Theater:Lügen - made in Germany

Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital

Anders als bei Mark Twain emanzipieren sich die Figuren in "Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital" von ihrem Los.

(Foto: Martin Kaufhold)

In Essen wird "Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital" aufgeführt und gerät zu einer moralischen Lehrstunde mit dem Holzhammer. Aber auch: zur Utopie.

Von Cornelia Fiedler

"Sozialäquator", so heißt in Essen die Autobahn A 40. Sie spaltet die Stadt in Nord und Süd. Im idyllischen, reichen Süden steht die Villa der Aldi-Dynastie. Im Norden leben Angestellte und Kunden des Discounters - und die, die ihre Nahrung aus dessen Müllcontainern fischen. Gespalten ist auch der Zuschauerraum im Grillo-Theater. Bühnenbildnerin Carola Reuther hat eine Mauer eingezogen: Rechts sitzt man dicht gedrängt auf dem harten Boden, die Bühne ist nur auf drei Fernsehern zu sehen; links gibt es dagegen gemütliche rote Plüschsessel. Auf einen Blick ist klar, Regisseur Volker Lösch hat wieder zugeschlagen, der zornige Ankläger des deutschsprachigen Theaters. Diesmal vor Gericht: die Lüge von der Chancengerechtigkeit made in Germany.

16 Jugendliche stürmen den geteilten Saal, acht aus dem Norden, acht aus dem Süden. Sie erzählen in hyperaktiven Chorpassagen von Schulabbrüchen, Fluchterfahrung, Hip-Hop und Ruhrpott-Stolz auf der einen, von Elitegymnasien, Luxus und Leistungsdruck auf der anderen Seite. Es sind reale Erlebnisse, die Lösch und seine Dramaturgin Christine Lang mit Fakten über die Armut hierzulande zu einer schwer moralischen Lehrstunde kombinieren: "Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital". Angelehnt an das Bettelknaben-Märchen von Mark Twain entern die Teenager bald die Mauer und tauschen auch hier Klamotten und Leben.

Jetzt sind die Armen Alleinerben des Discount-Imperiums, das hier "Dial" heißt: Sie geben ihre Milliarden gut gelaunt an die Gesellschaft zurück: Schulen, Straßen, Schwimmbäder, alles kein Problem. Die ökonomisch geschulten Erben bauen Dial zur mitarbeitergeführten Genossenschaft um. Anders als bei Twain emanzipieren sich diese Figuren von ihrem Schicksal. Als die schwer sozialdemokratische Erzählerin (Lisan Lantin) die Jugendlichen in ihr altes Leben zurückschicken will, verlassen diese den Saal und nehmen das Publikum mit auf die Bühne. Dort erzählen sie im Agitprop-Stil ihre politischen Wunschträume, von Mindest-Erbe und Transaktionsteuer bis zum Weltsozialstaat. Das ist grundnaiv und Aufklärung mit dem Holzhammer, keine Frage. Allerdings beweisen die Jugendlichen hier einen Mut zur Utopie, der gestandenen Politikern abhanden gekommen ist.

© SZ vom 23.02.2018
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