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The Rolling Stones in Berlin:Gespenstisch jugendlich

Die Rolling Stones in Berlin

Die Rolling Stones mit Sänger Mick Jagger auf der Berliner Waldbühne: spitzbübisch dämonisch.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Die Rolling Stones sind über 70, aber so ist das mit dem Rock 'n' Roll: Zu alt ist man dafür erst, wenn man sich nicht mehr jung fühlen will. Am Ende des Konzerts auf der Berliner Waldbühne haut Mick Jagger das Publikum einfach aus den Schuhen.

Jung ist er gewesen und töricht, singt er mit weit geöffneten Armen seinem Publikum in den heißen, dunstigen Abend entgegen. Jung und wütend, eitel und anmutig. Und mit jedem Wort verändert Mick Jagger seine Mimik: terribel theatralisch, fabelhaft überdeutlich wechselt er die Rollen - vom ewigen Teenie zum Sex-Maniac zum arroganten Showmaster - bis er bei der Zeile ankommt: "I was out there" - er, der krokodilhäutige Chronist der wilden Zeit, war dabei, damals, da draußen. Immer noch ist Jagger ein Bühnenmoster von beachtlicher Jaggerizität - "a nice bunch of guys", eine hübsche Ansammlung mehrerer Typen, wie sein Schlagzeuger Charlie Watts ihn mal beschrieb - Hochwürden Honky Tonk, His Mickness.

Mick Jagger und die Rolling Stones

"Ein Bürgerschreck"

Als "Out Of Control" 1998 erschien, gab es die Stones schon mehr als 35 Jahre. An diesem Dienstagabend in der ausverkauften Berliner Waldbühne, wo die Band das erste von zwei Deutschlandkonzerten ihrer aktuellen Welttournee spielte, verstand die Zeilen selbstverständlich trotzdem jeder als gloriose Ode an die Sechziger. Das Jahrzehnt, in dem die Rolling Stones die STONES wurden: die prototypischste, sagenumwobeneste, die le-gen-där-ste Rockband, die die Popkultur am jüngsten Tag hervorgebracht haben wird.

Erlebt haben diese Zeit natürlich längst nicht mehr alle der 22.000 Zuschauer. Die geifernde Stones-Zunge auf den T-Shirts ist nicht mal mehr Ersatzrebellion. Sie ist eines der Popzitate, das 50 Jahre überlebt hat und sie ist das Symbol des wunderbaren Schwindels, der diese Band umgibt. Denn bei aller beachtlichen, fast gespenstischen Jugendlichkeit von Jagger, der schlangentanzend und nervös zuckend unermüdlich über die Bühne hetzt, aber auch der Frische von Keith Richards und Ron Wood: den Rock 'n' Roll, den sie meinen, gibt es schon eine gute Weile nicht mehr. Und das letzte wirklich große Album der Band war womöglich, ganz ehrlich, "Some Girls" 1978.

Chaos und ein bisschen Rebellentum

Aber ihre großen Songs - "Midnight Rambler", "Gimme Shelter", "Brown Sugar" und "Honky Tonk Women" - klangen auch an diesem Abend immer noch so, wie sie zu klingen haben, genauso dringlich, beschwörend, laut. Sagen die Ohren, sagt die Magengrube, das Gehirn aber, die verdammte Vernunft unter der Schädeldecke, das weiß schon: In Wahrheit ist das hier ein Feierabend-Ritual für spektakelgeile Kirmes-Trottel wie uns alle, die alt genug sind, um sich wieder jung fühlen zu wollen: "It's Only Rock 'n' Rock (But I Like It)". Niemand patscht so schön auf der Tastatur der ewigen Sechziger herum, Sex, pling, Zynismus, pling-pling, Chaos, wumm, und ein bisschen Rebellentum, bumm.

Am Ende steht man als Schlaumeier aber natürlich doch ganz blöd da. Wenn Jagger für "Sympathy For The Devil" im schwarz-roten Federumhang auf einer in rotem Licht glühenden Bühne als Miss Mick zur ersten Strophe ansetzt - "Let me please introduce myself" - dann ist das doch so nah an einer Teufelsbeschwörung, wie man der eben kommen kann, wenn man drei Stunden vorher vor seiner Mietwohnung brav in die U-Bahn eingestiegen ist. Wirklich geheimnisvoll ist er da und grazil, und so spitzbübisch dämonisch, dass es einen aus den Schuhen haut.

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