Theater Party des Lebens

Das Düsseldorfer Schauspielhaus wartet mit einer Abiturball-Komödie von Sarah Nemitz und Lutz Hübner auf.

Von Martin Krumbholz

Der Abiball ist ein höchst sonderbares Ritual. Ihren Schulabgang feiern die Heranwachsenden, indem sie erst einmal kräftig Schulden machen - so eine Sause im Komfort-Hotel kann schon mal 20 000 Euro kosten. Und bitte, was haben die Eltern dabei verloren? Im Grunde dreht sich der ganze Abend darum, die älteren Herrschaften nicht die Contenance verlieren zu lassen. Und das klappt nie.

An diesem Dilemma arbeitet sich Lutz Hübners und Sarah Nemitz' Komödie personalintensiv und pointensicher ab. Einige Schüler, zwei Lehrkräfte und mehrere versprengte Elternteile (es gibt ja keine Familien mehr) versammeln sich, in diesem Fall, in einer Aula. Ein Security-Mann und ein DJ sind selbstverständlich auch dabei. "Nach achtzehn Jahren Knechtschaft haben wir jetzt mal Ruhe - bis die Enkel kommen", versichert eine der Mütter, indem sie sich an die Sektbar begibt. Auch das rund um die Spielfläche im Bühnenraum des Düsseldorfer Schauspielhauses platzierte Publikum darf sich ein Gläschen genehmigen. Man ist in Robert Lehnigers Inszenierung Teil der Party.

Das bittere Resümee: Die Alten und die Jungen haben sich nichts zu sagen

Was Hübner und Nemitz erzählen wollen, lässt sich an zwei Figuren veranschaulichen. Da ist einmal die von Minna Wündrich gespielte Svetlana, Abiturientenmutter, Psychotherapeutin. Was man dem wenig souveränen Umgang mit ihren Angehörigen durchaus nicht anmerkt. Die gar nicht so verkehrten Ambitionen ihres Sohnes bleiben ihr fremd. Zu sehr ist sie damit beschäftigt, ihre eigene Mutter, die "Oma" (Manuela Alphons) in Schach zu halten - die entpuppt sich als wandelnder Albtraum, bizarr rechthaberisch, dreist in den Mittelpunkt drängend. Svetlana leidet intensiv, versteht wenig, am Schluss aber angelt sie sich - nein, keinen Millionär, aber immerhin den von einer Freundin abgelegten Fahrlehrer Michi. Die Flirt-Szene zwischen Wündrich und Jan Maak ist die schönste des Abends.

Der Abiturient Jonas (Vincent Sauer) ist ein Streber. Niemand mag ihn, den Anzug- und Krawattenträger, der langweilige Reden hält, nirgends Anschluss findet und den Security-Mann an der Leine führt. Er klaut sie seinem eigenen Vater, seinerseits ein furchtbarer Besserwisser, der eine toxische Atmosphäre des Selbsthasses um sich herum verbreitet. Im Grunde seines Herzens ist Jonas ein ganz netter Kerl, aber bei so einem alten Herrn - was will man machen?

Hübners und Nemitz' Resümee ist bitter: Die Alten und die Jungen haben sich schlichtweg nichts zu sagen. Und wenn einer der Alten, in diesem Fall ein ausgeflippter Kunstlehrer, eine Moral im Gepäck hat, dann ist sie vernichtend: "Eure Begabungen verflüchtigen sich, verkümmern oder fallen eurer Faulheit und Feigheit zum Opfer", kündigt diese selbstgefällige Kassandra an und fügt düster hinzu: "Ich weiß, wovon ich spreche!"

Leider geht das Menetekel, wie so manches andere, im hochgezüchteten Instrumentarium der Aufführung, mit Live-Kamera und Video-Einspielungen, beinahe unter. Hübner und Nemitz schreiben Stücke, wie es im 19. Jahrhundert ein Feydeau oder Labiche getan haben - sozusagen am Fließband. Die Dramaturgie schnurrt, die Dialoge laufen perfekt auf ihre Pointen hinaus. Das Problem der Düsseldorfer Inszenierung liegt darin, dass die Screwball-Ästhetik der Vorlage mit der diffundierenden, raumgreifenden Spielweise kaum kompatibel ist. Theater ist nun mal kein Kino, man kann das jeweils nicht gefragte Personal nicht einfach ausblenden. Man kann Großaufnahmen mit der Live-Kamera simulieren, aber Überflüssiges nicht wegschneiden.

In seinen mobilen Klassiker-Inszenierungen ("Faust" und "Nathan") hat Regisseur Robert Lehniger höchst einfallsreich agiert. Multimedia war dabei Trumpf. Ein ähnliches Besteck auf ein kompaktes, eher intimes Boulevardstück anzuwenden - das funktioniert weniger gut. Die Pointen leiden. Auch wenn das Autorenpaar sich beim Applaus nicht anmerken lässt, wie sehr.