Strindberg am Deutschen Theater:Eskalation in der Einbauküche

Fräulein Julie

Felix Goeser, Linn Reusse und Franziska Machens (von links) in der Inszenierung von Timofej Kuljabin.

(Foto: Arno Declair)

Timofej Kuljabin inszeniert "Fräulein Julie" am Deutschen Theater Berlin. Eine Warnung.

Von Peter Laudenbach

Wenn Timofej Kuljabin wirklich "einer der derzeit aufregendsten Regisseure Russlands" ist, wie das Deutsche Theater Berlin mitteilt, muss man sich möglicherweise Sorgen um das russische Theater machen. Kuljabin macht in den Kammerspielen des Deutschen Theaters aus Strindbergs "Fräulein Julie" eine emotional überdrehte Affären-Zimmerschlacht. Wobei sich die dampfenden Erregungszustände in der Oberflächeninszenierung vor allem in Lautstärke und wildem Gestikulieren äußern. Wenn die junge Adlige Julie ihren proletarischen Diener Jean verführt, um sich von Ennui und Sinnlosigkeitsgefühlen zu befreien, multipliziert Strindberg Klassengegensätze mit einer überhitzten, destruktiven Sexualität. Im Vokabular heutiger Identitätspolitik könnte man sagen, er verdreht die Fronten der Diskriminierung, wenn die Frau dank Statusüberlegenheit Sexualität als Waffe einsetzt. Das war bei der Uraufführung 1892 ein Schock, der das Stück zu einem immer noch explosiven Klassiker des modernen Theaters macht.

Kuljabin verschiebt es in eine Upperclass-Gegenwart, die genauso gut in Moskau wie in Miami spielen könnte. Das wäre nicht weiter schlimm, würde die Inszenierung Strindbergs sadomasochistische Psychofolter-Exerzitien nicht im Stil eines Fernsehfilms alltagspsychologisch verkleinern und die Figuren zu Typen banalisieren. Die arme Linn Reusse muss als Julie viel schreien. Zuerst gibt sie die Karikatur einer gelangweilten Millionärstochter-Zicke, dann die ausgetickte Megäre, dann das verknallte kleine Mädchen. Zwischen den durchweg sexistischen Klischee-Püppchendarstellungen ist keine Verbindung zu erkennen.

Felix Goeser spielt Jean, den Chauffeur von Julies Vater, als tumben Tor, der aufgeregt fuchtelnd durch das Bühnenbild einer gehobenen Einbauküche stapft. Die Pointe der Inszenierung besteht darin, dass Julies Ex-Verlobter Thomas (Božidar Kocevski) sich an ihr für ein peinliches Internetvideo rächen will - sie hatte ihn dabei gefilmt, wie er es auf ihre Bitte mit einer Gummipuppe treibt. Er bezahlt Jean, gibt ihm über einen kleinen Ohrlautsprecher Regieanweisungen und filmt die Demütigungsspiele mit einer versteckten Kamera, um sich seinerseits per Internetvideo zu rächen. Was man in sehr schlechten Filmen halt so macht, um eine Trennung zu verarbeiten. Als die Situation entgleitet und Jean es mit Julie an der Küchenzeile treibt, hört für den bedauernswerten Thomas der Spaß auf. Und zumindest das hat er mit dem still leidenden Zuschauer gemeinsam.

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Nesterval / Queereeoké

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