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Theater:Am Pool der schlechten Gene

Luk Perceval begeistert mit seiner virtuosen Zola-Inszenierung "Liebe" bei der Ruhrtriennale.

"Der Totschläger" - der Romantitel fällt in der Aufführung nur ein einziges Mal - ist der Name einer Kneipe in Paris. Im Hinterzimmer steht die "Schnapsmaschine", hier verkehren Typen wie der Dachdecker Coupeau, den der Alkohol ruiniert hat. Coupeau ist der Mann der Wäscherin Gervaise, diese wiederum stammt in unehelicher Linie von Tante Dide ab, ihrerseits Alkoholikerin. Tante Dide, bei Beginn der Handlung über 100 Jahre alt, steht am Ursprung der zwei Linien der Familie Rougon-Macquart, an deren Beispiel Émile Zola die "Natur- und Sozialgeschichte des Zweiten Kaiserreichs" (1852-1870) schildern wollte:als Chronik eines fortschreitenden Zerfalls, einer "genetischen Defektgemeinschaft", geprägt durch Alkohol, zerrüttete Nerven, fehlgeleitete Triebe.

Sehr anheimelnd klingt das nicht, und es ist durchaus gewagt, wenn der Regisseur Luk Perceval den ersten Teil der Bühnenadaption dieser 22 Romanbände, die jetzt bei der Ruhrtriennale zu sehen ist, umtauft in "Trilogie meiner Familie" - als ginge es dabei (auch) um seine eigene, eine flämische Schifferfamilie, oder eben um genetische und andere Defekte, aus deren unergründlichem Pool jede Familie auf der ganzen Welt ihren Teil schöpfen darf.

Uraufführung Liebe. Trilogie meiner Familie 1 nach Émile Zola Regie Luk Perceval

Fortschreitender Zerfall der Defektgemeinschaft: Szene aus "Liebe. Trilogie meiner Familie 1", dem ersten Teil von Percevals Zola-Trilogie.

(Foto: Armin Smailovic)

Aber nicht nur das, auch der Titel des ersten Teils der Trilogie, "Liebe", mutet sonderbar an. Was dieses große Thema betrifft, muss man sich hier auf einiges gefasst machen. Gervaise, anrührend gespielt von Gabriela Maria Schmeide, taumelt von einem Liebhaber zum anderen, setzt eine Reihe von Kindern in die Welt, deren Schicksal wenig erquicklich ist, geht schließlich am Alkohol zugrunde.

Doch "Der Totschläger" ist nur einer von zwei Bänden, die Perceval sich für den ersten Abend seiner Trilogie vorgenommen hat (die beiden anderen folgen auf den nächsten Ausgaben der Triennale). Der andere ist "Doktor Pascal", der Roman, mit dem der Zyklus schließt. Der Doktor, ein Junggeselle, ist so etwas wie ein Alter Ego seines Autors: Ein Forscher, der Stammbäume studiert, Daten zur Vererbung sammelt, um auf deren Grundlage "die ganze Menschheit neu zu erfinden". Dann verliebt er sich, aber das Objekt seiner Begierde ist ausgerechnet die eigene Nichte Clotilde - die, weltfremd wie sie ist, diese Gefühle sogar erwidert. Pascal ist ein redlicher Mann, er kämpft heftig gegen seine Wünsche, aber wie stets bei Zola sind die Triebe stärker als die Vernunft.

Elegant hat Perceval die beiden Romane miteinander verschränkt. Stephan Bissmeier, der den Pascal spielt, wird gewissermaßen zum Erzähler des "Totschlägers", mit Empathie und im Bewusstsein eigener Schwächen beobachtet er das haltlose Treiben von Gervaise und ihren Männern. Eine hohe Welle aus Holzbohlen, ein Seil, eine Truhe (Bühne: Annette Kurz) - ansonsten benötigt Perceval nur noch ein Dutzend exzellenter Schauspieler, um in einer ehemaligen Gießhalle in Duisburg mit ihren toten Maschinen Zolas Welt zum Leben zu erwecken. Der Beginn des industriellen Zeitalters stellt die eine Seite dar, der Mensch mit seinen Defekten die andere. Dieser Kontrast kommt in der Halle großartig zum Vorschein.

Zwei Stunden hohe Schauspielkunst, ohne überflüssiges Beiwerk, zur Untermalung lediglich etwas Gitarrenmusik, Zola unplugged. Und wie geht es weiter mit den Rougon-Macquart? Fortsetzung folgt, nächstes Jahr in diesem Theater.