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Theater:Schluss mit rustikal-lustig

Berlin, Komoedie am Kurfuerstendamm, Blick in den Zuschauerraum

Die Komödie am Kurfürstendamm hat eine lange Geschichte. Unser Bild zeigt den Zuschauerraum bei der Eröffnung im Oktober 1924.

(Foto: Zander & Labisch/Ullstein)

Räumungsklage: Das Berliner Theater am Kurfürstendamm droht einem ominösen Investor zum Opfer zu fallen.

Der Saal 142 der Berliner Landgerichts ist ein eher glamourfreier Ort. Am Dienstag wurde hier über die Zukunft des größten Boulevard-Theaters in Berlin entschieden: Ein Immobilieninvestor mit dem kryptischen Namen Propco 1 S. à.r.l. hat mit einer Räumungsklage die fristlose Kündigung der Komödie und des Theaters am Kurfürstendamm erwirkt. Der Investor erwarb das Ku'damm-Karree, ein Filetgrundstück in bester Hauptstadtlage, für mehr als 100 Millionen Euro. Jetzt will er es entmieten, um Platz für Neubauten für Einzelhandel und Büros zu schaffen. Für das vor knapp 100 Jahren gegründete, heute in dritter Generation von der Familie Woelffer geführte Privattheater wäre dies das Aus. Von dem Angebot, im Keller des Neubaus ein Theater einzurichten, hält Martin Woelffer nichts: Ein Boulevardtheater gehört auf den Boulevard, braucht Laufpublikum.

Die Berliner Politik hat der drohenden Zerstörung des Theaters eher desinteressiert zugesehen. Für Marc Schulte, den zuständigen SPD-Bezirks-Baustadtrat, haben Investorenwünsche offenbar Vorrang. "Herr Schulte spricht nicht mit uns, den Investoren rollt er den roten Teppich aus. Auch Kulturstaatssekretär Tim Renner hält sich vornehm zurück", sagt Reiner Geulen, der Anwalt des Theaters.

Die Bühne mit gut 200 000 Besuchern im Jahr ist nicht irgendein Theater. Gegründet von Max Reinhardt, erbaut von Oskar Kaufmann, dem Berlin auch die Volksbühne und das Hebbel-Theater verdankt, ist es ein Stück Theatergeschichte. Brechts "Mahagonny" und Hochhuths "Stellvertreter" kamen hier zur Uraufführung. Im alten West-Berlin war das Theater das Unterhaltungswohnzimmer, in dem Wolfgang Neuss und Harald Juhnke auftraten. In den letzten Jahren wechselte die Regisseurin Katharina Thalbach vom Berliner Ensemble zum Ku'damm, demnächst spielt hier Maria Furtwängler Theater. Das etwas aus der Zeit gefallene Ambiente, die Himbeerbowle als Pausengetränk, das Publikum, das wirkt, als hätte es sich schon vor dem Mauerbau hier amüsiert, der rustikale Humor der Boulevard-Reißer - das hat seinen eigenen Charme. Egal ob in Berlin Mauern gebaut oder gestürzt wurden, die Betreiberfamilie Woelffer hat einfach immer weitergemacht. Die Letzten, die sie aus ihrem Theater vertreiben wollten, waren 1942 die Nationalsozialisten: Weil ihnen der Spielplan nicht gefiel, enteigneten sie Hans Woelffer, den Großvater des heutigen Intendanten Martin Woelfffer.

Hinter dem jetzt vor Gericht ausgetragenen Konflikt steckt mehr als ein brachialer Fall von Gentrifizierung. Nicht nur der Name des Investors ist undurchsichtig. Auch wem diese in Luxemburg gemeldete Propco 1 S. à.r.l. gehört, sogar ob sie als Firma überhaupt vor deutschen Gerichten klagefähig ist, ist strittig. Anschreiben des Theaters kamen als nicht zustellbar zurück. Eine Juristin der Anwaltskanzlei Geulen fand an der Luxemburger Firmenadresse keinen Hinweis auf das Unternehmen, dafür viele zugeklebte Briefkästen. Die Anwälte der Bühne recherchierten, dass die Propco 1 S. à.r.l. zur Hälfte der Münchner Firma Cells Bauwelt und zur anderen Hälfte der Luxemburger Tochter einer Briefkastenfirma mit Sitz in Panama gehört, die von Zypern aus geleitet wird. Der Sinn der verschachtelten Firmenkonstruktion ist es offenbar, Besitzverhältnisse zu verschleiern. Miteigentümer soll der russische Geschäftsmann Mikhail Opengeym aus dem Umkreis der Oligarchen und Putin-Freunde Arkadi und Botis Rotenberg sein. Da die Rotenbergs als Unterstützer der Seperatisten in der Ostukraine auf einer schwarzen Liste der EU stehen und hier weder einreisen noch investieren dürfen, wüsste Anwalt Geulen gerne, ob es sich bei Opengeym um einen Strohmann der Oligarchen-Brüder handelt. Hinter der Auseinandersetzung zwischen dem Theater und dem ominösen Investor könnte ein veritabler Wirtschaftskrimi stecken.

Der Gerichtstermin am Dienstag sollte klären, ob die undurchsichtige Propco 1 S. à.r.l. als juristische Person überhaupt existiert und das Recht hat, vor einem deutschen Gericht einen Prozess zu führen. Geulen bestreitet das. Vor dem Landgericht konnte sich das Theater mit dieser Rechtsauffassung nicht durchsetzen. Das Gericht erklärte die fristlose Kündigung der Bühne für rechtens. Das Theater geht jetzt in die nächste Instanz, vor das Kammergericht, und ist entschlossen, notfalls bis zum Bundesgerichtshof zu gehen. Der Weg durch die Instanzen kann sich über mehrere Jahre hinziehen. Bis dahin gibt es am Kudamm weiter Himbeerbowle und Boulevard-Scherze.

© SZ vom 19.10.2016
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