Theater Hinterm Vorhang

Die Sehnsucht nach Rockmusik ist oft auch erotisch aufgeladen. Felix Knopp mit Sonya Levin.

(Foto: Krafft Angerer/Thalia Theater)

Wie muss es gewesen sein, als Rockmusikfan hinter dem Eisernen Vorhang? Regisseurin Marina Davydova denkt mit "Checkpoint Woodstock" am Thalia Theater in Hamburg über Konformismus und Abweichung im Stalinismus nach.

Von Till Briegleb

Wie muss sich die Sehnsucht nach Rockmusik, nach langen Haaren und Nacktheit, vielleicht auch nach Drogen, Demonstrationen und Transzendenzerfahrungen in einem Land der absoluten Kulturinquisition angefühlt haben? Im Jahr von Woodstock am Ostabhang des Urals zu leben, wo das Zauberwort "Hippie" seine Bedeutung nur als ferner Schein entfaltete und genau dadurch messianische Qualität bekam? Wie konnte man in Breschnews Tyrannis anders, anti und cool sein, wenn alles, was man von den Beatles, den Rolling Stones und The Who, von ihren Liedern, ihrer Haarlänge, ihren Klamotten und Posen wusste, aus winzigen Ausschnitten sowjetischer Propagandasendungen gegen den schrecklich dekadenten Westen aufgeschnappt werden musste?

Marina Davydova erzählt in ihrem Stück "Checkpoint Woodstock", das sie nun selbst im Thalia Gaußstraße in Hamburg als Uraufführung inszeniert hat, von dieser bitteren Verzweiflung homöopathischer Gegenkultur in einer totalitären Struktur, die schon das Kopieren von Led-Zeppelin-Platten auf alte Röntgenfolien mit Umerziehungslager bestraft hat. Nein, eigentlich erzählt Felix Knopp von dieser verbitternden Erfahrung. In einem langen Solo mit ein paar Requisiten erfindet er diesen alten Mann, der einst weit hinter dem eisernen Vorhang immer nur wie Mick Jagger fühlen wollte, wie Jim Morrison oder Robert Plant, der aber in der radikalen Verfolgung von Konformitätsverweigerern nur Freude und Freunde verlor - um als Greis dann von Putin zum Gründungsdirektor eines "Woodstock"-Museums berufen zu werden, was er nur als Hohn, und nicht als Genugtuung empfindet.

Alles, was Felix Knopp an diesem Abend tut, ist ergreifend und voller Empathie für all das, was einfache Rockfans im Stalinismus verpasst haben. Wie er die Vernichtung kleinster Ansätze von Protest betrauert, herzzerreißend Popstücke singt, oder die subversiven Strategien beschreibt, um trotz der Überwachung an die heißen Scheiben aus dem Westen zu kommen, das ist ein wirklich aufrüttelndes Plädoyer, für das Selbstbestimmungsrecht jedes Individuums in aller Welt zu kämpfen. Und "Checkpoint Woodstock" beschreibt aus dieser Perspektive auch die Hybris eines leblosen, jede Kritik und abweichende Meinung unterdrückenden Unrechtsstaates, wie er sich in Russland als Angstkultur bis heute mit Putins Pseudodemokratie fortsetzt.

Drumherum inszeniert Marina Davydova, wie schon in ihrem letzten Projekt zur russischen Revolution "Eternal Russia", eine Menge klamaukige und klischeebeladene Attrappenkunst, weswegen der Abend als Ganzes keine wirklich überzeugende Inszenierung ergibt. Hätte die russische Theater- und Putin-Kritikerin, die dieses Stück in Kooperation mit Kirill Serebrennikows Moskauer Gogol Center entwickelt hat, einfach ihren Hauptdarsteller den Abend alleine füllen lassen, sie hätte Sinn und Wesen von kultureller Freiheit viel besser erklärt.