Theater Mikrofonständer werden zu Gewehren

Unheimliche Funkenmariechen: Die Tanzgarde der Stadt Düsseldorf zeigt „Witness“ von Reut Shemesh.

(Foto: Robin Junicke)

Rheinische Folklore, Gewalt in der Kunstszene: Eindrücke vom Festival des freien Theaters "Impulse".

Von Martin Krumbholz

Es begann mit Folklore - und zugleich mit einer unheimlichen Begegnung der dritten Art. Der Gardetanz ist an sich keine genuine Erfindung der freien Theaterszene, sondern fester Bestandteil des Karnevals. Da marschiert und tanzt die katholische (Mädchen-)Jugend Düsseldorf. Die Röcke sind kurz, die Zöpfe blond, das Lächeln festgefroren. So auch in der kurzen Performance, die zum Auftakt des diesjährigen Impulse-Festivals im Tanzhaus NRW die übliche Begrüßungszeremonie auflockerte. Doch dann kam's: Plötzlich erstarrten die ohnehin absurden Bewegungsabläufe zu leblosen Mustern; das gefrorene Lächeln in den munteren Gesichtern erlosch; Totenstille. Musik gab es nicht. Was war das? Dekonstruktion einer Fröhlichkeit, die dem Rheinländer doch längst in Fleisch und Blut übergegangen ist?

Man könnte meinen, dank dieser blitzgescheiten Performance würde urplötzlich ein tieftrauriger Kern des Karnevals hervorgezaubert, von dem unsere Schulweisheit sich wenig hat träumen lassen. Und man darf gespannt darauf sein, wie die Choreografin Reut Shemesh das Format mit den jungen Tänzerinnen weiterentwickelt, denn "Witness", so der Titel der Show, war nur ein Ausschnitt aus einem größeren Projekt. Trügt der Eindruck, dass auch bei einigen der versammelten Honoratioren das festliche Lächeln kurz zur Maske gefror?

Es ging dann, am Eröffnungsabend, mit dem "Zweiten Versuch über das Turnen" von der Gruppe "Hauptaktion" weiter, einer eher spröden Abhandlung über die Geschichte - und vor allem die politische Instrumentalisierung - einer sich leiblich ertüchtigenden, nämlich der deutschen Nation, seit Turnvater Jahns Zeiten. Also über 200 Jahre, die rückwärts heruntergezählt werden. Kritisch referieren lässt sich das, szenisch illustrieren weniger, es sei denn - eben durch das Ab-, Vor- und Durchturnen sogenannter Übungen, die Sportlehrer jeglicher Couleur sich seit den Napoleonischen Kriegen ausgedacht haben. Gymnastik (auch wenn aus Täuschungsgründen das Wörtchen "nackt" darin steckt) ist unbestreitbar eine der unsinnlichsten menschlichen Erfindungen schlechthin.

Die Adaption von fiktionaler Literatur ist in der freien Theaterszene verpönt. Ebenso das Verkörpern von Rollen, man nennt es Repräsentation. In der in Mülheim an der Ruhr stattfindenden "Akademie", einem der drei Pfeiler des auf drei Städte verteilten Festivals, wurde die Debatte um "Repräsentationskritik" im Freien Theater in den Kontext des aktuellen politischen Rechtsrucks gestellt. Dass indes der didaktische Anspruch und das strenge Gebot politischer Korrektheit durchaus zu Konflikten, Widersprüchen und Missverständnissen führen kann, war andernorts geradezu wie unter einem Brennglas zu beobachten. Die außerordentlich kluge Performance "All Inclusive" von Julian Hetzel löste bei ihrer Präsentation im Forum Freies Theater eine heftige Debatte aus, weil darin fünf Geflüchtete, als Statisten, sich selbst darstellen.

Die kluge Performance "All Inclusive" polarisierte - andere Formate waren erheblich gefälliger

Hetzel kommt aus der Kunst- und elektronischen Musikszene. "All Inclusive" zeigt unter dem Titel "Escape" eine frei erfundene Kunstausstellung, die Gewalt in unterschiedlichen Formen, vor allem aber im Kontext von Kriegen, thematisiert. Am Anfang stellen zwei Männer, sehr gekonnt, ikonografische Fotografien nach, die das Töten von Menschen (und Tieren) dokumentieren. Dann tritt eine Kuratorin auf und erklärt einer Handvoll Geflüchteter aus Syrien, wie in der Ausstellung kriegerische Objekte, zum Beispiel Bomben, in "Schönheit" verwandelt werden. Oder wie aus Porzellanhunden, indem man sie zertrümmert, "Götter" werden. Am Schluss widmen die beiden Männer Mikrofonständer zu Gewehren um und "erschießen" die Kuratorin; ihr Blut wird auf eine Leinwand gespritzt, das entstehende Produkt firmiert als "Action Painting" - eine Erfindung der Sechziger, wie die Kuratorin anfangs erläutert hat.

"All Inclusive" ist ein satirischer Beitrag zur Adaption von Gewalt in der Kunstszene, bis hin zu erklärten Stars wie Ai Weiwei (dessen Ausstellung in Düsseldorf Besucherrekorde schlägt). Es geht also um das Verhältnis von Ethik und Ästhetik. Das durfte Hetzel in der sich anschließenden Diskussion noch einmal erläutern. Die Geflüchteten beteuerten, wie sehr ihnen ihr Auftritt, trotz aller Betroffenheit, trotz der aufkeimenden Erinnerungen an Erlittenes, Spaß gemacht habe. Aber nein, riefen da einige Empörte im Publikum, das darf ihnen keinen Spaß machen, die Geflüchteten werden missbraucht, man zwingt sie, ihr reales Leid in einem Entertainment-Programm zu spiegeln! Das ist zynisch! Eine besonnenere Diskutantin meinte, man befinde sich hier, bei der Diskussion, sozusagen in einem "Gift Shop"; im Anschluss an die Performance werde das Gesehene noch einmal durchgehechelt, bevor man das Museum bzw. Theater verlassen dürfe.

Haiko Pfost, der die "Impulse" im zweiten Jahr leitet, hat mit dem Protest gerechnet. Nein, er sei nicht überrascht, meint er, und tatsächlich sei "All Inclusive" der provokanteste Beitrag des "Show Case", der ein Dutzend herausragender Produktionen der freien Szene, ausgewählt aus rund 300, zur Aufführung bringt. Und in der Tat: andere Formate sind erheblich gefälliger, sie spalten das Publikum nicht, sondern nehmen es freundlich an der Hand. In "White Limozeen" von Johannes Müller und Philine Rinnert dekonstruieren zwei sehr sympathische Menschen, eine farbige amerikanische Sopranistin und eine chinesische Perkussionistin, Puccinis Oper "Madame Butterfly" unter dem Aspekt rassistischer Klischees (die auch bei Besetzungsfragen eine Rolle spielen). Das kleine Kollektiv Markus&Markus wiederum nähert sich in einem Roadmovie dem Islam, der Titel "Zwischen den Säulen" spielt auf die "fünf Säulen" dieser Religion an. Am Schluss behaupten die beiden Performer, am Ziel ihrer Reise (in Mekka) zum Islam konvertiert zu sein. Diese Wendung ist nun äußerst triftig: Mehr "Immersion" ist schlechthin nicht möglich.

Die "Impulse" dauerten bis Sonntag. In Köln kann man sich unter dem Motto "Angstraum Köln" (eine Referenz an die berüchtigte Silvesternacht 2015) unter anderem mit dem Thema Prostitution befassen.