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Theater:Seht das Volk von Athen!

Volker Brauns Krisenstück "Die Griechen" am Berliner Ensemble ist ein bemerkenswertes Sprachkunstwerk.

Von Mounia Meiborg

Um Volker Brauns neues Stück "Die Griechen" zu lesen, muss man alle Theatermoden vergessen. Es behandelt zwar ein aktuelles Thema, die griechische Schuldenkrise. Aber nicht so, wie man es gewohnt ist. Es ist kein Recherchetheater, bei dem sorgsam Fakten zusammengetragen und Originalquellen zitiert werden. Stattdessen ist da ein Dichter, der vom Scheitern der Demokratie und des Mitgefühls erzählt. Und der sich dabei auf die Antike beruft.

In drei Teilen schildert Braun die Ereignisse der letzten fünf Jahre: Der damalige Ministerpräsident Giorgos Papandreou, der 2011 ein Referendum über die Sparpläne der Troika ankündigt und dann wieder absagt. Die 400 Putzfrauen, die vom Finanzamt entlassen und nach monatelangem Protest 2014 wieder eingestellt werden. Und Yanis Varoufakis, der seiner Rolle als linker Heilsbringer bald überdrüssig ist und als Finanzminister zurücktritt.

Der erste Teil ist in antikem Versmaß gehalten, der zweite eine postmoderne Textfläche - wobei auch im ersten Teil Jelinek'sche Kalauer auftauchen und im zweiten Teil Aischylos und Euripides zitiert werden. Unverdaut wird hier ausgespuckt, was Volker Braun, einer der bekanntesten Autoren der DDR, sich in einem Schriftstellerleben angelesen hat. Nicht immer kann man den Assoziationen folgen und nachvollziehen, was der griechische Mythos mit der griechischen Realpolitik zu tun hat. Es ist ein Fiebertraum, der das Ende der Demokratie heraufbeschwört. Ein fremder, sperriger Text - völlig unszenisch, wie es beim Lesen erscheint.

Die Uraufführung von Manfred Karge auf der Probebühne des Berliner Ensemble setzt klugerweise ganz auf die Sprache. Die Bühne ist fast leer. In einer Reihe stehen Stühle, dazu ein Tisch. Nur ein paar Takte - der berühmte Sirtaki - sorgen für Griechenland-Klischee-Feeling. Die Schauspieler sitzen aufgereiht wie Orchestermusiker, die auf den Einsatz warten. Sie sprechen chorisch, dirigiert von Tobias Schwencke. Sie tun das so präzise und facettenreich, dass es eine Freude ist. Die Sprachgewalt des Textes, der Tragödie und Trash verbindet, wird hörbar. Rollen kristallisieren sich heraus. Das Volk, das dem Ministerpräsidenten spitz zuruft: "Du kannst es nimmer. / Da hast du alles richtig gemacht, aber für dich geht es falsch aus." Die Medien, die hier auch "Furien" heißen und im Sekundentakt neue Wahrheiten verkünden: "Seht das Volk von Athen, es bedenkt sich sehr lange. / Das Volk von Athen, geschwind hat es seine Meinung. / Seht, es wagt nicht, seine Stimme zu geben. / Nicht dafür, nicht dagegen. / Stimmlos sind sie. / Unstimmig." Und Papandreou, dem Joachim Nimtz eine stoische Ruhe verleiht. "Seht Papandreou, den Mann ohne Stimme der Griechen / Nicht mehr kämpft er. Er hat alles / nichts gegeben / Nämlich ein Beispiel, das gefällt / nicht gefällt. / Lasst ihn abgehn. Kein Verbrecher kein Held."

Im zweiten Teil gerät manches überdeutlich. Die wackeren Putzfrauen tragen Besen und Eimer. Yanis Varoufakis tritt mit Motorradhelm auf. Das ist auch ein Problem des Textes, der manchmal populistische Züge trägt. Dass die Politiker von Venizelos bis Schäuble keine Sympathieträger sind, mag einleuchten. Dass Papandreou ein von der Steuer abgesetzter Bordellbesuch angedichtet wird, eher nicht.

Meist aber ist diese konzentrierte Uraufführung ein Erlebnis. Nur dass der dritte und beste Teil des Stückes fehlt, verwundert. Braun beschreibt im Epilog die eigene Überforderung angesichts von Flüchtlingskrise, Pegida und Dauerüberwachung. Und er äußert sein Befremden gegenüber einem Theater, das meint, all dem mit Bürgerchören beikommen zu können. Sein Stück "Die Griechen" ist so ziemlich das Gegenteil: ein Sprachkunstwerk. Ein großer historischer Bogen. Und, was zurzeit im Theater selten ist: eine Überforderung.

© SZ vom 21.09.2016
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