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Theater:Im Schatten des Kanzlerkörpers

Mannheim Der Elefantengeist

Eigentlich ist Dr.Matthias (Matthias Breitenbach, rechts) Archäologe, bald aber wird er in Lukas Bärfuss Stück "Der Elefantengeist" zu Helmut Kohl.

(Foto: Christian Kleiner)

Christian Holtzhauer übernimmt als neuer Intendant das Mannheimer Nationaltheater mit Schiller und Helmut Kohl.

Viel falsch machen kann man in so einer Stadt eigentlich nicht. Schließlich hat Mannheim ein überaus treues Theaterpublikum und in Peter Kurz einen Oberbürgermeister, der die Belange des Nationaltheaters unterstützt. Eine Diskussion, inwieweit das Theater zur bürgerlichen Mitte der Stadt gehören soll, gibt es nicht. Dagegen steht: Als Christian Holtzhauer im Frühjahr 2017 erfuhr, er werde Intendant des Mannheimer Schauspiels, hatte er gerade mal ein Jahr zur Vorbereitung. Und er wusste, dass die Schillerbühne der kurpfälzischen Quadratestadt nicht nur die Sparte eines sehr großen Stadttheaters ist, sondern dass man vom Schauspiel auch erwartet, es möge doch bitte in der ersten Liga der bedeutenden bundesrepublikanischen Schauspielhäuser mitspielen. Dass das gelingen kann, ist nach dem Eröffnungswochenende nicht ausgeschlossen. Es war schon sehr spielfreudig, was da in Mannheim geboten wurde.

Holtzhauer ist ein Intendant ohne Regie-Ambitionen, er war acht Jahre Dramaturg am Stuttgarter Staatsschauspiel und leitete zuletzt das Kunstfest Weimar. Im Gespräch sagt er, es gehe ihm um ein Theater der "Vielfältigkeit". Eine vorläufige Antwort auf die Frage, wie es um den künstlerischen Gehalt des neuen Mannheimer Schauspiels steht, konnte man am letzten Wochenende erwarten. Drei Premieren standen auf dem Programm, flankiert wurden sie von der Stadtraum-Installation "Volksfest" unter der künstlerischen Leitung von Beata Anna Schmutz. Man bewegte sich durch einen Irrgarten, Laiendarsteller flüsterten dem Besucher Texte ins Ohr. Das erinnert stark an die immersiven Projekte des Kopenhagener Performance-Kollektivs SIGNA.

Im Foyer des Nationaltheaters gab es mit Mats Staubs "21 - Erinnerungen ans Erwachsenwerden" eine Langzeitstudie mit Videomonitoren, auf denen Bürgerinnen und Bürger sich selbst zuhören, wie sie Lebenserinnerungen preisgeben. Und dann endlich die Eröffnungsinszenierung: Friedrich Schillers "Die Räuber", mit denen der junge Stürmer und Dränger 1782 in Mannheim als Dramatiker debütierte und für Heulen und Zähneklappern im Publikum sorgte. Regisseur der jüngsten Mannheimer Inszenierung ist Christian Weise, und der hat die anarchische Bruder-Tragödie ziemlich extravagant inszeniert.

Das Spiel des altersschwachen Tropenensembles ist aber auch mit Querverweisen zur jüngsten deutschen Geschichte gespickt.

Die bei Schiller jugendlichen Mohr-Brüder leben inzwischen im Altersheim, das zu allem Überfluss auch noch in einer subtropisch-kolonialen Gegend steht. Aus dem Böhmerwald ist ein Urwald mit Tigergebrüll geworden (Bühne und Kostüme: Jana Findeklee und Joki Tewes). Da mümmeln, dämmern, wackeln und randalieren Almut Henkel als grenzdebiler Graf von Moor, Nicolas Fethi Türksever als Räuberhauptmann Karl und Christoph Bornmüller als intriganter Mohr-Bruder Franz derart entgrenzt, dass man meint, die ARD-Klimbims aus den Siebzigerjahren seien wiederauferstanden.

Das Spiel des altersschwachen Tropenensembles ist auch mit Querverweisen zur jüngsten deutschen Geschichte gespickt. Christian Weise spannt einen Bogen von der Euphorie des jungen Schiller, der sich eine deutsche Nation jenseits von Fürstenherrschaft und Kleinstaaterei wünschte, bis hin zu den Ermüdungserscheinungen der aktuellen Merkel-Regierung. Warum das in einer kolonialen Szenerie spielt, erschließt sich nicht. Trotzdem verfolgt man gebannt, wie Weises Greisenchaos den eigenen Untergang zelebriert.

Dass das neue Mannheimer Schauspiel tatsächlich mit Überzeugungskraft unterwegs ist, zeigte die deutsche Erstaufführung von Enis Macis "Mitwisser". Der epische Theatertext der aktuellen Mannheimer Hausautorin wurde im März am Wiener Schauspielhaus uraufgeführt und liefert eine Topografie tödlicher Gewalttaten. Der junge Regisseur Nick Hartnagel inszeniert dies als Spurensuche eines Ermittlerteams mit Slapstickpotenzial. In die komisch anmutende Szenerie knallen dramatische Szenen wie die mit Tyler Hadley, der in Port St. Lucie, Florida, seine Eltern mit einem Hammer erschlug und anschließend eine Party feierte. Dann wechselt der Text umstandslos nach Dinslaken, Nordrhein-Westfalen, wo ein gewisser Nils Donath den Islam entdeckt und sich dem IS anschließt. Enis Maci ist eine der derzeit interessantesten Stimmen der jungen Dramatik und Nick Hartnagels Inszenierung Teil einer Mannheimer Eröffnung, die mit ganz unterschiedlichen Theatertexten und Regiestilen viel über die aktuelle Verfassung Deutschlands erzählt.

"Der Elefantengeist" ist kein Dokudrama, sondern eine fiktional gerahmte Abrechnung mit dem Kanzler der Einheit.

Das ist auch in der Uraufführung von "Der Elefantengeist" des Schweizer Autors Lukas Bärfuss so, einem Auftragswerk, das schon im Vorfeld für überregionales Interesse sorgte. Der Grund: Bärfuss beschäftigt sich mit Helmut Kohls System der schwarzen Kassen. Dass die Uraufführung ausgerechnet an dem Theater stattfinden sollte, das nur einige Kilometer vom ehemaligen Lebensmittelpunkt Kohls in Ludwigshafen und nicht wesentlich weiter von dessen letzter Ruhestätte in Speyer liegt, sorgte auch deshalb für nervöse Spannung, weil Bärfuss die Mutmaßungen rund um Kohls Parteispendenaffäre thesenartig zuspitzt. Natürlich stamme das Geld der schwarzen Kassen vom Flick-Konzern, wird im Text behauptet. Und das bedeute, Helmut Kohl habe zur Absicherung seiner politischen Karriere ein Industrievermögen genutzt, dessen Grundstock während des Zweiten Weltkriegs durch die Ausbeutung von Zwangsarbeitern und Enteignung von Naziopfern und Juden gelegt wurde.

"Der Elefantengeist" ist kein Dokudrama, sondern eine fiktional gerahmte Abrechnung mit dem Kanzler der Einheit. In ferner Zukunft, so die Setzung, gräbt eine archäologische Forschergruppe im ehemaligen Bonn die Reste des von Urwald überwucherten Kanzlerbungalows aus und findet ein Buch, in dem die ganze Wahrheit zum Fall Kohl steht. Bärfuss nutzt eine Abenteuerdramaturgie, wie man sie aus dem Ägypten-Thriller "Die Mumie" kennt, um seinen gerechten Zorn dramatisch einzukleiden. Eigentlich leben die Forscher aus der fernen Zukunft ein emotionsloses Leben, die Geister der Vergangenheit sind aber so lebendig, dass sie in die Körper der Archäologen fahren. Sandra Strunz inszeniert diese Passagen, als stünden Wiedergänger des privaten und politischen Personals der Kohl-Ära auf der Bühne. Die Archäologin Dr. Johanna mutiert zur Kanzlergattin und hat gegen Ende ein exaltiertes Solo. Johanna Eiworth spielt die Schrillheit einer Frau, die nach Jahren im Schatten des Kanzlerkörpers wenigstens einmal im Rampenlicht stehen will. Und Matthias Breitenbach ist als Dr. Matthias zuerst ein jovial dominanter Archäologie-Kanzler. Dann tritt er ab, im Hintergrund übt seine Nachfolgerin bereits die Raute.

Der Skandal blieb aus und Christian Holtzhauer konnte alles in allem auf einen geglückten Neustart zurückblicken. Wie sich das mit der Vielfalt entwickelt, wird sich weisen. Eines ist allerdings klar: Holtzhauer verabschiedet sich vom Modell des Mannheimer Autorentheaters, das sein ans Stuttgarter Staatsschauspiel gewechselter Vorgänger Burkhard C. Kosminski etabliert hat. Ein Theater der Klassiker-Reanimation ist wohl auch nicht zu erwarten. Im ersten Spielplan kommt lediglich Schiller vor, "Die Räuber" eben, und später in der Spielzeit "Maria Stuart". Dafür gibt es von Januar bis März eine Vielzahl von Roman- und Filmadaptionen, bevor mit dem überregional wichtigen Festival "Schillertage" die nächste große Herausforderung auf Holtzhauer & Co. wartet.

© SZ vom 04.10.2018
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