Internationales Sommerfestival:Hörsturz

Nesterval / Queereeoké

"Die Buddenbrooks" in der Inszenierung des Kollektivs Nesterval/Queereeokée. Vorteil: Kein Podcast. Nachteil: Das Ganze kommt über langweilige Selbstdarstellung nicht hinaus.

(Foto: Maximilian Probst)

Wenn Theaterintendanten nur noch Podcasts inszenieren wollen: Eindrücke vom Hamburger Festival auf Kampnagel.

Von Till Briegleb

Der Triumph des Podcasts ist der Tod des Schauspiels, zumindest wenn die Intendanten meinen, dieses Format aufgrund des Booms eins zu eins auf die Bühne übertragen zu müssen. Das Internationale Sommerfestival in Hamburg auf Kampnagel, eigentlich eine lebendige Institution für darstellendes Spiel, zeigte in seiner Eröffnungswoche exemplarisch, was es bedeutet, die Künste in den Kopfhörer zu verbannen. Der Großteil des Eröffnungsangebots im 35. Jahr dieses Festivals war einsames Hörspiel. Obwohl das Fest-Motto "Togetherness" lautet, lauschte der Zuschauer meist allein vor sich hin.

Man wird an den Ohren durchs Festival gezogen

Rimini-Protokoll wählte die billigste Variante einer App für ihre "Walks". Sprecherinnen und Sprecher vom Kind bis zur Seniorin sprachen über Ampeln, Friedhöfe oder Theaterbesuche mäßig originelle Suggestionstexte, während die Zuhörenden selbst wählen konnten, wo sie hingehen. Die Akustiktheater-Experten von Ligna trieben ihre Audiowalk-Performance mit Lauschbefehlen auf den verwaisten Verkaufsflächen der Kaufhausleiche Kaufhof. 17 Minuten und 33 Sekunden dauerte eine als "Weltpremiere" titulierte Hörproduktion von Abhishek Thapar an einem Tisch unter einer Treppe, wo man allein mit einer Wasserkaraffe dem Erlebnisbericht einer immigrierten Person lauschte, die in Deutschland im Dienstleistungsbereich arbeitet.

Weiter an den Ohren gezogen wurden die Festivalgäste zum Dieter-Roth-Museum, das der Künstler in den Neunzigerjahren in einer Eppendorfer Prachtvilla eingerichtet hatte. Dort erfuhr man aus den Hördateien vor Roths Schimmelkunst, dass Christoph Marthaler mit diesem einst so viel Gin im Restaurant getrunken hat, dass er umfiel und das Tischtuch einer prachtvoll gedeckten Tafel mit sich zog. Die "Oracle"-Installation von Susanne Kennedy und Markus Selg, die 2020 in den Kammerspielen mit Schauspielinteraktionen zu sehen war, war nur als VR-Version präsent. Hier segelte der isolierte Besucher durch mystisches Bildwerk mit Augen, Planeten und Naturidyll, während aus dem Kopfhörer esotherapeutische Einflüsterungen über die Brüchigkeit des Ichs tönten.

Und in diese Aufzählung von Hörspielstunden passt auch die Eröffnungspremiere, die diesmal keine große Theater- oder Tanzperformance sein durfte, sondern ein halbakustisches Konzert. Die kanadische Sängerin Feist hockte auf einem grünen Podest, spielte erstaunlich schludrig Gitarre, sang dazu glockenklar Melancholisches, während Videofilmer die Füße der Zuschauer, den Inhalt einer Handtasche und ähnlich belangloses Zeugs auf die Wände der großen Halle projizierten. Wo war es bloß geblieben, das intelligente Spektakel, inszeniert von professionellen Akteuren, die sich mit der Welt auseinandersetzen? Etwa bei der queeren Adaption der "Buddenbrooks", die das Kollektiv "Nesterval/Queereeoké" im Bunker-Club "Übel & Gefährlich" als St. Pauli-Unterwelt-Farce eingerichtet hatte?

Zwar protzte die Produktion mit riesigem Ensemble und Kostümschlacht. Aber dieser sehr lange Abend des Mitmachzwangs war letztlich doch nur ein schlagender Beweis dafür, dass die Radikalthesen der Identitätsaktivisten, denen sich jetzt auch die Amazon-Filmproduktion beugen will, den schleichenden Untergang der performativen Künste bedeuten werden. Wenn Rollen nur noch von Menschen verkörpert werden dürfen, die tatsächlich sind, was sie darstellen, wird Schauspiel zur langweiligen Selbstdarstellung. In diesem Fall zu einem Anschauungsseminar für queeres Nachtleben.

Christoph Marthaler und Susie Wang retten das Festival vor dem Totalabsturz

Gerade Mitmachtheater, das von seinen Zuschauern sehr viel verlangt, verlässt nur dann das Stadium der Nötigung, wenn es von geübten Darstellerinnen und Darstellern umgesetzt ist - vorbildhaft etwa von der dänisch-deutschen Gruppe Signa, deren anstrengende Psychowelten bis ins kleinste Detail durchgearbeitet sind. Wenn aber viele Laien mit Spaß an exaltiertem Verhalten die Groschenromanversion von Weltliteratur als peinliche Treibjagd des Publikums veranstalten, sich Dildos in den Po stoßen, hölzerne Dialoge aufsagen und wild zu Peaches' "Fuck the Pain Away" tanzen, dann hilft es nichts, dass diese Menschen alle sehr sympathisch sind. Das künstlerische Resultat ist die unangenehme Situation, Menschen bei etwas zuzuschauen, was sie nicht können.

Susie Wang Licht und Liebe

Die Gruppe Susie Wang zeigt in ihrer so lustigen wie fiesen Splatterkomödie "Licht und Liebe", wie man Urlaub so richtig in den Sand setzt.

(Foto: Simen Ulvestad)

So mussten Christoph Marthaler und die Gruppe Susie Wang als Theaterproduzenten den Auftakt vor dem Hörsturz retten. Die herrlich absurden Texte von Dieter Roth, die Marthaler letztes Jahr in einem schmucken Pillenuniversum für fünf Apothekerinnen und einen Geist in Zürich inszeniert hatte, ist eine Sternstunde grotesker Musikalität. Die ständig zündende Zwiesprache der zwei Schweizer Künstler (einer davon seit 1998 tot) in "Das Weinen (das Wähnen)" zeigte mit feinen Tönen, warum Theater so dringend geniales Rollenspiel braucht. Die Kunst von Liliana Benini, Magne Håvard Brekke, Olivia Grigolli, Elisa Plüss, Nikola Weisse und Susanne-Marie Wrage schafft Welten, die über Persönliches weit hinaus gehen: Weil sie sich verwandeln können.

Und das gilt nicht minder für die neue Splatter-Komödie "Licht und Liebe" der norwegischen Katastrophen-Künstler von Susie Wang. Sie schaufelten der Erwartung an eine heile Urlaubswelt ein fieses Sandgrab. Ein deutsches Pärchen, das sich im Sonnenöl-Paradies wähnt, schlittert mit dem Auftritt ihrer arabischen Vermieterin und ihren unheilvollen Ansagen immer tiefer in einen schauerlichen Schlamassel der Körperängste und Mutationen. Die urkomische Verwandlung von Prospektferien in Horror erzählt dabei sehr vielschichtig von den Folgen jener Ignoranz, die wir unser Recht auf Konsum nennen. Dem Gehör zu schenken, hat sich dann schließlich doch sehr gelohnt.

© SZ/alex
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