Theater Catwalk und Völlerei

Kapitalismus ist Kampf: Die Schauspielerin Josephine Köhler (li.) und der Tänzer Louis Stiens boxen „Die sieben Todsünden“.

(Foto: Bernhard Weis/Staatsoper Stuttgart)

Anna-Sophie Mahler lässt in Stuttgart die Performerin Peaches in Weills "Sieben Todsünden" auftreten.

Von Egbert Tholl

Sie sei Anna und sagt, sie spreche "für die Hässlichen, die Abgefuckten, die schlecht Gefickten, die Durchgeknallten". Aber auch für die Männer, "die keine Lust haben, Beschützer zu sein, die es gern wären, aber nicht wissen wie, die gern heulen, zart oder kahl sind". Sie finde es großartig, dass es auch Frauen gebe, die gekonnt verführen, sich heiraten lassen, nach Sex oder Kuchen für die Kinder riechen. Aber: Dem Ideal der weißen Superfrau, Mutter, Verführerin, berufstätig, glücklich, gebildet, "aber weniger als ein Mann", diesem Ideal sei sie noch nicht begegnet.

Der Text stammt aus Virginie Despentes' "King Kong Theorie" und findet nun Eingang in eine bemerkenswerte Patchwork-Aufführung von Kurt Weills "Die Sieben Todsünden". Diese hat Anna-Sophie Mahler jetzt in Stuttgart inszeniert, als Koproduktion von Staatsschauspiel, Staatsoper und Ballett unter Mitwirkung der kanadischen, feministischen, aufregenden Performerin und Sängerin Peaches.

Als sie Despentes' Text nach dem Verklingen von Weills suggestiver Musik hörten, wünschten sich wohl ein paar verdutzte Zuschauer im Stuttgarter Theater, sie wären dieser zornigen Anna nie begegnet. Aber dann hätten sie halt auch diesen Auftritt Josephine Köhlers, der Königin des Abends, verpasst. Sie spricht übrigens exakt den selben Ausschnitt, den man am Tag davor in Zürich auf dem Programmzettel des Theater Neumarkt lesen konnte, bei der Uraufführung von Despentes' "Vernon Subutex". Gutes Material, das weibliches Selbstbewusstsein mit völlig selbstverständlicher, undogmatischer Großartigkeit formuliert, ist immer noch viel zu rar, da wird ein starker Text schnell ikonisch.

Die wenigen, die am Ende buhten und damit im tosenden Jubel untergingen, waren gewarnt. Die örtliche Bewahranstalt verklemmter Kunstauffassung, die Stuttgarter Bild-Zeitung, hatte schon vor der Premiere auf ihren Verkaufskästen angekündigt: "Staatstheater zeigt Stück mit nackten Brüsten." Stimmt so eh nicht: Auf der Bühne sah man verschämt mit Brustwarzenattrappen überklebte Brustwarzen.

In den "Sieben Todsünden", uraufgeführt 1933 in Paris, kombiniert Weill zum Text von Brecht Gesang mit Ballett. Im Kern geht es um eine heute recht plump wirkende Kapitalismuskritik: Zwei Annas, Schwestern, eine tanzt, eine singt, ziehen sieben Jahre durch die Städte, um Geld zu verdienen, damit sich die Familie ein kleines Häuschen daheim in Louisiana kaufen kann. Diese Familie ist ein Männergesangsquartett, das, selbst stinkfaul, aus der Ferne der Heimat nicht mit bigotten Ratschlägen und Drangsalierungen geizt. "Müßiggang ist aller Laster Anfang", und der Kapitalismus ist in der Familie angekommen.

Der Boxring nimmt die Bühne ein. Das Staatstheater ist drumherum platziert

Die Mühen der erniedrigenden Geldbeschaffung übersetzt Mahler in einen Boxkampf. Der Ring nimmt die Bühne ein, das Staatsorchester ist drumherum platziert und spielt unter der Leitung von Stefan Schreiber Weills Musik sagenhaft fein und farbenreich. Im Ring Josephine Köhler und Louis Stiens, Tänzer und Choreograf des Abends. Vor dem Ring Peaches, die den Anna-Part herrlich direkt, ohne jeden Firlefanz singt. Das Männerquartett betätigt sich als Ringrichter, und man braucht dann sehr lange, bis man begreift, dass im Ring nicht zwei Tänzer wirklich boxen, raufen, sich krass körperlich angehen, sondern dass eben eine davon Josephine Köhler ist, Schauspielerin am Staatstheater. Die Choreografie ist Abbild der einzelnen Stationen, mal kann man sich Kämpferin und Kämpfer als zwei Annas im Clinch mit der Umwelt denken, mal Köhler als Anna im harten Kampf mit ihrem Gegenüber - Gladiatoren der Neuzeit. Das ist präzise, energiegeladen, umwerfend. Nur ab und an fühlt Stiens den Polunin in sich und dreht gedankenverloren seine Pirouetten.

Das ist toll - und dauert 35 Minuten, das ist noch nicht abendfüllend. Deshalb stückelt Mahler noch drei völlig heterogene Teile dran, deren Verknüpfung mehr Behauptung als zwingend ist. Aber so entsteht eine Revue von Frauenbildern, die vor 15 Jahren an einem Staatstheater eine absolute Sensation gewesen wäre, heute nicht mehr ganz frisch, aber immer noch notwendig ist.

Nach dem Boxen, während dem sie auch ein bisschen gesungen hat, als mit Peaches korrespondierende Anna 2, trägt Köhler Despentes' Text vor, erst wie zerstört, dann mit Zorn, jeden Satz in seinem Gehalt denkend. Dann kommt die eigentliche Peaches-Show, die vermutlich allein schon dafür sorgt, dass alle bislang angesetzten Vorstellungen bereits annähernd ausverkauft sind. Peaches macht nichts anderes als sonst auch, singt zur Musikkonserve acht aufreizende Songs - wie "Fuck The Pain Away" oder "Dick In The Air". Im Dröhnen des neonschicken Discosounds wischt Peaches die Opferrolle der Frau bei Brecht/Weill beiseite, Übertitel wiederholen die Stationen der "Todsünden", nach denen die Auswahl der teils 18 Jahre alten Songs erfolgt. Peaches selbst schaut erst aus wie eine überladene Fruchtbarkeitsgöttin, dann geht's luftiger zu, zwei tanzende Vaginas gesellen sich ihr zur Seite. Die sind Köhler und Stiens, die auch sonst für an- oder auch ein bisschen aufregende Körperbilder sorgen. Wieder großartig: Die minutiöse Genauigkeit, wie Köhler "Völlerei" spielt, erst Catwalk, dann Vollstopfen, dann übergeben - Essstörung erklärt in drei Minuten.

Mit Peaches' Auftritt wäre eigentlich alles klar, aber da ist noch eine Frage offen. Ein bisschen seifig spielt das Orchester Charles Ives' "The Unanswered Question", dabei verabschiedet sich die 64-jährige Tänzerin Melinda Witham von der nun völlig leeren Bühne. Eine Frau verschwindet im Alter. Mit Würde.