Theater Ausdruckstanz mit Farbeimer

Kippfiguren: Im Menschenknäul zeigt sich nicht nur der dionysische Rausch, sondern auch die Mordlust.

(Foto: Thomas Aurin/Residenztheater)

Wim Vandekeybus mit einem klischeehaften Tanzabend frei nach Euripides im Münchner Cuvilliéstheater.

Von Sabine Leucht

Ein Turm und drei schief ineinander verkeilte weiße Blöcke stehen auf der Bühne des Cuvilliéstheaters. Zu leise pulsenden Klängen gleitet Vincent Glowinski - in Brüssel bekannter als Fassadenkünstler Bonom - kopfunter den Turm hinab, mit Kreide eine dunkle Spur in das Weiß ziehend und mit dem Pinsel über den Körper des Schauspielers fahrend, der daraufhin lebendig wird: angeknipst vom malenden Gott dieses Abends.

Ein schöner Beginn mit klaren Kontrasten: Abstrakte Formen auf der Bühne und die Rokoko-Üppigkeit des Zuschauerraums, Sprechtheater-Akteure und Tänzer, die das Adrenalin intus haben, mit dem Wim Vandekeybus vor gut dreißig Jahren den zeitgenössischen Tanz infizierte, kommen in "Die Bakchen - lasst uns tanzen" zusammen. Die Inszenierung ist eine Kooperation des Bayerischen Staatsschauspiels mit Vandekeybus' Gruppe Ultima Vez. Der belgische Künstler lässt in seinen besten Arbeiten im Zusammenprall der Körper eine fragile Zartheit aufscheinen. Die wenigen schlechten neigen zu Kraftmeierei und Brutalo-Kitsch. Dahin schwingt das Pendel allzu oft an diesem Abend, vielleicht weil dessen Thema - der alle Grenzen negierende Rausch, den der Halbgott Dionysos über seine Heimatstadt Theben legt - dem Choreografen und Regisseur keine grundlegende Selbstbefragung abverlangt. Da können zumindest seine vier nach München mitgebrachten Tänzer blind in ihren Bewegungsfundus greifen. Passt ja eh.

Ein weiterer Weggefährte Vandekeybus', der flämische Schriftsteller Peter Verhelst, hat frei nach Euripides eine Textfassung erstellt, die den Chor zurückdrängt und der im Rausch ihren eigenen Sohn ermordenden Agaue viel Raum gibt. Mal süffige, mal wie Gebrauchsanweisungen etwa zur richtigen Herrschaft zu lesende Monologe orchestrieren neben der Stammesklänge und Elektro mischenden Live-Musik von Dijf Sanders den Clash der Kulturen: hier das praktische kalkulierende, die Irrationalität des Rausches auf Distanz haltende Theben, in dem der König und Dionysos' Cousin Pentheus die von ihm verführten Frauen der Stadt retten will und panisch jeden Nippel und jede Scham übermalt, deren üppige Formen Bonom inzwischen über die Bühnenblöcke verteilt hat. Dionysos als Apologet von Wildheit und Ekstase. Aber auch Freiheit? Viel Verlockendes hat der neue Gott nicht zu verkaufen, den der frisch gebackene Falckenberg-Absolvent Niklas Wetzel als bis zur Lächerlichkeit narzisstische, aber tief gekränkte Seele spielt.

Es ist einmal die Rede im Text von dem Fremden, der die Gesetze des Gastlandes respektieren müsse. Und während Vandekeybus' Tänzer teils in ihren Muttersprachen sprechend ein modernes Babylon heraufbeschwören, gebietet Pentheus: "Wir müssen die bleiben, die wir sind." Wer die Wahl hat zwischen diesen beiden "Göttern", steckt in einer Sackgasse, die uns heute vertraut vorkommt.

Doch Vandekeybus ist weniger an einer Neudeutung des alten Stoffes gelegen als daran, ein wuchtiges Bild zu malen. Mit allen ihm verfügbaren Mitteln. Das originellste unter ihnen ist zweifellos die akrobatische und wunderbar souveräne Live-Malerei. Deren Dominanz aber macht die Guckkastenbühne eng, zumal für den Tanz, der rätselhafterweise oft weniger Platz hat als die Schauspieler. Dabei halten Till Firit als Pentheus, Wolfram Rupperti als dessen Vater Kadmos und René Dumont als Seher Teiresias meist eher statischen Monologe. Wenn die Tänzer herumtollen, wirkt das aufgrund der Enge wie ein geschrumpftes Zitat früherer Vandekeybus-Tumulte, die sexuelle Ekstase wie eine erotische Gymnastik, in denen Kraftlacks gewichtslose Puppen in den Schritt packen und senkrecht in die Höhe heben, waagrecht zwischen den eigenen Beinen oder in der Hocke vor sich schweben lassen. Klischeehaft ist vieles davon, denn obwohl im Vorfeld vom Verschwimmen der Geschlechter die Rede war, sind die wie fehlprogrammierte Sexpuppen Agierenden und die, mit deren Körpern der Boden gewischt wird, größtenteils weiblich. Kreatürlich Krauchende und organische Menschenknäuel sind eigentlich genau das, was man in einer Situation erwartet, in der Ekstase in Mordlust übergeht.

Umso schöner, wenn Kräfteverhältnisse sich bisweilen doch umdrehen, wenn etwa die zarte Aymará Parola den bulligen Horacio Macuacua von sich wegschleudert - oder ihn die Berührung von Agaues (Sylvana Krappatsch) Händen förmlich schmelzen lässt. Doch zuletzt braucht es zu viel Stroboskoplicht, kübelweise goldene und blaue Farbe, um den Zuschauer zu überzeugen, dass er hier einem dionysischen Spektakel beiwohnt - und um den Halbgott in ein Standbild seiner selbst zu verwandeln, dem sein eigenes Mantra im Halse stecken bleibt: "Trinkt meine Rache. Und nennt es Liebe.