Theater Osnabrück:Jetzt wacht schon auf

Das Waldhaus - Theater Osnabrück, 2021

Nadine (Katharina Kessler) ist auserwählt, nur weiß sie noch nichts davon.

(Foto: Maria Koltschin)

Der Film "Das Waldhaus" des Theaters Osnabrück ist ein origineller Verschwörungs-Thriller, ohne echten Grusel.

Von Christiane Lutz

So einen guten Apfel hat Nadine noch nie probiert. Kein Wunder, der wurde schließlich nach biodynamischen Grundsätzen herangezüchtet, von den Eltern von Marek, ihrem Freund. Wirklich lecker. Das war's dann auch mit Smalltalk und Harmonie bei diesem Schwiegereltern-Kennenlernen. Denn Mareks Eltern sind üble Verschwörungstheoretiker und Rassisten. Kurz: der Horror.

Offenbar davon inspiriert hat Regisseur Dominique Schnizer "Das Waldhaus" dann auch inszeniert: als Horrorfilm, als Psychothriller. Es ist die Uraufführung des neuen Stücks von Rebekka Kricheldorf, ein Auftragswerk des Theater Osnabrück. Eine unterhaltsame und originelle Form für einen guten Stoff, aber vielleicht nicht die richtige.

Es beginnt wie im besten Hollywood-Popcorn-Kino: Ein Pärchen fährt mit dem Auto am Waldhaus vor, es ist Nacht, natürlich. "Hier hast du komplette Ruhe von allen und allem", sagt Marek (Philippe Thelen), was hier nichts Gutes verheißt. Nervöse Musik schon beim Betreten der schummrigen Räume. Bücher, Geweihe, ein Kruzifix. Dann kommen die Eltern, zwei Weißhaarige in Walle-Gewändern. Alles klar, denkt man, am Ende ist hier einer tot.

Doch dann entspinnt sich ein verschwörungstheoretisches, textlastiges Kammerspiel. Nadine (Katharina Kessler) gerät ins Kreuzverhör dieser seltsamen Eltern (Cornelia Kempers und Ronald Funke), sie fragen sie zu ihrem Glauben aus, zu ihren Vorstellungen vom Leben: "Ist denn diese Tätigkeit genau das Optimum, was du als Mensch, als exakt die, die du bist, der Gesellschaft geben kannst?". Harter Stoff, findet auch die zunehmend verstörte Nadine. Dann stellt sich heraus, dass die ganze Familie (inklusive Freund Marek) einem ritterlichen Templer-Orden angehört, der, man kann es nicht geringer ausdrücken, den gesellschaftlichen Umsturz plant. Vom großen Austausch ist die Rede, von genetischer Verantwortung, vom selbständigen Denken. "Wach auf!" zischen sie Nadine zu. Nadine reißt die Augen auf, in Panik.

Wie lang soll man mit Verschwörungstheoretikern diskutieren?

So schräg das Ganze klingt: Kommt einem doch sehr bekannt vor, diese Verschwörungstheorien, der Rassismus. Mareks Eltern, einst linke Ökos, sind ans andere Ende des Spektrums gewechselt und jetzt rechts. Die Mutter schimpft: "Wir müssen uns doch mit den armen Unterdrückten solidarisieren! Blöd nur, dass wir selber weiß und privilegiert sind. Das daraus resultierende schlechte Gewissen muss nun irgendwie abgearbeitet und gesühnt werden." Sie hat da keine Lust mehr drauf.

Das Genre des Verschwörungstheorie-Dramas ist kein besonders populäres. Die Dinge so konkret beim Namen zu nennen, ist ungewöhnlich. Zu schnell wird es dogmatisch, zu platt, wenn Autoren allzu eifrig versuchen, Debatten eins zu eins auf der Bühne abzubilden. Rebekka Kricheldorf traut sich das, prescht in schönstem Querdenker-Sprech nach vorn, bedient rassistische Klischees, warum auch nicht, sie ist eine extrem versierte Autorin.

Sie führt in ihrem Debattenstück brutal vor, wie schnell man als selbstreflektierter, nachhaltig bewegter Millenial von Verschwörungstheoretikern in Erklärungsnöte gebracht wird. Wie lang soll man mit Menschen diskutieren, die völlig anderer Meinung sind? Soll man überhaupt diskutieren? Wann ergreift man die Flucht? Auch das: sehr bekannt, sehr aktuell.

Irgendwann dreht das alles dann aber doch zu sehr ab: Der Vater singt mittelhochdeutsche Weisen und verkündet, Nadine sei hier, um sich mit einem ranghohen Ordensmann fortzupflanzen, wie in einem christlich-rassistischem Lebensborn. Sie ergreift die Flucht. Am Ende, richtig, ist jemand tot.

Dominique Schnizer will echten Grusel erzeugen und bedient sich genüsslich aus dem filmischen Horrorfilm-Kasten. Wie viel davon Idee der Autorin war, wie viel des Regisseurs, ist schwer zu sagen. Richtig zündet der Grusel jedenfalls nicht, das kann das Kino viel zu gut. Zu aufdringlich schwelt die Musik, zu auffällig das Kruzifix in der Ecke, zu weit die Augen aufgerissen (Kamera: Nicolai Alexander Michalek und Viktor Windus). So originell die Idee ist, so gern das Theater ruhig öfter mit Psychothrillern experimentieren sollte: Die Übersetzung der Horror-Meinungen in Horror-Handlungen wirkt zu gewollt, eher unfreiwillig komisch. Dann doch gleich eine Splatter-Komödie aus dem Stück machen, das hätte vielleicht besser gepasst. Den Verschwörungstheorien die absurdeste Fratze zeigen.

© SZ/fxs
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