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Theater:Denunziant im Waschsalon

"I love you Turkey" --- Künstlerischer Leiter, Intendant 	Holger Schultze ; Künstlerischer Leiter, Leitender Schauspieldramaturg Jürgen Popig; Produktionsleitung und künstlerische Mitarbeit Katrina Mäntele

Angst geht um – aber ätsch: In der Repression gedeihen zugleich die Künste! Das Stück „I love you Turkey“ vom Istanbuler Theater „BBT“.

(Foto: Emre Mollaoglu)

Das Festival "Heidelberger Stückemarkt" zeigt, wie es dem Theater in der Türkei geht. Man erfährt dort - und sieht auf der Bühne: Die Künstler leiden, aber die Künste gedeihen unter der Repression.

Ein Waschsalon in Istanbul. Drei Frauen und zwei Männer waschen dreckige Wäsche, es fallen Sätze wie: "Alle Anwälte, die ich kenne, sind im Gefängnis." Ceren Erkans Stück "I love you Turkey" ist eine bittere Liebeserklärung an die Türkei, aber keine endzeitliche Waschsalon-Tragödie. Dazu spielt das Ensemble des Bakırköy Belediye Tiyatrosu (BBT) zu ironisch mit all den Repressionen, denen sich in der Türkei nicht nur oppositionelle Journalisten ausgesetzt sehen. Das BBT ist eines der wenigen staatlich geförderten Theater der Türkei. Seine Spielstätte liegt im Istanbuler Arbeitervorort Bakırköy. Dass solch ein Theater derart direkt die autokratischen Unterdrückungsmechanismen thematisieren kann, die aus der Türkei ein Gefängnis machen, überrascht genauso wie die Vielfalt der poetischen und metaphorischen Vergleiche, mit denen türkische Theatermacherinnen und -macher testen, wie weit sie gehen können.

In den Texten und Inszenierungen des diesjährigen Gastlandes beim Theaterfestival "Heidelberger Stückemarkt" ging es um so grundlegende Themen wie die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft. Fast immer stand aber auch die Frage im Raum: Riskiere ich mit dem nächsten Auftritt oder der nächsten Inszenierung eine Verhaftung? Onur Karaoğ zu verstehen, er sei hier im Waschsalon, um anhand der Kleidungsstücke Rückschlüsse auf staatsschädigendes Verhalten zu ziehen. Dieses "Help"-T-Shirt zum Beispiel, auf dem die Beatles die Buchstaben des Hilferufs so unverschämt mit den Armen formen, ruft doch sicher zum Sturz des Staates auf!

Vor acht Jahren war die Türkei schon einmal Gastland in Heidelberg. Damals konnte niemand ahnen, dass der türkische Präsident auf einen misslungenen Putschversuch von Teilen des Militärs mit einer beispiellosen Welle der Verhaftung vermeintlicher Staatsgegner reagieren würde. Heute erfährt man von der Gefährdung der Künstler, aber auch, dass gerade in Zeiten der Repression die Künste gedeihen: Die Zahl der freien Theatergruppen steigt offenbar sprunghaft. Im vergangenen Jahr etwa soll es alleine in Istanbul mehr als 230 Premieren gegeben haben. Da ist aber auch diese Atmosphäre der Verleumdung, die das Land vergiftet. Wie das konkret funktioniert? Es genüge, so die Auskunft, ein Anruf oder Eintrag im sogenannten Kommunikationszentrum des Staatspräsidialamtes. Auf der staatlichen Internetplattform könne jeder jeden denunzieren.

Es war es schon verblüffend, mit welcher Gelassenheit das erzählt wurde. Weniger gelassen war Ömer Kaçar, als während der abschließenden Preisverleihung sein Name fiel. Die wichtigsten Autorenpreise des Heidelberger Stückemarktes werden für noch nicht uraufgeführte Theatertexte aus dem Gastland und dem deutschsprachigen Raum vergeben. Den internationalen Preis gewann Kaçars "Der Gast", in dem eine schrecklich nette Familie durch einen unerwarteten Besucher herausgefordert wird. Zuerst soll er eingemeindet werden, ziemlich schnell reagiert das geschlossene System Familie aber mit teuflischer Grausamkeit bis hin zu Fake News, die belegen sollen, der kriminelle Fremde habe das familiäre Tafelsilber gestohlen.

"Der Gast" ist eine absurde Türkei-Parabel, "Das weiße Dorf" ein unterkühlter Dialog mitteleuropäischer Selbstoptimierer, mit dem die Wienerin Teresa Dopler den deutschsprachigen Autorenpreis gewann. Eine Frau und ein Mann treffen sich während einer Amazonas-Kreuzfahrt wieder, aber auch im Regenwald ist es wie damals in Mitteleuropa: Sie reden aneinander vorbei wie in einem Chatraum. Doplers Wohlstandselegie wird nächstes Jahr zur Eröffnung des Stückemarktes uraufgeführt. Kaçars "Der Gast" wünscht man die deutschsprachige Erstaufführung, die im Fall von "I love you Turkey" bereits vorgesehen ist: Anfang nächster Spielzeit am Staatstheater Nürnberg.