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Theater:Einfach Mensch

"Radikal jung" zeigt in München 14 Produktionen junger Regie, wütend, aufregend, beflissen, kunstvoll. Das Festival wird von inszenierenden Frauen dominiert.

Man muss Ariah Lester erlebt haben, Zeit mit ihm zusammen in einem Raum verbracht haben, von seiner Aura umfangen worden sein, um begreifen zu können, welchen Zauber dieser Mensch hat. Jede Beschreibung seiner Show - ein hier passenderes Wort als Performance - ist nur Behelf. Selbst das, was man von ihm auf Youtube sehen kann, wirkt vergleichsweise stumpf, zu geradlinig, obwohl man dort schon den Eindruck gewinnt, hätte Susan Sontag ihren Essay über "Camp" nicht bereits 1964 geschrieben, sie hätte es nach einer Begegnung mit Lester getan. Dessen Produktion "White [ARIANE]" ist Camp. Schwul, pathetisch, egozentrisch, voll mit Kitsch und einer überbordenden Musik, einer R'n'B-Oper von klebriger Künstlichkeit. Und doch ist die Aufführung umwerfend, großartig, verzaubernd und in jeder Sekunde wahr.

Beim Festival "Radikal jung", das nun zum 15. Mal am Münchner Volkstheater die Vielfalt junger Regie präsentiert, ist Ariah Lester die aufreizendste Erscheinung. Er stammt aus Caracas, Venezuela, wuchs in Armut auf, teilte sich ein Zimmer mit seinen Eltern, ging nach Amsterdam, studierte Choreografie, entdeckte seine Vier-Oktaven-Stimme, gründete mit seinem Freund eine Band und begann 2016, eigene Aufführungen zu entwerfen. In "White [ARIANE]" erzählt er die Entdeckung seiner eigenen Identität. Seine Mutter wünschte sich eine Tochter, schrieb fürs Kind in ihrem Leib ein Tagebuch, gebar einen Jungen, der sich falsch, als Monster fühlte. Gleichwohl herrscht da eine innige Liebe. Lester nahm das Tagebuch, formte aus den Worten seiner Mutter Songs, und kommt nun in der Aufführung als bizarrer Schmetterling zur Welt, die dunkle Haut mit weißem Gips übermalt, das krause, schwarze Haar mit gelber Paste geglättet, rote Nuttenstiefel bis übers Knie, den Körper in Mieder und Neopren gezwängt, auf Schultern und Armen Federn aus Brokat. Er erzählt von sich und seinem Leben, stakst selbstironisch über die kleine Bühne, bricht das Brot, hier ein seltsamer Glibber, mit dem Publikum - ja, auch das! -, er vervielfältigt sich im Spiegelkabinett des Live-Videos, singt und lässt schließlich alles Falsche hinter sich, entfernt Schminke und Tünche und ist am Ende einfach Mensch. "Gay Latino", wie er selbst sagt.

So groß wie in diesem Jahr war "Radikal jung" noch nie, 14 Produktionen wählte die Jury, bestehend aus Kilian Engels vom Volkstheater, C. Bernd Sucher und Christine Wahl, aus. Da eine Arbeit - "Medusa Bionic Rise" - vom Frauenkollektiv The Agency stammt, ist jede Quote übererfüllt: 14 Regisseurinnen und fünf regieführende Männer sind vertreten. Das ist auch insofern lustig, weil das Volkstheater selbst derzeit nur eine einzige Produktion einer Regisseurin in seinem Repertoire hat.

Radikal Jung

Frauenpower im Häkelknäuel: Christina Tscharyiskis Doppelabend „Revolt“ und „Mar-A-Lago“ aus Berlin.

(Foto: Julian Röder)

Aber bei der Auswahl geht es nicht um Quote, auch nicht um eine Art Best-Of-Frauenpower einer jungen Regiegeneration. Dazu sind die Arbeiten viel zu divers, lassen sich überhaupt nicht unter einem Label subsumieren. Die Diskussion der Mittel und Stoffe ist ohnehin obsolet. Es gibt Film- und Roman-Adaptionen, Inszenierung echter Stücke, Selbsterfundenes und Selbstrecherchiertes, es gibt Performatives und Schauspielertheater. Am ehesten lässt sich ein gemeinsames Merkmal darin bestimmen, dass alle Produktionen sehr analog die Begegnung mit Menschen auf der Bühne feiern. Die junge Regie-Generation erhebt das Theater auch zur Gegenwelt des Digitalen. Wo dieses, das Digitale, Anstoß zu einer Aufführung gibt, wird es zerfetzt wie in "[50/50] Old School Animation" von Peter Mills Weiss und Julia Mounsey aus New York, die eine bizarre, animierte Gewaltfantasie aus dem Netz zum Anlass nehmen, um über das Böse nachzudenken. Dabei erzählt Mounsey in extremer Unaufgeregtheit von der Lust am Schmerz, dem eigenen und dem, den man anderen zufügt. Und erzeugt damit einen subkutanen, beklemmenden Grusel. Oder Camille Dagen nimmt in "Durée D'Exposition" die analoge Fotografie, die Einzigartigkeit eines jeden einzelnen Bildes zum Anlass, um über die Flüchtigkeit der Schönheits, des Glücks, des Augenblicks erzählen zu lassen. Sowohl diese kleine, charmante Produktion aus Frankreich wie die New Yorker gehören neben Ariah Lester zum Stärksten, was das Festival zeigt.

Gegenüber den Gästen aus dem Ausland fällt bei den deutschsprachigen Arbeiten immer wieder eine gewisse Beflissenheit auf. Bis auf eine Ausnahme sind sie alle Stadttheaterproduktionen, und die eine Ausnahme zeigt dann auch, was passieren kann, wenn eine freie Gruppe souverän über die Mittel vollkommen selbst bestimmt. The Agency, jenes eingangs erwähntes Frauenkollektiv, entwirft ein hybrides Studio der physischen Optimierung, in dem der Zwang zum perfekten Körper zur vollkommenen Entindividualisierung führt. Der Besucher wird Teil davon, ob er will oder nicht, ein ziemlich unabgesichertes Erlebnis.

Das könnte "Café Populaire" vom Züricher Neumarkttheater auch sein. Nora Abdel-Maksoud hat den Text geschrieben, selbst inszeniert, ein brillantes, rasantes Kabarett über Biobambuskaffeebecher, Gutmenschentum und dessen dünnen Firnis, der nur so lange hält, wie man sich Armut vom Leib halten kann. Doch bevor es richtig wehtun könnte, verharrt der Abend in - allerdings grandios gespielter - Komik. Eine Feier der Schauspielkunst, wie auch Lucia Bihlers "Die Hauptstadt" vom Schauspielhaus Wien, wo sie Robert Menasses Roman in ein Zwischenreich grotesker Figuren verlegt, oder "Dritte Republik" vom Thalia Theater, wo Elsa-Sophie Jach und Thomas Köck die herrliche Barbara Nüsse triumphieren lassen.

Radikal Jung

Hier sieht man den venezolanischen Performer Ariah Lester, den Star des Festivals.

(Foto: Bas de Brouwer)

Junge Regie muss nicht krass sein. Sie kann ein ganz eigenes Kunstwerk wie die Roland-Topor-Adaption "Der Mieter" von Blanka Rádócy am Münchner Residenztheater sein, oder so klug und brav wie bei Florian Fischer, der mit Filmen des Dresdner Bürgerchors und dem entzückenden Schauspieler Lukas Rüppel eine hierzulande kaum bekannte Geschichte vom Anfang des Kalten Kriegs erzählt: Um zu erfahren, was die eigenen Leute umtreibt, inszenierte das sozialistische Regime der Tschechoslowakei Fluchtunternehmungen an der Grenze zu Bayern. Kaum glaubten sich die Geflohenen in Sicherheit, erzählten sie vermeintlich amerikanischen Grenzsoldaten freimütig alles - in Wahrheit waren sie tschechische Spione.

Bei einem Festival mit wohltuender weiblicher Übermacht, aus der sich übrigens überhaupt kein geschlechterspezifischer Stil ableiten lässt, dreht sich auch der Diskurs zwischen den Aufführungen um die Positionen von Schauspielerinnen und Regisseurinnen an den Theatern. Deutlich wird dabei, wie viel da noch im Argen ist. Die passende Produktion dazu ist Christina Tscharyskis Doppelabend vom Berliner Ensemble, der "Revolt. She Said Revolt Again" von Alice Birch und "Mar-A-Lago" von Marlene Streeruwitz vereint. Zwei Positionen des Feminismus', die eine durchforstet grimmig und nach starkem Beginn bald ermüdend die Machtstrukturen in (sexuellen) Beziehungen, die andere macht sich abgeklärter auch über die Frauen selbst lustig: Fünf Schauspielerinnen, dargestellt von drei Frauen und zwei Männern, treffen aufeinander, sie alle wollten sich mit dem selben Regisseur hochschlafen. Tscharyski macht daraus eine grelle Show, lässt die Rapperin Ebow auftreten. Die kämpft im Ghetto oktroyierter Rollenbilder, der ganze Abend zeigt überhaupt den Kampf, den Ariah Lester längst hinter sich gelassen hat. Er ist frei.