bedeckt München 32°

Theater:Stigmatisierte

Früher war alles

In "Früher war alles" tragen Bewohner der Kleinstadt Freital ihre eigenen Geschichten, Ängste und Ärgernisse vor.

(Foto: Sebastian Hoppe)

Bürger aus dem sächsischen Freital erzählen in "Früher war alles" von sich und ihrem Ort, von Hass und Außenseitertum. Das Stück hatte am Schauspiel Dresden Premiere.

Freital - der Name der sächsischen Kleinstadt nahe Dresden weckt dunkle Erinnerungen: der tagelang geifernde Mob vor einer Asylunterkunft, der rechtsextreme Terror. 2015 wurde der Ort bundesweit zum Symbol für Fremdenfeindlichkeit. Der Stadtname haftet seither wie ein Stigma an den 40 000 Bewohnern. Ein Stigma, das das Stück "Früher war alles" von Dirk Laucke aufbrechen will. Die Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden geht der Frage nach, wie es so weit kommen konnte. "Früher war alles" ist eine Geschichte der Abwicklung und gleichzeitig eine dokumentarische Analyse der Mechanismen in einer ostdeutschen Kleinstadt, die sich von dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der Neunzigerjahre nur langsam erholt.

Das Stück spielt in der Kulisse eines Bierzeltes. Zunächst ein Ort der Geselligkeit, Frauen und Männer prosten sich zu. Till, grüner Parka und Flickenhose, hockt abseits. Er gehört nicht dazu. Hat er noch nie. Schon in der DDR verweigerte er die Mitgliedschaft bei den Jungpionieren. Studieren durfte er nicht. Till ist ein "Kunde", ein ostdeutscher Hippie mit langen Haaren und ohne Arbeit. Als er mit Freunden tanzen geht, wird er verprügelt. Erst schlagen nur ein paar Jugendliche zu, dann treten auch Rentner, Frauen und Kinder nach seinem Oberkörper. Auf die Hilfe der Polizei braucht Till nicht zu hoffen. Von der hört er immer das Gleiche: Er bräuchte sich nicht zu wundern, so wie er aussieht.

Das Stigma des Außenseiters trägt auch der Kerl mit stacheligem Haar und Gothic-Make-up. Er hängt mit seinen Freunden rum, sie nennen ihn Asche. Als das Jugendzentrum von Neonazis angegriffen wird, interessiert sich ein herbeigerufener Polizist wenig für die Tat. Er hält Asche für einen Asozialen. Doch der arbeitet im Stahlwerk, so wie viele Freitaler. Einige Szenen zuvor stand er gemeinsam mit ihnen in einer Reihe. Sie sangen das Pionierlied "Unsere Heimat". Nur, dass es nicht mehr um Felder und Vögel ging - sondern um den Ruhrpott und die Alpen. Die Mauer fiel.

Jeder trägt seine eigenen Kämpgfe aus - gegen die Nazis, gegen die Arbeitslosigkeit

Jetzt ist 1992 und jeder trägt seine eigenen Kämpfe aus. Asche und seine Freunde gegen die Nazis. Ihre Eltern gegen die Arbeitslosigkeit. Auf der Bierzeltbühne steht ein Herr im grauen Anorak und trägt die Zahlen der Entlassungen vor. Frauen und Männer im Blaumann haben sich hinter Bierbänken verschanzt. Eine Barrikade gegen jene, die die Betriebe abwickeln wollen - aber auch gegen die eigenen Kinder. "Mutti, ich muss mit dir reden", ruft eine junge Frau. "Jetzt nicht", brüllen die Erwachsenen - "Wo wart ihr?", fragen die Jugendlichen. Es klingt wie eine Anklage.

Die mit sich selbst beschäftigte Elterngeneration, der sich selbst überlassene Nachwuchs - Szenen wie diese spielten sich in vielen ostdeutschen Städten ab. Der Leipziger Autor Clemens Meyer beschrieb diese Mischung aus Freiheit und Verlorensein bereits 2007 in seinem Roman "Als wir träumten". Warum also braucht es ein Stück wie "Früher war alles". Die Antwort liegt in Freital selbst. Wer sich als Berichterstatter durch die Stadt bewegt, trifft auf eine geschlossene Gesellschaft. Fremdenfeindlichkeit wird fast zwanghaft verdrängt. Wer "die Gusche" aufreißt, gilt schnell als Nestbeschmutzer. So wie jene, die sich 2015 für Flüchtlinge einsetzten.

Einige von ihnen stehen in "Früher war alles" nun auf der Bühne. Denn die Schauspieler gehören nicht zum Ensemble, sie stammen aus Freital. Die Geschichten, die sie erzählen, sind ihre eigenen oder wurden von Dirk Laucke recherchiert. Eine davon handelt von einem Rentner, der zwei junge Eritreer aufnahm. Sie wird im dritten Teil des Stücks parallel zu den fremdenfeindlichen Protesten erzählt. Diese finden als Schattenspiel hinter der Zeltplane statt. Das Geschrei der Demonstranten ist sächsischer Wortbrei. Der Regisseur Jan Gehler wollte die rassistischen Äußerungen nicht auf der Bühne wiederholen. Das ist nachvollziehbar - allerdings verschwimmen dadurch die Deutungsmuster über den Hass, der sich Bahn brach. Auf die Proteste folgten Terroranschläge der "Gruppe Freital". Deren Mitglieder kamen teilweise aus der Mitte der Gesellschaft - all das wird auf der Bühne nicht klar benannt.

Hier offenbart sich die Schwierigkeit des Stückes, das in Kooperation mit der Stadt Freital entstand und den Ort nicht erneut einer Stigmatisierung aussetzen, sondern eine versöhnliche Botschaft senden möchte: Am Ende sitzen alle eng aneinander gedrängt an einem Biertisch. Sie erzählen sich ihre Geschichten. Bis der neue Tag anbricht.