Ibsen-Doppel in Hamburg:Wahrheitsterror unter Palmen

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Die Wildente oder Der Kampf um die Wahrheit / frei nach Henrik Ibsen

Selbstgerechtigkeit hat in diesem Theaterstück ein Gesicht: das von Jens Harzer als Gregers Werle.

(Foto: Armin Smailovic)

Das Hamburger Thalia Theater führt Ibsens Stücke "Die Wildente" und "Ein Volksfeind" zusammen - zum Beweis dafür, wie zerstörerisch die Wahrheit sein kann.

Von Till Briegleb

Das große Problem mit der sauberen moralischen Scheidung von Wahrheit und Lüge ist, dass Wahrheit so oft fürchterliche Konsequenzen hat, Lüge aber manchmal die Kraft zur Heilung. In der Politik, im Journalismus wie im Privatleben, wo Wahrheit als hohe Norm für die vertrauensvolle Basis einer aufrichtigen Beziehung steht, gilt es deshalb ständig abzuwägen, was dem guten Gewissen förderlicher ist: das schonungslose Aufdecken von Umständen, die erklärten moralischen Vorgaben nicht genügen, oder die bewusste Notlüge, die verhindert, dass aus einer chronischen Unwahrheit eine akute Krise wird.

Henrik Ibsen hat den Typus des empörten Moralisten, der Wahrheit ohne Weitsicht ausspricht, zum Handlungstreiber zahlreicher Stücke gemacht. Meist im privaten Bereich belasteter und ausgelaugter Familienbeziehungen, aber manchmal auch mit bewusster Verlängerung in gesellschaftliche Felder, wo seine Protagonisten nichts mehr fürchten als die Offenlegung ihrer Schuld und Scham. Doch immer kommt bei Ibsen jemand, der gute Gründe hat, die öffentliche Bloßstellung, das explosive Bekenntnis einzufordern. Und diese Gründe sind selten frei von beinhartem Egoismus.

Zwei dieser Stücke, "Die Wildente" und "Ein Volksfeind", in denen das Zerstörungswerk des moralischen Hochmuts von Ibsen besonders schmerzvoll nachgezeichnet wird, hat der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson am Hamburger Thalia Theater nun zusammengeführt. In "Die Wildente oder der Kampf um die Wahrheit" ist Gregers Werle, der in einem Gemisch aus idealistischen und rächerischen Motiven die Fehltritte im Umfeld seiner Familie "aufklären" will, gleichzeitig der Badearzt Thomas Stockmann aus dem "Volksfeind", ein Mann, der sich mit der Aufdeckung einer ökologischen Katastrophe zum Feind lokaler ökonomischer Interessen macht. Und beides zusammen hat in dieser Inszenierung vermutlich etwas mit der Gegenwart zu tun, wenn man den vielen bildlichen Andeutungen folgt.

Jens Harzer stolziert herum wie ein Julian Assange für Paartherapien

Schauplatz von Arnarssons Ibsen-Collage ist ein ölschwarzes Idyll aus Ferienattrappen. Planschbecken, Drei-Meter-Brett, Palmen, Tiere - alles hat die schimmernde Schwärze einer Ölpest, die in der Mode und der Fetischkultur aber verführerische Reize aussendet. Diese Bühne von Wolfgang Menardi spielt in düsteren Metaphern mit der Nähe von Konsumglanz und seinen Konsequenzen, also dem heute vielleicht wichtigsten Wahrheitskonflikt des Homo oeconomicus: warum Menschen sich so konsequent selbst belügen, wenn es um die Folgen ihrer verschwenderischen Gewohnheiten für die Grundfesten des Lebens auf der Erde geht?

In diesem Todesparadies der lauernden Luxus-Apokalypse stolziert der Schauspieler Jens Harzer nun herum wie ein Julian Assange für Paartherapien, der mit unerbittlichen Posaunen das kleine skurrile Familienglück der Ekdals einreißt. Lange zurückliegende Ereignisse zwischen den beiden Familien, von denen die eine reich und die andere durch die Schuld der Wohlstandssieger verarmt ist, werden von diesem Faktenfanatiker konsequent geleakt - ohne jedes Gespür für die Folgen. Hatte die Vertuschung bisher stabile Verhältnisse ohne böse Konsequenzen ermöglicht, lässt dieser Daten-Pilot nun Wahrheitsbomben explodieren, bis alle Liebe in größter Ehrlichkeit zerstört ist.

Die Wildente oder Der Kampf um die Wahrheit / frei nach Henrik Ibsen

Nein, das ist keine Szene aus der TV-Show "Promis unter Palmen", sondern aus der Ibsen-Collage "Die Wildente oder Der Kampf um die Wahrheit" am Thalia Theater.

(Foto: Armin Smailovic)

In sehr ungewohnter Eindimensionalität spielt Jens Harzer diesen Gregers Werle als maximal unsympathischen Zyniker, dem jedes Mitgefühl abgeht. Und das steht in deutlichem Kontrast zu den Figurenkompositionen der Vorlagen. Sowohl bei Werle wie bei Stockmann verband Ibsen persönliche Motive, ehrliche Absichten und idealistische Scheuklappen zur gefährlichen Zeloten-Mischung, die zunächst positiv kämpferisch wirkt, sich erst im Verlauf des Dramas in ihrer egozentrischen Verdorbenheit offenbart. Aber im Konzept dieser Adaption geht es auch weniger um psychologisches Theater als um die Illustration einer These: dass die Arroganz des westlichen Statusdenkens die Lebenswelt der armen Welthälfte vernichtet, seine Nutznießer aber im Brustton der Aufklärung als Weltretter auftreten. Diese Bigotterie erzählt Arnarsson hier als Parabel.

Allerdings gerät bei dieser Darstellung des globalen Konfliktes als falscher Freundschaftsdienst nur die Verursacherseite so schematisch. Die Familie Ekdal, die Opfer der asymmetrischen Machtkonstellation im Privaten wird, ist ein rührendes Quartett liebenswerter Unvollkommenheit. Cathérine Seifert und Merlin Sandmeyer präsentieren die eingespielte Harmonie der Lebenslügen, wie sie sich in langjährigen Ehen zu skurrilen Ritualen steigert, mit einer Unmittelbarkeit, dass ihnen alle Sympathien zufliegen. Der kauzige Großvater Ekdal, der sein Wissen um die Wahrheit in weisem Verzicht auf die Verletzungen, die sie auslösen wird, in Fantastereien verbirgt, erscheint bei Tilo Werner als Philosoph im Gewand des Narrens. Und Rosa Thormeyer als blind liebendes Kind Hedwig findet für ihre tragische Figur eine schöne Balance aus moderner Mädchenrotzigkeit und christlicher Opferbereitschaft.

Über manche Strecken ist diese Inszenierung ein bisschen zu deutlich ein Erziehungsstück über bigotte Moralisten und rücksichtsloses Statusdenken. Aber sie findet immer wieder Szenen, um den Appell der These hinab auf die verzweifelte menschliche Dimension zu brechen, wo Theater mehr kann als kluge Bücher.

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