Theater Groll und Gesten

Tschechows "Drei Schwestern" sind fast zu Tode gespielt. Eine Inszenierung aus Nowosibirsk, jetzt in Wien zu Gast, wirft einen neuen Blick auf das Stück.

(Foto: Victor Dmitriev)

Experimentierfreudiges Theater hat es unter Putin immer schwerer. Die Wiener Festwochen zeigen jetzt zwei mutige Projekte aus Russland.

Von Christine Dössel

Die Theaterinszenierung, die seit drei Jahren in Moskau für den größten Trubel sorgt, ist der pure Etikettenschwindel. Drauf steht: "Ein idealer Gatte. Komödie". Enthalten sind aber nur rudimentäre Elemente des High-Society-Intrigenstücks von Oscar Wilde aus dem Jahr 1894. Stattdessen gibt es eine sehr grelle, trashige, ausgesprochen unverschämte - und daher wirklich auch: mutige - Satire auf die moderne russische Gesellschaft, gespickt mit jeder Menge Anspielungen auf lebende Persönlichkeiten und unzähligen Zitaten aus Werbung, Fernsehen, Pop und Politik. "Ein idealer Gatte" in der Regie von Konstantin Bogomolov ist eine russisch-unorthodoxe Spezialmischung aus Sex, Drugs, Rock & Groll, herausgekommen am legendären Moskauer Künstlertheater.

"Weiße Birke und Kreml - ich liebe nur dich", singt da gleich zu Beginn der Schlagerstar Lord beim glamourösen Festakt zu seiner Ernennung zum "Volkskünstler" und rühmt die Werte der großen russischen Nation: "Ehre. Heimat. Glauben." Gerne besingt er auch den "Schnee", womit das hier reichlich konsumierte Rauschmittel gemeint ist, auch wenn die Birkenwaldbilder auf dem Videoscreen idyllische Natur vorgaukeln. Nationalismus, Sexismus, Nepotismus, Korruption, Homophobie, Pädophilie - keine gesellschaftlichen Auswüchse, die Bogomolov in seiner zynischen, teils auch albernen Abrechnung nicht durch den Kakao ziehen würde.

Diese Aufführung ist (auch für Nicht-Russen) ein Knaller - und einer der Höhepunkte der Wiener Festwochen, deren Schauspielprogramm in diesem Jahr von einer Russin verantwortet wird, der Journalistin und Leiterin des Moskauer Net-Festivals Marina Davydova. Sie hat aus ihrer Heimat zwei Inszenierungen eingeladen, neben Bogomolovs "Idealem Gatten" auch Tschechows "Drei Schwestern" in der Regie von Timofej Kuljabin, und zwar aufgeführt in Gebärdensprache.

Im "Idealen Gatten" trifft die zerfallende Welt des englischen Dandytums auf das, was Marina Davydova den "Geist des neorussischen Raubrittertums" nennt. Bogomolov geht seine turbo-ironische Geldwelt-Persiflage mit den bewährten Mitteln des (längst nicht mehr nur deutschen) Regietheaters an: Live-Kameras, Videos, Mikroports, Popsongs und etlichen Textpassagen aus anderen Stücken: "Die Möwe", "Drei Schwestern", "Faust", "Romeo und Julia". Der zweite Akt tanzt ganz aus der Reihe, plötzlich wird Oscar Wildes "Bildnis des Dorian Gray" zum Thema. Da lässt ein krimineller Macker sein Porträt als Videostill einfrieren, schließt einen faustischen Pakt mit einem windigen Vertreter der Kirche und fährt dann fröhlich mit seinen Kumpanen zum Skifahren nach Sotschi.

Im Hauptstrang der überlangen Sause (vier Stunden, zwei Pausen) geht es um Homosexualität, Macht und Erpressung. Der Starsänger Lord (Igor Mirkurbanow), eine räudige Mischung aus Keith Richards und einem TV-Schlagerfuzzi, hat eine Karriere als Auftragskiller hinter sich, doch seit er sein Coming-out hatte, ist er ein Liebender. Er hat ein Verhältnis mit Robert Ternow (Alexej Krawtschenko), seines Zeichens "Minister für Gummiwaren" und verheiratet mit der Gummifabrikantin Gertruda (Darja Moros), welcher er die Aufträge zuschanzt. Als eine gewisse Mrs. Cheavely (Marina Sudina) auftaucht und den schwulen Politiker erpresst, spitzen sich die Ereignisse so kitschklamaukig wie liebesdramatisch zu: ganz große Soap Opera, mit Frauen auf ganz hohen High Heels.

"Diese Inszenierung ist Müll und redet über nichts anderes als Müll" - der das spitzzüngig sagt, ist der Regisseur Bogomolov selbst, ein Mann von scharfem Humor, Jahrgang 1975 und seit einigen Jahren fest dazu entschlossen, "wegzukommen vom Theater des Ein- und Mitfühlens und der Moral". Was er beim "Idealen Gatten" betreibt, nennt er die "totale Überschreibung". Er wird in Russland dafür leidenschaftlich gehasst, auch und vor allem von den Kollegen. Marina Davydova erzählt, wie nationalkonservativ die russische Theaterszene (geworden) ist, da brauche es gar keinen Druck von oben: "Die meisten unterstützen Putins Regierungskurs, all diese obskuren Werte voller Sehnsucht nach der Stalin-Zeit."

Ein Stück wird toleriert, eines abgesetzt: "Versuchen Sie nicht, die Logik Russlands zu verstehen!"

Am Künstlertheater hat sich der "Ideale Gatte" trotzdem halten können. Nicht zuletzt wegen des sensationellen Erfolgs der prominent besetzten Inszenierung. Selbst jene Reichen und (Möchtegern-)Mächtigen, die im Stück hochgenommen werden, reißen sich um die Karten. So kommt es, dass die bitterböse, ganz und gar nicht anständige "Gatten"-Vorstellung läuft und läuft, während die "Tannhäuser"-Inszenierung von Timofej Kuljabin am Opernhaus Nowosibirsk nach Protesten russisch-orthodoxer Kirchenführer im März abgesetzt und der Operndirektor entlassen wurde. "Versuchen Sie nicht, die Logik Russlands zu verstehen", sagt Marina Davydova dazu nur bitter. Und Konstantin Bogomolov sagt beim Publikumsgespräch in Wien: "Es gibt keine Garantie. Die Macht hat in dem einen Fall so entschieden und im anderen eben so."

Die "Drei Schwestern", die beim russischen Jungstar Kuljabin so beredt in Gebärdensprache kommunizieren, haben lustigerweise auch bei Bogomolov ihren Auftritt. Nur sind sie da drei aufgetakelte Edelnutten - ja, sie haben es tatsächlich nach Moskau geschafft! -, die permanent Selfies machen. "Wir werden arbeiten!", geht ihre alte Leier. Sehr witzig. Russlands Dramenheiliger Tschechow geht bei Bogomolov nur noch als ironisches Zitat.

Ganz anders bei Timofej Kuljabin, Jahrgang 1984, seit letztem Jahr Leiter des Teatr Krasnyi Fackel (Theater Rote Fackel) in Nowosibirsk. Gerade dadurch, dass er die "Drei Schwestern" nur gestisch-mimisch sprechen und dazu den Text zum Lesen mitlaufen lässt, eröffnet er auf das fast schon zu Tode gespielte Stück wieder einen neuen Blick. "In Russland weiß leider jeder immer sofort, wie man Tschechow zu spielen hat", stöhnt Kuljabin beim Publikumsgespräch. Gegen diese stereotypen Vorstellungen wollte er vorgehen. Eineinhalb Jahre studierten seine Schauspieler die Gebärdensprache ein, es folgten weitere vier bis fünf Monate Probenzeit.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Die Inszenierung, exzellent gespielt und präzise im Ablauf, gewinnt eine berührende Intensität, zu der die Polyphonie der Geräuschkulisse beiträgt: das Klappern von Geschirr, das Ticken der Uhr, Andrejs zupfendes Geigenspiel, manchmal ein Schluchzen, ein Stammeln, ein Hämmern, später dann, in der Brandnacht, brutalere Geräusche - all das ergibt eine eigene Klangpartitur, die einen buchstäblich neu auf das Stück hören lässt, während jeder Zuschauer es für sich zusammenstückelt, mal mitlesend, mal lieber den Blick schweifen lassend. Vieles passiert gleichzeitig auf der Bühne, die Oleg Golowko als Haus ohne Wände eingerichtet hat: mehrere Zimmer, nur mit Möbeln und Klebestreifen am Boden angedeutet, alles in Taubenblau. Es ist eine Szenerie wie auf einem Filmset, die in ihrer Stilisierung an Lars von Triers "Dogville" erinnert und der Inszenierung trotz ihrer historischen Anmutung etwas sehr Modernes verleiht. Ebenso wie die Handys, Tablets und Computer, mit denen alle ständig beschäftigt sind. Die Sehnsucht nach Moskau wird im Hause Prosorow digital gestillt. Reizvolle Brüche sind das, Verbindungen zwischen Alt und Neu, gestern und heute.

Die Abgeschlossenheit der Tschechow-Figuren von der Außenwelt, ihre Lebens-Behinderung wird durch die Taubstummheit radikal unterstrichen. Sie leben in ihrem eigenen Kosmos, haben ihre eigene Sprache. Fast bekommen die Figuren gerade dadurch, dass sie nicht ihren Text im Munde führen, etwas Ikonografisches. Aber wie die Schauspieler sie mit Leben füllen, ist dann doch wieder sehr persönlich, sehr zärtlich auch. Das junge Ensemble ist großartig und liebenswert, allen voran die Frauen: die anfangs noch so hoffnungsfrohe Irina (Linda Achmetsjanowa), die unglücklich sich in Werschinin verliebende Mascha (Darja Jemeljanowa), die arbeitsame Olga (Irina Kriwonos), dazu die selbstbewusst sich breitmachende Schwägerin Natascha (Claudia Kachussowa).

Vier Stunden dauert Kuljabins Introspektive, mit drei genau getakteten Pausen. Es ist, wenn man das so sagen kann, eine absolut texttreue, aber auch absolut textneue Inszenierung - eine echte Überraschung. Im Zentrum steht die große russische Seins- und Seelenfrage: Was ist der Sinn des Lebens? Selbst Bogomolovs "Idealer Gatte" kommt nicht ohne sie aus. Hier wie dort lautet die Antwort der drei Schwestern: "Wenn man's nur wüsste."