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Theater:Frau Hitler & Herr Herzl

Taboris "Mein Kampf" wird in Hannover zur Gender-Farce: Szene mit Beatrice Frey, Christoph Müller, Lisa Natalie Arnold als Hitler, Daniel Nerlich.

(Foto: Katrin Ribbe)

Ab 1. Januar wird "Mein Kampf" zu einem ganz normalen Buch, das jeder kaufen und lesen kann. Höchste Zeit also, sich George Taboris "Mein Kampf" noch mal anzusehen. In Hannover. Als Gender-Farce. Mit Lisa Natalie Arnold als Hitler.

In wenigen Tagen ist Hitlers "Mein Kampf" ein Buch wie jedes andere. Jedenfalls in rechtlicher Hinsicht. Am 1. Januar läuft das Urheberrecht des bayerischen Staats an der Blutschrift aus, sie darf gedruckt, verkauft, gelesen werden. Eigentlich ein guter Moment, um noch mal zu erzählen, wie "Mein Kampf" wirklich entstanden ist, jedenfalls in der Version von George Tabori. In der Blutgasse in Wien nämlich, im Männerasyl, ausgedacht von dem Juden Schlomo Herzl als Roman, als ewig unvollendeter allerdings. Doch mit der Ankunft des bemitleidenswert von sich als Künstler überzeugten Essig-und-Öl-Malers Adolf Hitler und durch die Zuneigung des fürsorglichen Schlomos, der den schwätzenden Tropf tröstet, pflegt und zum Politiker erzieht, wabert "Mein Kampf" schließlich hinüber in den Kopf des größten Judenmörders aller Zeiten, um dort ein böses Machwerk zu werden.

Die junge, im Iran geborene Regisseurin Mina Salehpour hat Taboris schwarzgallige Satire über die Führerwerdung im Schauspiel Hannover noch um eine groteske Wendung vorangetrieben, indem sie daraus eine Transgender-Komödie entwickelt. Hitler ist eine Frau (Lisa Natalie Arnold), Lobkowitz, der Koch, der sich für Gott hält, und Himmler sind ebenfalls weiblich (Beatrice Frey), wogegen Schlomos platonische Kinder-Geliebte Gretchen als stämmiger Mann mit langen blonden Zöpfen tuntig herumstolziert (Daniel Nerlich). Nur der herzensgute Schlomo Herzl ist bei dem Geschlecht hängengeblieben, das ihm mal angedacht war, aber das passt ja auch zu diesem schönen konservativen Charakter, der das Gute bewahren will und dabei das Schlechte erschafft.

Hmm. Läuft lustig rein. Aber ist jetzt das Transsexuelle das erwachende Böse?

Christoph Müller steht in dieser Crossdressing-Show, die Salehpour durchaus unterhaltend aus Taboris sarkastischer Bewältigung des Grauens extrapoliert hat, wie ein alt gewordener Hippie mit langen grauen Haaren anrührend verloren herum und kämpft um Würde. Ahnungslos, was er durch seine Zuneigung zu dem frechen, blöden, hypochondrischen Energiepaket anrichtet, das Lisa Natalie Arnold in einem Mix aus Walter Moers' "Kleinem Arschloch" und Miley Cyrus aufführt, wird seine Distanz zu Salehpours Nazi-Travestie mit jedem Handlungsschritt größer. Schlussendlich schreitet der Führergewordene in einer glitzernden SA-Uniform und begleitet von Himmler mit Schaffnermütze sowie Gretchen als Mucki-Walküre über eine Showtreppe aus Abfallresten hinunter ins Asyl, während ein paar Tänzerinnen als Brathähnchen verkleidet herumhüpfen.

Obwohl die Verwandlung von Taboris Tragödie in einen Käfig voller Narren als Erzählung funktioniert, nimmt die Neueinkleidung dem Stück seinen Stachel und verwandelt es in eine Nettigkeit. Vielleicht nimmt eine Generation, die den Nationalsozialismus nicht mehr dreimal im Schulunterricht durchgenommen hat, den Aufklärungsgedanken einfach nicht mehr so wichtig. Aber in der Umdeutung auf Genderkonflikte verdreht sich natürlich auch eine ethische Dimension des Stücks ins Unverständliche. Denn wenn man es logisch betrachtet, dann ist in Salehpours Konstruktion von Hitler und seinen Schergen das Transsexuelle das erwachende Böse.

Da ist dann im Spaß mit Tabori die gemeine Denkschärfe dieses Stückes verloren gegangen, und "Mein Kampf" wird zur Gaudi im Fummel. Aber vielleicht ist diese Unbedarftheit im Umgang mit dem fiesen Hintergrund auch genau der Grund, warum heutige Leser das konfuse, langatmige, eitle und pathetische Hass-Geschwätz von Hitler nicht mehr ernst nehmen können. Wenn die Comedy-geprägte Gesinnung der heute Dreißigjährigen "Mein Kampf" nur noch gefahrlos als Quatsch liest, ist dabei auch was gewonnen: Für die ironische Friedfertigkeit, die Schlomo Herzl sich so sehr gewünscht hat.

© SZ vom 17.12.2015
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