Theater Männer sind Schweine

Von Männern, die Frauen missbrauchen: Martin Wuttke (vorne) ist einer der Übeltäter in Simon Stones „Eine griechische Trilogie“.

(Foto: Thomas Aurin)

Simon Stone übt in seiner "Griechischen Trilogie" am Berliner Ensemble Rache für 5000 Jahre Patriarchat. In einem finalen Massaker schlachten Frauen die Männer ab. Wie sind sie überhaupt an diese Übeltäter und Dumpfbacken geraten?

Von Peter Laudenbach

Am Ende kriegen sie, was sie verdienen. Der Finanzanalyst, der nach Puffbesuchen regelmäßig seine Frau verprügelt hat. Der Polizist, der bei Notrufen wegen häuslicher Gewalt wegschaut und seine eigene Schwiegertochter vergewaltigt. Der Sohn des Polizisten, der seinen Vergewaltiger-Vater in Schutz nimmt. Der selbstmitleidige Sexshop-Betreiber, der gerne seine Kassiererinnen befummelt. Der Arzt, der für In-vitro-Fertilisationen großzügig den eigenen Samen verwendet hat. Sie alle sind zu kümmerlichen Männchen geschrumpft, nachdem ihre Frauen, Töchter, Mütter sie verlassen haben.

Weil wir im Theater sind, wird das Problem nicht von Familientherapeuten, Staatsanwälten oder einem Scheidungsrichter gelöst, sondern mit einem knalligen Showdown und jeder Menge Kunstblut. Die Problemmänner machen den Fehler, noch einmal leicht wimmernd Kontakt zu ihren Frauen zu suchen, die inzwischen in einer feministischen Landkommune zusammenleben. Das bekommt den erschöpften Herren der Schöpfung nicht gut, sie werden in einem Akt der Befreiung fachgerecht massakriert - sozusagen Rache für 5000 Jahre Patriarchat.

Das ist moralisch selbstverständlich völlig in Ordnung und, reich an Splatter-Effekten, so lustig und lässig wie bei Tarantino. Bei fahlem Bühnenlicht und tröpfelndem Theaterregen soll das finale Männer-Abschlachten gleichzeitig grausam und irgendwie erhaben wirken wie in einer antiken Tragödie. Und genau darin liegt das Problem (nicht nur dieser Abschlussszene) in Simon Stones "Me Too"-Solidaritätsadresse am Berliner Ensemble (BE). Der allseits gefeierte Regisseur kann sich bei seinem Berlin-Debüt nicht entscheiden, ob er einen böse lustigen Geschlechter-Rache-Comic, eine Gendertragödie mit vereinzelten Anspielungen auf antike Vorlagen oder vielleicht doch lieber psychologisch fein nuancierte Charakterstudien zeigen will.

Völlig unverständlich, dass diese tollen Frauen solche Dumpfbacken geheiratet haben

Weil Simon Stone als Regisseur so ziemlich alles kann und am BE mit einem hervorragenden Ensemble arbeitet, gelingt es ihm, jedes dieser sehr unterschiedlichen Register in Passagen professionell zu bedienen. Caroline Peters zum Beispiel spielt als Philippa unglaublich komisch und genießerisch mit den Tönen einer emotional abgestorbenen Upperclass-Diva. Stefanie Reinsperger gibt Philippas Tochter Lina die ganze Wucht und Empfindlichkeit, die Lebensgier und Wut einer Frau, die sich nichts mehr gefallen lässt. Völlig unverständlich, dass diese Lina ein Würstchen wie Friedrich (Samuel Schneider) geheiratet hat und sich von dessen Vater Michael (Tilo Nest) immer wieder vergewaltigen lässt. Als sie sich auf einem leeren Bahnsteig, irgendwann nach Mitternacht, in die sehr jungenhafte Kit (Carina Zichner) verliebt und alle Männer für immer hinter sich lässt, gelingt den beiden Schauspielerinnen eine der in ihrer Unbehaustheit und Lakonie schönsten Liebesszenen der Spielzeit. Unverständlich bleibt, dass eine toughe Anwältin, professionell warmherzig wie ein Eiswürfel (Judith Engel), sich eine Ehe mit der Streifenpolizisten-Dumpfbacke Michael antut. Oder dass eine resolute Frau wie Inge mit herbem Proletarier-Touch (Constanze Becker) den larmoyanten Suffkopf Thomas (Andreas Döhler) erträgt. Martin Wuttke spielt Linas Vater, Philippas Gatten, den Arzt und In-vitro-Befruchter Christoph Heinemann, als übernervösen Egozentriker, immer dicht am Rand des Seelenkollapses. Kein Wunder, dass er irgendwann ohne Schuhe, ohne Geld und ohne Handy auf einem Berliner Kinderspielplatz erwacht und nicht weiß, wie er hierhergekommen ist, ausgerechnet in dieses fürchterliche Berlin. Die Erzählstränge sind verwoben wie in einer besseren Netflix-Serie, und genauso temporeich und effektfreudig werden sie auch ausgebreitet.

In den Klassiker-Überschreibungen, mit denen Stone bekannt wurde - etwa "Drei Schwestern" in Basel, "John Gabriel Borkman" in Wien oder "Ibsen Haus" in Amsterdam -, hat er mit großer, geradezu vernichtender Genauigkeit bürgerliche Sozialcharaktere und ihre Selbstbetrugsroutinen gezeichnet. Diese Genauigkeit der Beobachtung fehlt der mit dem ganz groben Pinsel gemalten Inszenierung. Die Klischeefreude hat die Charakterfeinanalyse ersetzt, die Aufführung wirkt bei aller Oberflächendrastik seltsam harmlos. Dass Simon Stone für seine "Griechische Trilogie" am BE drei antike Stücke, die Sexverweigerungskomödie "Lysistrata", die Kriegverliererinnen-Klage "Die Troerinnen" und die Gewaltorgie "Die Bakchen", als Vorlagen nennt, kann man getrost als Bedeutungshochstapelei ignorieren. Die Motivbezüge sind arg vage und eher zufällig. Wer will, kann ein Echo der Zerfleischung des Pentheus aus den "Bakchen" darin sehen, dass Inge irgendwann ihrem Schläger-Puffgänger-Gatten mit einem handelsüblichen Hammer das Rückgrat zertrümmert. Die männerfreie, militante Landkommune lässt sich notfalls als moderne Variante der feministischen Besetzung der Akropolis in Aristophanes' "Lysistrata" verstehen.

Die durchsichtigen Außenwände der auf Drehbühnen gesetzten Bürgerhäuser, die zum Stone-Markenzeichen geworden sind, setzen sich in seiner neuen Arbeit in eine rampenbreiten Glaswand fort, welche die Bühne von Bob Cousins hermetisch abschließt. Die Figuren in diesem Bühnenaquarium bewegen sich durch dichten Nebel - noch so ein aparter Effekt. Der Preis der Unverbindlichkeit, mit der dieser Abend zwischen der Behauptung großer Geschlechtertragödie und gehobenem Boulevard pendelt, ist eine gewisse inhaltliche Dürftigkeit. Damit, dass er Frauen bis zum finalen Rache-Amoklauf durchgängig als männerfixierte Opfer sieht, dürfte sich Stone nicht ganz auf dem Stand der aktuellen Genderdebatten befinden. Wenn ein gut dreistündiger Theaterabend etwa das Gleiche sagt wie ein Vier-Minuten-Popsong der Ärzte, nämlich dass Männer Schweine sind, hat die Inszenierung ein Problem hinsichtlich ihrer Tiefendimension und Konfliktzeichnung.