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Theater:Irgendwann lacht dann niemand mehr ...

Monopoly für Betrüger: "Trump" am Theater Dortmund ist ein ätzendes Stück Polit-Kabarett von US-Autor Mike Daisey.

Andreas Beck, einer der beiden Performer oder "Gastgeber" an diesem Dortmunder Theaterabend, weiß genau, warum wir der Einladung zu einem Stück mit dem Titel "Trump" - im Original "The Trump Card (Die Trumpfkarte)" - gefolgt sind: "Sie sind gekommen, um sich zu vergnügen! Los, geben Sie es nur zu!" Da wurde man wohl ertappt. Wir sind gekommen, "um die roten Fleischfetzen zu sehen", wie es der Autor Mike Daisey formuliert, ein so schwergewichtiger wie lautstarker amerikanischer Performer. Der hat den Text lange vor Donald Trumps Wahl zum Präsidenten geschrieben und tourte damit 2016 erfolgreich durch die USA.

"Trump" ist kein feinsinniger Theateressay, sondern zunächst einmal Performance, Agitation und pures Kabarett. Der Text ist sehr komisch, auf eine krasse, sarkastische Art. Das liegt daran, dass Donald Trumps Hang zur Tabuverletzung und zur hemmungslosen Regression per se eine komische Unterseite hat - auch wenn sie letztlich gar nicht zum Lachen ist. Oder besser: die zum Lachen wäre, wenn der Mann von Beruf Clown wäre und nicht Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Schauspiel Dortmund

Andreas Beck als Gastgeber einer Wahlparty für Donald Trump.

(Foto: Birgit Hupfeld/Schauspiel Dortmund)

Darin liegt aber auch das Problem dieser Inszenierung im Megastore, dem Ausweichquartier des Dortmunder Theaters. Nicht nur, dass der Abend offene Türen einrennt; über Trump zu lachen, mag befreiend sein, es verharmlost jedoch auch das Problem. Der Mann ist eben kein durchgeknallter, nicht ernst genommener Kandidat mehr, er ist allen Ernstes Präsident. Marcus Lobbes' Inszenierung gibt sich immerhin viel Mühe, aus einem ultralangen Sketch ein wirkliches Theaterstück zu machen. Der Megastore ist in ein Wahlparty-Szenario verwandelt, man sitzt nicht, sondern steht an Tischen mit US-Fähnchen, bekommt Hot Dogs und Popcorn serviert, an der Frontseite ein großformatiges Foto des Weißen Hauses (Bühne: Lobbes und Pia Maria Mackert). Die beiden Gastgeber Andreas Beck und Bettina Lieder, auf die in der aktualisierten deutschen Fassung Daiseys Monolog aufgeteilt ist, mischen sich unters Publikum, sprechen die Zuschauer direkt an. Die Show hat durch diesen Kunstgriff einen intimeren, weniger krawalligen Charakter als das Original.

Das ist auch dringend notwendig. Es geschieht ein wenig spät, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Aber immerhin: Irgendwann geschieht es.

Denn die düstere und gar nicht mehr so lustige Botschaft dieses Abends läuft darauf hinaus, Trump sei nur der Anfang. Er habe nur den Weg geebnet, indem er alle herkömmlichen Regeln von Sitte und Anstand beiseite gefegt habe, wie in dem ihm gewidmeten Spiel "Trump - the Game", einem Monopoly für Betrüger, dessen Ziel darin besteht, dem glücklichsten Spieler die Möglichkeit zu geben, sich nach Belieben bei seinen Mitspielern zu bedienen. Dieses Betrüger-Monopoly hat der Immobilienhai Fred Trump erfunden, Donalds Vater, und zwar nicht auf einem Brett, sondern in der Realität. Seine Geschäftsidee, lernen wir bei Mike Daisey, war ganz simpel. Sie bestand darin, Rechnungen nicht zu bezahlen.

Theater Dortmund seziert das Phänomen ´Trump"

Einen ganzen Wahlpartyzirkus mit Fahnen, Konfetti, Girlanden und Stehtischchen veranstaltet das Theater Dortmund.

(Foto: Birgit Hupfeld/dpa)

Und, funktioniert es? Daisey jedenfalls behauptet: Es hat funktioniert. Lange. Mag sein, dass nicht jedes Detail seiner Recherche nachprüfbar ist, wie die Sache mit den Nägeln, die Fred Trump angeblich immer mehrmals benutzte; aber wenn es erfunden ist, dann ist es wenigstens gut erfunden. Das Porträt des Rassisten und Ausbeuters Fred Trump gewinnt hier eine scharfe Kontur, und Donald ist eben sein mustergültiger Sohn. Die Meldungen, die er auf Twitter und wo auch immer verbreitet, sind nicht nur oft unwahr, sie verraten auch kaum den Ehrgeiz, für wahr gehalten zu werden, sondern nur den, einen Stachel zu setzen, der irgendwie, irgendwo seine Wirkung tut. Wie mit der Verschwörungstheorie des "Birtherism", also dem Gerücht, Barack Obama sei nicht in den USA, sondern in Kenia geboren worden und hätte folglich nicht Präsident der USA werden dürfen. Nicht, dass Trump selbst das glauben würde, so doof ist er nicht, aber wenn andere, also Wähler, an so eine Botschaft glauben, kann ihm das nur recht sein.

Gegen Schluss räumen Beck und Lieder auf, kippen Pappbecher und Popcorn-Tüten in Müllsäcke, tragen die Stehtische hinaus, lassen den Teppich einrollen, buchstäblich nichts bleibt von dem Wahlparty-Bühnenbild übrig. Mit dieser sinnfälligen Party-is-over-Metapher leitet der Regisseur Marcus Lobbes über zum nüchternen letzten der sechs Kapitel an diesem Abend. Die Schauspieler sind bereits abgeschminkt und in Zivil, wenn Andreas Beck in der Rolle einer Kassandra verkündet, "da draußen" sei schon jemand, der alles beobachte. Dieser Jemand denke sich: "Ich werde sein wie er, aber besser, schärfer, klüger." Und dann lacht niemand mehr.