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Theater:Murks den Europäer

Comicbuntes Trio aus Helden des Westens und Westernhelden.

(Foto: Martin Kaufhold)

Je mehr der Autor Konstantin Küspert an der Welt verzweifelt, desto tiefer gräbt er sich in ihre Geschichte. Sein neues Stück "Der Westen" ist mal wieder ein Kommentar auf alles. Uraufgeführt hat es Sibylle Broll-Pape in Bamberg - als rasantes Kabarett.

Am Anfang spricht Lady Liberty, die Freiheitsstatue, aber so rechte Lust dazu scheint sie nicht zu haben. Verbeult schaut sie aus - die lustigen Kostüme stammen von Trixy Royeck -, nur mühsam berappelt sie sich und richtet sich auf einem Hügel auf, neben einem verloren herumstehenden Plastikkaktus. Sie erzählt von der Freiheit, die "halt relativ" sei, erzählt vieles, was man weiß, und nichts, was man nicht weiß, von Flüchtlingsbooten und Nordkorea, von der Unfreiheit in einem 40-Stunden-Job und davon, dass in "Griechenland, Italien, Österreich, Japan und Australien zwei erwachsene Frauen sich nicht heiraten dürfen".

Der Autor Konstantin Küspert, ein eher scheu wirkender junger Mann, verzweifelt an der Welt. Er hat in den vergangenen sieben, acht Jahren rund ein Dutzend Theaterstücke geschrieben, neben seiner Arbeit als Dramaturg, zuerst in Karlsruhe, mittlerweile am Schauspiel Frankfurt. Er hat ein Stück geschrieben über die Rettung Europas ("Europa verteidigen"), was ihm den Publikumspreis bei den Mülheimer Theatertagen einbrachte; er sezierte Burschenschaftler und die rechte Radikalisierung des deutschen Mittagstischs ("Rechtes Denken"). Diese beiden Stücke hatten ihre Uraufführung am E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg, wo nun Küsperts jüngster Text herauskam, "Der Westen". Wobei die eigentliche Uraufführung in der Inszenierung von Sibylle Broll-Pape vor Kurzem bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen stattfand.

Konstantin Küspert seziert in seinen Stücken rechtes Denken und die Kriegsfolgen der Welt

Broll-Pape hat 2015 das Theater in Bamberg übernommen, das zuvor einen seligen Dornröschenschlaf schlief, wie er sich oft einstellt, wenn ein Intendant zu lange an einem Haus ist. Noch dazu war Rainer Lewandowski, ihr Vorgänger, nicht sonderlich von der Not gepeinigt, Theater müsse auf die Welt da draußen reagieren. Dann richtete Sibylle Broll-Pape sich selbst Hebbels "Nibelungen" für einen passenden Neustart her und ließ diesem sehr deutschen Drama Küsperts "Rechtes Denken" gegenüberstellen, und auf einmal war das E.T.A.-Hoffmann-Theater ein lebendiger, wacher Ort des zeitgenössischen Theaters.

Ohne ihn als Dichter schmähen zu wollen, funktionieren Küsperts Stücke doch so am besten: als Kommentar, als Gedankenraumerweiterung in vorgegebenen Kontexten. Denn er ist emsig, fängt bei den Wikingern und Karthago an, wenn er über Europa erzählt, sammelt alle erdenklichen Haltungen, wenn er über rechte und rechtsradikale Strömungen schreibt. Nun fehlt bei "Der Westen" ein konkretes Gegenüber im engeren Zusammenhang des Bamberger Theaters. Das Stück taugt als Kommentar auf vieles, was Gesellschaft gerade umtreibt.

Wieder gräbt sich Küspert idiosynkratisch durch die Geschichte als Lehrstück. Es taucht, sehr witzig, eine russische U-Boot-Besatzung auf, der Erste Weltkrieg wird gestreift, eine deutsche Panzerbesatzung verfährt sich im Zweiten, Lucky Luke konstatiert, zwar immer noch schneller als sein Schatten schießen zu können, dass dies bei einer allgemeinen Aufrüstung der Zivilbevölkerung aber sinnlos geworden sei. Der römische Kaiser Flavius Theodosius vererbt das Reich an seine zwei Söhne, diese zerhacken es, kaum ist der Alte verblichen. Dann gibt es noch einen vom permanenten Fortschritt gepeinigten Super-Mario, der als japanische Videospielfigur in Gestalt eines italienischen Klempners Japan als extremstes, getriebenstes Land des Westens vorstellt.

Das ist nur ein Teil des Figurenpersonals, das in Bamberg von einer Schauspielern und vier Schauspielern verkörpert wird, unterstützt von einer Videoleinwand und aberwitzigen Comic-Kostümen. So weit, so munter, aber wo ist die Erkenntnis? Die liegt darin, dass in den letzten 2000 Jahren, oder jedenfalls so lange, wie so etwas wie ein Westen existiert, seine Vertreter ausschließlich Murks gemacht haben, Kriege anzettelten, andere Völker umbrachten und mit Sicherheit die Welt vernichten werden.

Sibylle Broll-Pape macht aus den ohnehin schon sehr nach vorne geschriebenen (Mini-)Szenen ein rasantes Kabarett, durch das Film- und Fernsehmusiken wie aus "Game of Thrones" oder - bei Lucky Luke - "Natural Born Killers" oder "True Detective" rauschen. Manche Szenen wie ein Trump-Auftritt oder Angela Merkel bei Gerhard Schröder sind niederschmetternd in ihrer Plumpheit, andere dagegen brillant. Da versucht Kolumbus Königin Isabella vom Supergeschäft mit dem Sklavenhandel zu überzeugen, redet von "Target Value Index" und ähnlichem Zeugs, bis aus dem Weltentdecker der Globalisierungskönig Steve Jobs geworden ist. Da wird es böse, gut so.

© SZ vom 02.06.2018

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