Theater Schlussknaller auf dem Landgut

Die Theaterprovinz ist viel besser als ihr Ruf: Das zeigt Neil LaButes Inszenierung von "Onkel Wanja" im Theater in Konstanz.

Von Christine Dössel

Es ist das erste Mal in der Geschichte des Konstanzer Theaters, dass "Onkel Wanja" auf dem Spielplan steht - und das Haus hat eine lange Geschichte, sie geht zurück bis ins Jahr 1607. Anton Tschechows "Szenen aus dem Landleben" sind das vielleicht traurigste Drama über die verpassten Chancen im Leben und das Leid vergeblicher, unerwiderter Liebe. Das russische Stillstandsdrama par excellence. Ausgewählt hat es ein prominenter Gastregisseur aus Übersee: der Dramatiker Neil LaBute, geboren 1963 in Detroit, einer der bedeutendsten amerikanischen Theaterautoren und seit seinen Independent-Filmen "In the Company of Men" (1997) und "Your Friends & Neighbors" (1998) auch als Hollywoodregisseur tätig.

Neil LaBute ist als Dramatiker weltweit eine große Nummer. In seinen finsteren Stücken - "Bash", "Das Maß der Dinge", "Tag der Gnade", "Fettes Schwein" - lotet er psychologisch hart und präzise menschliche Beziehungen aus, schaut in seelische Abgründe. In seinen Filmen arbeitet er mit Stars wie Gwyneth Paltrow, Renée Zellweger, Ben Stiller, Morgan Freeman. Im Sommer hat er die erste Staffel einer neuen Vampir-Serie mit dem Titel "Van Helsing" abgedreht. Danach brach er zu den Proben nach Konstanz auf, wo er vor zwei Jahren schon mal einen Workshop geleitet hat, ein "Internationales Autorenlabor" - daher der Kontakt zu dem umtriebigen Konstanzer Intendanten Christoph Nix.

Neil LaBute verlegt Tschechows Stück in die ČSSR, Sommer 1968 - aber das geht nicht auf

Neil LaBute als Regisseur in Konstanz, das ist eine Win-win-Situation: Dem Konstanzer Haus, einer der kleinsten Bühnen im deutschsprachigen Raum (sie haben dort nicht einmal eine Pforte, geschweige denn eine Kantine und müssen aufgrund der Raumsituation Stücke en suite spielen), dem kleinen "Provinztheater" bringt es überregionale Aufmerksamkeit und dem Ensemble einen ganz anderen Input.

Umgekehrt spricht LaBute im Gespräch mit dem produktionsleitenden Dramaturgen Andreas Bauer im Programmheft von der "Verwirklichung eines Traumes". Inszeniert der Amerikaner zu Hause in New York vornehmlich seine eigenen Stücke, war bei seinem Regiedebüt im deutschen Sprachraum "Onkel Wanja" sein Wunschstück: "Seine Schlichtheit und die schmerzliche Eleganz des Textes wie auch der Figuren finde ich herzzerreißend." Und viel mehr Zeit, so einem Drama mit seinen Nuancen "auf den Grund zu gehen", hat man am deutschen Stadttheater auch.

Nun ist das deutsche Theater aber auch für seine unerschrockenen, wenn nicht unverschämten Regiezugriffe bekannt, vulgo: Regietheater. Vielleicht, um dem ein bisschen Rechnung zu tragen und nicht ganz so amerikanisch-brav rüberzukommen, verlegt LaBute "Onkel Wanja" aus der russischen Provinz des späten 19. Jahrhunderts in eine andere Zeit und ein anderes Land. Nein, nicht ins Heute, auch nicht etwa in die USA. Sondern in die Tschechoslowakei im Sommer 1968, kurz vor Ende des Prager Frühlings.

Warum er das tut? Damit er viel Beatles-Musik einspielen kann. Und damit die nicht immer geschmackssichere Ausstatterin Regina Fraas sich retroselig aus dem Sixties-Fundus bedienen kann, mehr Gründe erschließen sich zunächst nicht. Erst nach dem Schluss-Knaller, mit dem LaBute die Zuschauer entlässt, versteht man die Setzung besser. Aber davon später. Im Laufe der Aufführung jedenfalls wird das tschechische 68er-Setting fast ganz aus dem Blick verloren, es tut auch nichts zur Sache, stört eher, gerade weil es inhaltlich nie je vertieft wird. Nein, Mister LaBute, so einfach geht deutsches Regietheater natürlich nicht, es gibt im Übrigen auch überhaupt keine Verpflichtung dazu.

Innerhalb seines gesetzten Rahmens tut LaBute dann aber gar nicht erst so, als sei er ein Regie-Wilder. Er bedient sich ganz konventionell eines psychologischen Realismus, lässt die Figuren vor einer aufgemalten Birkenwaldkulisse auf- und ab- und in Dialog miteinander treten, setzt sie auf Gartenstühle und lässt sie Tee trinken. So weit, so unaufregend.

Allerdings nimmt LaBute - hierin ganz Amerikaner - Tschechows Stück ungeniert als well-made play, was zur Folge hat, dass "Onkel Wanja" bei ihm wie eine Boulevardtheaterkomödie daherkommt: sehr direkt, unverblümt, entertaining - mit effektbewussten Auftritts-, Lied- und Lachnummern, sommerlichem Vogelgezwitscher und einigen handfesten Übergriffen. Was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, insgesamt aber doch erfrischend ist.

Dass das gut geht, liegt nicht zuletzt an der dynamischen Neuübersetzung von Elena Finkel, die den Schauspielern so glaubwürdig und barrierefrei heutig von der Zunge geht. Und es liegt natürlich an diesen Schauspielern selbst, die den Raum, den der Regisseur ihnen für Charakterzeichnung, Figurenentfaltung und auch mal leise Töne lässt, bestens zu nutzen wissen.

Thomas Fritz Jung gelingt es, seinen Arzt Astrow als Leucht- und Sympathiefigur in den Mittelpunkt zu rücken. Er trägt Schlaghosen, Lederjacke und Revoluzzerbart, hat Witz und die Haare schön. Der attraktivste Mann der Provinz, von der etwas dummselig ihn anschmachtenden Sonja (Laura Lippmann) vergeblich geliebt, hätte das Zeug zum Aufbruch, zum flammenden Weltverbesserer. Aber auch er verfängt sich in der Macht der Gewohnheit und ertränkt seinen Geist im Wodka.

Seit der nervige Kunstprofessor Alexander Serebrjakow (Ralf Beckord) angereist ist, für den Wanja und Sonja treudoof das Gut bewirtschaften, haben die Männer nur noch Augen für dessen Frau Jelena, die hier vor allem durch ihre Minikleider und Lederstiefel besticht. Natalie Hünig gibt ihr einen so robusten Touch, dass man sich fragt, warum sie ihren Alten nicht einfach verlässt. Wenn sie mit dem Doktor flirtet, wird dieser schon mal lüstern-rabiat. Die Männer sind hier das, was die Amerikaner oversexed and underfucked nennen. Das wird sich am Ende fatal entladen.

Franziska Kleinert (als Kinderfrau Marina) und Arlen Konietz (der narbengesichtige "Streusel") fallen in ihren Nebenrollen mit feinhumorigen Momentaufnahmen auf. Und Sebastian Haases Wanja - Typ Marius Müller-Westernhagen - läuft vom hager-stolzen Leisetreter und Herumlieger des Anfangs zu verbittert-aggressiver Form auf. Das ist einer, der sich über die Jahre still radikalisiert und mit Wut angefüllt hat. Der nun, da ihm sein verpatztes Leben klar vor Augen liegt, nur noch in Extremen reagieren kann.

In der letzten Szene, wenn Sonja in ihrem Positivmonolog das Weiterleben beschwört, sitzt er apathisch da, wie in der Depression versunken, um alsdann nicht etwa an sich, sondern an seine Nichte Hand anzulegen, sie begrapschend, bedrängend, sie vergewaltigend. Mit Sonjas Hilferufen endet der Abend, der eiserne Vorhang geht herunter, der Applaus wird verwehrt. So hat Neil LaBute am Ende doch noch einen echten Regietheaterschocker nachgelegt, und so tieftraurig, wie das gespielt ist, geht das sogar auf - und geht einem nach.

Auch Becketts "Endspiel" in der Regie von Andrej Woron ist in Konstanz gelungen

Zu gestehen, dass man so einen Abend in Konstanz nicht erwartet hätte, mag nach Großstadtarroganz klingen. Aber man muss es einmal sagen: Die sogenannte Theaterprovinz ist sehr viel besser als ihr Ruf, es hat sich da in den letzten zehn, fünfzehn Jahren inhaltlich und ästhetisch viel getan. Die Theater öffnen sich, es gibt internationalen Austausch, die Ansprüche sind gestiegen, die Niveau-Margen auch.

In Konstanz braucht auch Becketts "Endspiel" in der Regie von Andrej Woron den Vergleich mit größeren Häusern nicht zu scheuen, es hat schon wesentlich langweiligere Versionen des Schlagabtauschs zwischen Hamm und Clov in ihrem Endzeitbunker gegeben. Der Pole Woron, Jahrgang 1952, ist in Konstanz regelmäßiger Regiegast. Er hat Malerei studiert und ist immer sein eigener Bühnenbildner. Für das "Endspiel" hat er eine schwarze Schachtel gebaut, in die er wie mit Kreide Kacheln gezeichnet hat. Der Boden, die Wände: von weißen Gitterstreifen bedeckt, die fluoreszierend leuchten. Überhaupt ist hier alles be- und gezeichnet oder mit Klebeband markiert, von den Fensterchen an der Wand über das Muster an den Mülltonnen bis hin zur Küchentür: ein Zeichenraum, ganz und gar künstlich und kindlich.

Der ruppige, blinde Hamm in seinem Pflegestuhl (Odo Jergitsch) und sein hinkefüßiger, erstaunlich muskelbepackter Zausel-Freund Clov (André Rohde) erscheinen darin wie Freaks in einer Geisterbahn. Sie sind aber auch Herr und Knecht, Robinson Crusoe und Freitag, und vor allem sind sie: Theaternarren, Clowns. Zwei Exitenzialkomiker, die mit Becketts Sprache leicht und lustig jonglieren, während der Boden sich mit Wasser füllt. Jörg Dathe und Bettina Riebesel tragen als elterliche Gespenster in der Tonne heiter zu diesem Gruselkabinettstückchen bei. Konstanz kann's.