Theater Faust, Mephisto und die Nazis

Auf Sand gebauter Bildertanz: Szene aus „IchundIch“.

(Foto: Uwe Schinkel)

Auf Sand gebauter Bildertanz: Das Stück "IchundIch" von Else Lasker-Schüler in Wuppertal.

Von Anne Linsel

In der Mitte der Riedel-Werkhalle in Wuppertal ist ein großes Rund aufgebaut, eine Manege, mit Sand aufgefüllt. Drumherum stehen Monitore und dazwischen, akkurat gereiht, schwarze Militärstiefel. In diesem Rahmen zeigt das Wuppertaler Schauspiel das letzte, nachgelassene Drama der Lyrikerin Else Lasker-Schüler, "IchundIch". Anlass ist der 150. Geburtstag der Autorin, geboren 1869 in Elberfeld. Else Lasker Schüler hat das Stück 1940/41 in Jerusalem in der Emigration geschrieben. Mit ihrem ersten und bekanntesten Drama, "Die Wupper", uraufgeführt 1909, hatte sie ihrer Heimatstadt ein Denkmal gesetzt. Dagegen gilt das Fragment gebliebene Stück "IchundIch", eine Nazi-Höllenfahrt als Überschreibung von Goethes "Faust", als schwierig und hatte es immer schwer. Die Uraufführung war erst 1979 am Düsseldorfer Schauspielhaus, kurze Zeit später wurde es in Wuppertal nachgespielt. Danach verschwand es von den deutschen Spielplänen. Im letzten Jahr wurde es ins Hebräische übersetzt.

Das Doppel-"Ich" steht einerseits für Faust und Mephisto, andererseits aber auch für Goethe und Lasker-Schüler, Elberfeld und Jerusalem, deutsche Kultur und Judentum, Schuld und Sühne, Traum und Wirklichkeit. Es ist als eine visionäre Parabel auf die leidvolle Existenz einer deutsch-jüdischen Dichterin und Emigrantin zu verstehen. Im Kriegsjahr 1941 hatte die Autorin noch Hoffnung - Mephisto hat anfangs noch "Höllenspaß an der Nazirass" . Später lässt er Hitler und Konsorten im brodelnden Lavaschlamm verglühen. Beide, Faust und Mephisto, wachsen dabei zu einer Person zusammen in ihrer Sehnsucht nach Gott und dem Sieg über das Böse.

Die israelische Regisseurin Dedi Baron inszeniert "IchundIch" als ein Polit-Stück mit aktuellen Bezügen: Flüchtlingssituation, Rechtsextremismus, neuer Antisemitismus, Zerstörung von Natur. Das zahlreiche Personal - "kein Gretchen", so gab es Lasker-Schüler vor - wurde auf acht Schauspieler und Tänzer (aus dem ehemaligen Ensemble von Pina Bausch) verknappt, die mehrsprachig in unterschiedlichen Rollen auftreten. Der Originaltext, deutlich gekürzt, tönt samt Regieanweisungen und etlichen Textzusätzen über Mikrofone durch die Halle und kommt auch mal als "Heute"-Nachrichten auf die Fernsehschirme. Viele Szenen des Stückes werden nicht gespielt, sondern nur hörbar gemacht.

"Es ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben wär"

Im weißen Sand der Manege entstehen mit einem homogenen, engagierten Ensemble einige starke Bildsequenzen aus Tanz, deutscher oder israelischer Musik und intensiver Körpersprache. Die Akteure tanzen, kriechen, krabbeln, rennen durch den Sand oder stapfen und marschieren in Stiefeln, aus denen schon mal Blut schwappt. Einmal stürmen sieben dickbäuchige "Könige" mit Papierkronen auf den Köpfen in die Arena. Unter den Pelzumhängen sind sie nackt. Nach heftigen Kämpfen gegeneinander buddelt jede dieser lächerlichen Figuren hektisch im Sand. Ein groteskes Bild für die Plünderung und Zerstörung der Erde. Auf den Monitoren erscheinen dazu Politiker wie Trump, Netanjahu, Putin und andere Mächtige. Ein Spielzeugpanzer umrundet ferngesteuert direkt vor den Füßen der Zuschauer die Arena. "Es ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben wär", singt Faust, Marte Schwertlein im Arm, das Gedicht "Weltende" von Else Lasker-Schüler.

Am Ende dieser ambitionierten Wuppertaler Unternehmung sind alle Akteure zu Lasker-Schüler geworden. Die Dichterin stirbt. Leise, wie aus der Ferne spricht sie: "Ich freu mich so, ich freu mich so - Gott ist da!"

Aber gerade dieser Aspekt der Gottsuche, das "Reden mit Gott", wie Else Lasker-Schüler das Dichten verstand, fehlt im Bewegungstheater dieser szenischen Collage. Überhaupt hätte "IchundIch" viel mehr zu bieten: theatralische Späße, Theater auf dem Theater, Clownerien, Kalauer, Poesie und Parodie - das alles geschrieben in wahrhaft schweren Zeiten. Dedi Barons Regie jedoch kapriziert sich ausschließlich auf die ernste Seite der Dichterin. Dass es auch anders geht, hat 1979 das Wuppertaler Schauspiel nach der sehr pathetischen Düsseldorfer Uraufführung gezeigt. Ebenfalls in einem Zirkusrund wurde damals das Leichte wie das Schwere, das Gute und das Böse, das gedoppelte Ich der Dichterin mit allen Mitteln des Theaters auf die Bühne gezaubert.