, als wolle Kriegenburg seine "Möwe"-Inszenierung fortspinnen, die er vor knapp vier Jahren am selben Ort hingezaubert hat. Aber wir sind nicht bei Tschechow, zumindest, was die Vorlage angeht. Die ist, als Urgrund der Inszenierung, Iwan Turgenjews Stück "Ein Monat auf dem Lande" von 1855, Wegbereiter der großen Dramen Tschechows, aber auch ein ziemlicher Textwust. Den hat nun der englische Dramatiker Patrick Marber gut gelüftet, hat aus den Befindlichkeits-Suaden ein herrlich witziges Well-made-Play geformt, das Turgenjews Text treu folgt, aber halt doch etwas völlig Neues ist. "Drei Tage auf dem Land" hat in Frankfurt seine deutschsprachige Erstaufführung.

Kriegenburg und Well-made-Play, das geht kaum zusammen, und tatsächlich nutzt der Regisseur die luzide Dialogstruktur vor allem als Gerüst, in das er viele schöne Absonderlichkeiten hineinhängen kann. Am Ende ist man also doch bei Tschechow, bei mehliger Melancholie, bei äußerster Verzweiflung in lichter Atmosphäre, bei Menschen, die tatenlos rasen, weil das Herz es ihnen befiehlt.

Schuld ist ein Jüngling, der neue Hauslehrer Beljajew, von Owen Peter Read gespielt mit aufreizend freundlicher Teilnahmslosigkeit. Beljajew würde am liebsten nur einen schönen Sommer verbringen, den kleinen Kolja unterrichten und sich mit dem munteren Dienstmädchen Katja (Elena Packhäuser) vergnügen. Doch Natalja, die Frau des Hausherren Arkadij, liebt ihn, Vera, die Pflegetochter, liebt ihn auch. Deshalb will Natalja Vera an den drolligen, aber sehr reichen Bolschinzow verheiraten, um freie Bahn zu haben, ungeachtet ihres Gatten und dessen Freundes Rakitin, mit dem sie auch einmal ein Verhältnis hatte, zumindest schwirrt davon noch eine poetische Idee herum.

Kriegenburg, hier mal wieder sein eigener Bühnenbildner, stellt den Figuren einen pittoresk heruntergekommenen Wintergarten hin, lässt Felix Rech (Rakitin) und Isaak Dentler (Arkadij) rührend von der vergangenen Jugend ihrer Freundschaft erzählen, führt die Fülle von Akteuren sehr musikalisch und manchmal auch (zu) sehr plappernd durch Marbers Textgefüge und gibt ihnen Freiheiten. Manche, vor allem Verena Bukal, nützen diese für leuchtenden Aberwitz. Die Lady ist eine Freude, was für Franziska Junge nur bedingt gilt: Mit haltloser Verve schmeißt die sich als Natalja in die Hysterie der Liebesverzweiflung - ein Augenzwinkern wäre gut gewesen. Stattdessen spielt sie Klavier. Bach, "Goldbergvariationen", also die Aria davon. Bach steht schon bei Turgenjew, nun macht am Ende Kriegenburg Kunst damit: Eine Variation der Musik folgt auf die andere, die Figuren suchen sich mit Stühlen einen Platz, den sie nie behalten können. Alle sind nun unbehaust, entwurzelt. Statt Melancholie herrscht ein hartes Pina-Bausch-Gefühl, schmerzhaft, aber auch schmerzhaft lang.

© SZ vom 10.03.2017
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