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Theater:Das Bamf hat es jetzt auf die Bühne geschafft

Münchner Kammerspiele

Auf dem Amt: Raaed Al Kour, Hassan Akkouch, Michaela Steiger (v.l.).

(Foto: Thomas Aurin)

"What They Want to Hear" - Lola Arias zeigt an den Münchner Kammerspielen den langen Weg eines Flüchtlings durch die deutsche Bürokratie.

Manchmal ist Theater sehr schnell: Kaum ist das Bamf, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, in den Schlagzeilen, und die Union droht an der Flüchtlingsfrage zu zerbrechen, steht das BAMF auch schon auf der Bühne im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele, in Form eines detailgetreu hergerichteten Amtszimmers, inklusive Topfpflanze und Europakarte an der Wand, Europa politisch.

Die Aktualität ist Koinzidenz, weil man so einen Theaterabend nicht in wenigen Tagen herstellt. Aber diese Koinzidenz zeigt halt auch einen bürokratischen Dauerzustand an. Der Abend, der den Titel "What They Want to Hear" trägt, hätte vor zwei, drei Jahren herauskommen können und hätte vermutlich auch noch in ebensovielen Jahren die gleiche Gültigkeit wie heute. Die argentinische Regisseurin Lola Arias lässt den syrischen Archäologen Raaed Al Kour seine Geschichte erzählen. Er wartet seit vier Jahren in Deutschland auf seine Anerkennung als Flüchtling. Nun verkürzt er sich die Wartezeit mit Theaterspielen.

Lola Arias ist eine sehr erfahrene Dokumentartheaterregisseurin, und es gibt auch wenig, was an diesem Abend nicht passt, was aber noch lange nicht bedeutet, einer fesselnden Theateraufführung beizuwohnen. Arias' Glücksfall ist sicherlich Raaed Al Kour selbst, ein höflicher, gebildeter und wacher junger Mann, der auf Englisch (mit deutschen und arabischen Übertiteln) seine Geschichte erzählt. In Syrien studierte er Archäologie, arbeitete bei internationalen Forschungsprojekten mit. Dann brach in seiner Heimatstadt Daraa der Aufstand gegen Assad los, die Stadt wurde belagert, beschossen, Al Kours Familienhaus, das der Großvater erbaut hatte, wurde zerstört, Familienangehörige wurden getötet und Al Kour entschied sich zur Flucht. Auf dem Weg nach Deutschland wurde er in Bulgarien registriert, was zum Problem wurde, denn so konnten die deutsche Behörden sagen, sie seien nicht zuständig, er solle sich nach Bulgarien schleichen, auch wenn dort die Verhältnisse im Asylantenheim verheerend sind und Neonazis um die Unterkunft patrouillieren.

Eine Geschichte wie leider Tausende. Arias lässt sie akkurat erzählen, im Bühnenbüro trifft Al Kour auf die Schauspielerin Michaela Steiger, mal als Rechtanwältin, mal als Frau vom Amt, Kammerspiel-Ensemblemitglied Hassan Akkouch gibt den Übersetzer. Diese Szenen wirken wie ein Volkshochschulkurs in Sachen deutscher Bürokratie. Über dem Bürozimmer ein leerer, zweiter Raum, in dem drei Mitglieder des Open-Border-Ensembles der Kammerspiele Szenen von Al Kours Erzählung nachspielen, das Warten auf dem Amt, die vielen Ratschläge, die die Unwissenden einander geben: Sag, was sie hören wollen! Mal sind sie auch deutsche Polizisten, da weht eine leichte Ironie herein.

Aber die wird nicht ausgespielt, genauso wenig werden die vier Jahre des Wartens in Deutschland emotional spürbar. Alles bleibt so kühl wie korrekt. Die drei Darsteller aus Syrien - das Open-Border-Ensemble ist anders als das Exil-Ensemble des Berliner Gorki Theaters kein Hort für Flüchtlinge, sondern in Syrien gecastet - bleiben Erfüllungsgehilfen der Geschichte, obwohl sie viel könnten, was Ausschnitte aus Propaganda-Soaps des syrischen Staatsfernsehens zeigen. Für das Kammerspiel-Publikum hat die Aufführung Selbstbestätigungscharakter. Eigentlich müssten sie alle AfD-Wähler anschauen, um die Realität zu begreifen. Aber die gehen leider nichts ins Theater.