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The Weeknd beim Super Bowl:Kleine Gesten fürs Millionenpublikum

Am Freitag bei der Pressekonferenz vor dem Super-Bowl-Auftritt: The Weeknd, 30 in Tampa.

(Foto: Perry Knotts/AP)

Hat der Super-Bowl-Auftritt von The Weeknd Kontroversen-Potenzial? Auf den ersten Blick nein. Andererseits: Im Pop ist ja fast alles politisch.

Von Joachim Hentschel

Erste Frage, wie so oft: Muss man den kennen? Nein, nicht unbedingt - und trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass selbst die Menschen mit der Musik von The Weeknd vertraut sind, die fest glauben, sie hätten nie von ihm gehört. Denn Abel Makkonen Tesfaye, wie der Sänger eigentlich heißt, ist derzeit einer der größten Popstars der Welt. In den Listen der erfolgreichsten Songs des Jahres 2020 steht sein Discoknaller "Blinding Lights" unter anderem in den USA, Russland und Australien auf Platz eins - und in Deutschland, vor allen Gangster-Rappern und Helene Fischers. Wer Teenagerkinder hat, ab und zu fernsieht oder im vergangenen Sommer eine Grünanlage betreten hat, war dem Song wohl auf jeden Fall ausgesetzt.

So erscheint es fast zwingend logisch, dass The Weeknd am Sonntag im Raymond James Stadium in Tampa, Florida, auftreten wird - in der Halbzeitpause des Endspiels der US-Football-Profiliga zwischen den Kansas City Chiefs und den Tampa Bay Buccaneers. Die knapp 13 Minuten lange Super-Bowl-Pausenmusik hat sich im Lauf der vergangenen 30 Jahre zur festen Größe der Popkultur entwickelt. Spielten hier noch in den 1960ern lustige Blasmusikgruppen zum Würstchenholen auf, begann die Ligaführung in den 90ern, die Pausenshow als Plattform für Pop- und Rockstars zu gestalten - ein Schachzug, mit dem das Spiel für neue Publikums- und Sponsorenschichten interessant wurde.

Seine Eltern kamen in den 80ern aus Äthiopien

Michael Jackson, Madonna, Beyoncé Knowles oder die Rolling Stones traten auf, und neben der ästhetischen Komponente bildete das Format sogar eine andeutungsweise politische heraus. So löste die nackte Brust, die Janet Jackson 2004 zeigte, eine Debatte über Zensur und moralische Scheinheiligkeit aus. 2012 hielt die Sängerin M.I.A. den Stinkefinger in die Kamera, deutete ihn später als Zeichen feministischer, antirassistischer Ermächtigung. Wenn weltweit um die 150 Millionen Menschen zuschauen, steckt nun mal in jeder Geste, die vom Protokoll abweicht, eine Menge Zunder.

Hat der Auftritt von The Weeknd das Potenzial dazu? Auf den ersten Blick nein. Tesfaye, 30, aus Toronto, ist mit eher klassischer, wenig kontroverser Unterhaltungsmusik bekannt geworden. Seine Eltern kamen in den 80ern aus Äthiopien nach Kanada, Tesfaye wurde 2011 mit zeitgemäß elektronischen, butterweich gesungenen Soulsongs bekannt, die er zunächst gratis ins Netz stellte. 2015 rückte er dann mit dem 1,5 Millionen Mal verkauften Album "Beauty Behind the Madness" an die Spitze des von Teenagern geliebten, aber wegen seiner Melodien und nostalgischen Referenzen auch von Älteren goutierten Pop.

Beim Grammy ist er übrigens nicht nominiert

Dass die Pausenshow 2021 trotzdem ein brisantes Statement werden könnte, hat mit einer anderen US-Großveranstaltung zu tun: der jährlichen Verleihung des Musikpreises Grammy, die im März stattfinden wird. Obwohl The Weeknd eines seiner erfolgreichsten Jahre hinter sich hat, ist er dort für keinen einzigen Award nominiert - was angesichts der Abstimmungsmodalitäten zwar möglich ist, aber in der Tat seltsam anmutet. "Die Grammys sind und bleiben korrupt", klagte Tesfaye (der in der Vergangenheit schon drei der Preise gewann) auf Twitter, unterstellte den Ausrichtern latenten Rassismus. 2021 ist das der Paradigmenwechsel, der auf dem Rasen in Tampa stattfinden wird: Der weltweit erfolgreichste Popstar bekommt sein großes Showforum bei einer Sportveranstaltung - während der Musikpreis ohne ihn stattfindet. Wenn man so will, ist das ein weiteres Zeichen dafür, in welchem Sinkflug sich die Bedeutung traditioneller Kulturformate befindet.

Das fehlende "e" in The Weeknd opferte Tesfaye übrigens dem Umstand, dass es in Kanada bereits eine Band namens The Weekend gab. Die Frage, wie man ihn im Zweifel ansprechen würde, löst das natürlich nicht. Mister Weeknd? Man winke ihm lieber wortlos zu, wenn er am Sonntag die bislang größte Bühne seines Lebens betritt.

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