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Theater:Liebe unter Quarantäne

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov holt Boccaccios "Decamerone" in die Berliner Jetztzeit. Das wirkt in Corona-Zeiten unheimlich aktuell. Schade bloß, dass das Wichtigste fehlt.

Decamerone; Deutsches Theater Berlin, honorarfrei

Sie turnen, flirten, simsen, was das Zeug hält: Filipp Avdeev und Aleksandra Revenko können bestimmt nichts für die Schwerfälligkeit dieser Inszenierung.

(Foto: Ira Polyarnaya)

Es wirkt wie unheimliches Timing oder eine etwas zynische Geste, dass das Deutsche Theater Berlin ausgerechnet in Zeiten der Corona-Krise Boccaccios "Decamerone" aufführt, das erste Quarantäne-Werk der europäischen Literatur. Während 1348 in Florenz die Pest wütet, kapseln sich, so die Rahmenerzählung der Novellensammlung, zehn junge Adlige auf einem Landgut von der gefährlichen Außenwelt ab und erzählen einander an zehn Tagen genau hundert Geschichten - burleske und grausame, komische und belehrende. Das Erzählen selbst wird zum erotisch aufgeladenen Medium der Begegnung, in dem soziale und erotische Spannungen wie im Karneval genussvoll ausgekostet, moralisiert oder verlacht werden. Wenn man den Alltagsgewissheiten und den schönen Körpern, von denen bei Boccaccio dauernd die Rede ist, nicht mehr vertrauen kann, wenn die Anzeichen der Krankheit wie ihre möglichen Ursachen schwer zu deuten sind, wird die Parallelwelt der Erzählung mit ihrem klaren Ordnungshorizont, den überschaubaren Regeln und lustigen Regelverstößen besonders attraktiv. Für das Theater, schon immer eine Parallelwelt eigener Gesetze, ist diese Versuchsanordnung geradezu ideal.

Natürlich ist Kirill Serebrennikovs "Decamerone"-Inszenierung, eine Koproduktion mit dem vom Regisseur geleiteten Moskauer Gogol-Center, kein tagesaktueller Kommentar zu grassierenden Pandemie-Ängsten. Und dankenswerterweise verzichtet sie auch bis auf ein, zwei Szenen, in denen Passanten einen Gesichtsschutz gegen Infektionsrisiken tragen, auf jegliche Corona-Anspielungen. Die Inszenierung will offenkundig keine Seuchen-Befindlichkeits-Recherche sein. Eher fragt sie ganz allgemein und mit Freude an Ausflügen ins komische Fach, wie das so ist, mit den Frauen, den Männern, den Begierden und der Liebe in Zeiten aller möglichen ansteckenden Krankheiten, von Konkurrenz und Geldgier bis Patriarchat und religiösem Irrsinn.

Mindestens so kompliziert wie ihre locker angespielten Themen sind die Vorgeschichte und die Produktionsbedingungen der deutsch-russischen Inszenierung. Nach einem langwierigen Gerichtsverfahren mit offenkundig konstruierten Vorwürfen bezüglich der Unterschlagung von knapp zwei Millionen Euro kann der Moskauer Starregisseur nach 20 Monaten erzwungenem Hausarrest das Land immer noch nicht verlassen. Die Berliner Schauspieler probten mit ihren russischen Kollegen in Moskau. Das ist kostspielig, aber eigentlich nichts Besonderes bei internationalen Koproduktionen. Die Berliner Endproben beobachtete und kommentierte der Regisseur per Skype. Man muss die aufwändige Koproduktion als Akt der praktischen Solidarität mit einem bedeutenden, in die Mühlen der russischen Justiz geratenen Regisseur verstehen. Die regelmäßigen Gastspiele von Serebrennikovs Moskauer Inszenierungen etwa am Hamburger Thalia Theater oder Ende dieser Woche beim FIND-Festival der Berliner Schaubühne sind ebensolche Versuche, den künstlerischen Austausch nicht von Wohlwollen der Putin-Administration abhängig zu machen - eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem wirkten die "Free Kirill"-T-Shirts, mit denen sich die deutschen und russischen Schauspieler nach der "Decamerone"-Premiere verbeugten, ein wenig zu pathetisch. So schäbig und bedrohlich Serebrennikov von einer politisch instrumentalisierten Justiz behandelt wird, es wäre unangemessen, die Lage des Regiestars und Leiters des hoch angesehenen Gogol-Centers mit der wesentlich schrecklicheren Situation politischer Gefangener und inhaftierter Künstler in Russland oder anderen autoritär regierten Länder gleich zu setzen.

Angesichts des Themenkreises von Pest bis Corona und der Lage des prominenten Regisseurs hing die Erwartungs-Messlatte bei der Premiere so hoch, dass schon vor der ersten Szene akute Einschüchterungs-Genickstarre drohte. Serebrennikov, ein großer Könner, unterläuft das mit denkbar lässigem Understatement. Damit erst gar keine Feierlichkeit aufkommt, beginnt der Abend mit Aufwärmübungen. Aus Boccaccios Landgut in der Toskana ist eine freudlose Turnhalle irgendwo in der Selbstoptimierungs-Moderne geworden (Bühne: der Regisseur). Statt Fenstern nach draußen sorgen Brueghel-Gemälde für Landschaftseindrücke und diverse Monitore für Börseninformationen und den Anblick altmodischer Computerspiele. Wir sind im geschlossenen Kunstraum eines Menschenversuchslabors. Vermutlich handelt es sich um das Menschenversuchslabor des real existierenden Kapitalismus. Draußen vor der Turnhalle tobt nicht die Pest, sondern die Konkurrenz.

Dieses kühle Setting verlangt als Kontrast eine möglichst direkte Spielweise. Sie rutscht ohne Angst vor Überdeutlichkeit in die Typenkomödie der intriganten Pfaffen, debilen Religiösen, geilen Ehefrauen, verführten Prinzessinnen, listigen Stallburschen und misstrauischen Könige. Psychologische Raffinesse oder kompliziertere Charakterstudien interessieren die Wirkungsregie Serebrennikovs nicht sonderlich, was durchaus zum grob gezeichneten Figurenarsenal aus Boccaccios Schwänken und Grotesken passt. Schade nur, dass die Szenen und Einfälle bei aller Liebe zu plakativer Deutlichkeit so unbarmherzig zäh und lange ausgewalzt werden, bis alle Spielfreude und Esprit wie zuverlässig disziplinierte Pflichterfüllung aussehen. Die Inszenierung findet für die zehn verwendeten Novellen clevere Übersetzungen in die Gegenwart. Aus dem Händler, der einem Geschäftspartner ein Pferd schenkt, um mit dessen Frau anzubandeln, ist eine toughe Businessfrau geworden, aus dem Liebesobjekt ein süßer, etwas doofer Knabe im roten Traininganzug (Jeremy Mockridge) - ein kleiner Geschlechtertausch im Genderkampf. Der arrogante adlige Trottel ist zum arroganten Chef-Trottel und Dauerkokser mutiert (Marcel Köhler), Schmachtbriefe und die Verhöhnung lästiger Verehrer werden per SMS abgehakt. Zwischendurch wird lustig geturnt, zur Erholung singt die unzerstörbare Diva Georgette Dee traurige SehnsuchtsChansons, warum auch nicht. Dem ziellosen Szenenreigen in der Turnhalle fehlt entschieden die Rahmenerzählung, die Boccaccios Novellensammlung zusammenhält.

Die durchweg kraftvollen Schauspieler (allen voran Yang Ge und Filipp Avdeev aus Moskau und Regine Zimmermann aus Berlin) können nichts für die Ermüdungseffekte dieser Endlosszenen. Sie spielen sehr locker und souverän mit ihren Figuren, auch wenn diese Figuren schon mit wenigen Skizzen auserzählt sind. Für Vaudeville und Volkstheaterfehden werden diese Ehebruchsmanöver, erotischen Fallen, kleinen Intrigen und tragischen Abenteuer entschieden zu schwerfällig serviert, für kompliziertere Gedankengänge sind sie ein wenig zu banal.

© SZ vom 10.03.2020

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