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T. C. Boyles Roman "Sprich mit mir":Schimpanse, geliebter Bruder

Können Schimpansen die Menschensprache lernen? Von Linguisten wurde das entschieden bestritten.

(Foto: Shaun Johnson/mauritius images)

T. C. Boyle erzählt in "Sprich mit mir" von dem Versuch der Menschen, den Affen ihre Sprache beizubringen. Davon hängt für sie einiges ab. Und auch der Roman geht Risiken ein.

Von Burkhard Müller

Für jeden seiner Romane arbeitet sich T. C. Boyle völlig neu in ein Thema ein. Das kann der amerikanische Waffenwahn und Anarchismus sein, wie in "Hart auf Hart" (2015), die Entstehung des Kinsey-Reports in "Dr. Sex" (2005) oder die illegale mexikanische Immigration in "América" (1995). Aber nie handelt es sich bei den Büchern, die daraus entstehen, um eine von diesen historischen Schwarten, die den Lesern Geschichte behaglich in mundgerechten Stücken servieren. Stattdessen bekommt man es mit einer Vergangenheit zu tun, die irgendwie unerledigt in die Gegenwart hereinragt.

Nun also geht es um die Experimente mit dem Spracherwerb der Menschenaffen, the Great Apes, wie sie etwas weniger menschennah auf Englisch heißen. In den Sechziger- und Siebzigerjahren war es die Schimpansin Washoe, die erstaunliche Leistungen beim Lernen der Gebärdensprache vollbrachte oder doch zu vollbringen schien. Die Ergebnisse wurden von Noam Chomsky und seiner Schule entschieden in Abrede gestellt. Die Diskussion verlief mit großer Heftigkeit, denn hinter der Frage, ob man Affen zum Sprechen bringen kann, verbirgt sich die sehr viel gewichtigere, was eigentlich den Menschen ausmacht.

Außer Chomsky, dessen Name gelegentlich fällt, dürften alle weiteren Figuren fiktiv sein, denn das ist Boyles Art, mit seinen Stoffen umzugehen: Die Story, die er sich ausdenkt, verfährt frei mit dem Material, aber präzise in der Dringlichkeit des Themas. Anstelle von Washoe tritt der Schimpanse Sam. Zu Beginn des Romans ist er zweieinhalb Jahre alt, aufgeweckter und weit beweglicher als ein Menschenkind gleichen Alters, und sorgt im Haus des Forschers Guy Schermerhorn, wo er ganz wie ein solches aufgezogen wird, für unkontrollierbaren Trubel.

Der Antagonist trägt Augenklappe wie ein Bösewicht bei Dickens

Als die bis dahin antriebs- und orientierungslos durch ihr Studium driftende Aimee, die eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft antritt, das erste Mal in Guys Haus kommt, hat Sam gerade einer seiner Pflegerinnen einen gefährlichen Biss im Gesicht beigebracht, es herrscht Streit und Chaos. Da läuft Sam auf die ihm ganz unbekannte Aimee zu, springt an ihr hoch und umarmt sie.

Aimee hat von einer Sekunde auf die andere, als wäre ein Stecker eingestöpselt worden, Zweck und Ziel ihres Lebens gefunden. Dass sie sich daneben auf eine Affäre mit ihrem Mentor Guy einlässt, spielt eine weit geringere Rolle. Erzählt wird von nun an die Liebesgeschichte von Sam und Aimee.

Zu einer Geschichte wird die Liebe erst durch ihre Hindernisse. Auf den Plan tritt Moncrief, Guys Chef, der Sam an Guy nur ausgeliehen hatte und das teure Tier jetzt, wo das Sprachprojekt auf Widerstände stößt, zurückfordert. Moncrief ist entworfen wie ein Schurke bei Charles Dickens, ein großer, einschüchternder Mann mit Augenklappe wie ein Pirat; das fehlende Auge hat ihm einer seiner Affen ausgestoßen, aber den Finger, der das getan hat, bewahrt Moncrief zu seiner Genugtuung auf seinem Schreibtisch in Spiritus.

Rechtlich gesehen ist der geliebte Schimpanse eine Sache

Moncrief, der zynische Opportunist, ist die bei Weitem markanteste Figur des Buchs. Er sorgt dafür, dass Sam, der vorher nach Strich und Faden verhätschelt worden war, nunmehr in einen ganz gewöhnlichen Affenkäfig kommt, direkt neben einer Horde anderer Schimpansen, die er unmöglich als seine Artgenossen erkennen kann; "schwarze Käfer" sind sie für ihn, der sich selbst für einen Menschen hält.

Dass ihr geliebter Sam sein Dasein traumatisiert und verzweifelt hinter Gittern verbringen, dass er vielleicht sogar in die Aids-Forschung verkauft werden soll - diesen Gedanken erträgt Aimee nicht. Sie befreit ihn in einer kühnen Nacht-und Nebel-Aktion. Damit fangen die Probleme natürlich erst an.

Es ist ein Buch, das den Nerven des Lesers einiges zumutet. Man wünscht dem ungewöhnlichen Paar so sehr Glück und ahnt doch, wenn Sam mal wieder eine Inneneinrichtung zerlegt hat, dass es unmöglich auf die Dauer gutgehen kann. Moncrief, der das Recht auf seiner Seite hat (denn Sam ist nun einmal im juristischen Sinn eine Sache), setzt sich auf die Spur der beiden, getrieben von Geldgier und Rachsucht. Noch interessanter als der Plot ist aber die Erzählform des Romans.

Der Abschied benötigt mehr Intelligenz als die Begrüßung

Boyle erzählt im Großen und Ganzen auktorial, privilegiert aber die Perspektive seiner beiden Helden, wie man sie ohne Übertreibung nennen darf. Bei Aimee führt das zu keinen größeren Überraschungen. Aber der Erzähler versetzt sich auch in die Innensicht des Affen, was zweifellos ein Wagnis bedeutet.

In Iowa, wo sich Moncriefs Primatenzoo befindet, kommt Sam, der sonst nur Kalifornien und Eiswürfel aus dem Kühlschrank kannte, das erste Mal in Berührung mit echtem Eis. "Er wollte wissen, wie und warum und was es zu bedeuten hatte. Er versuchte es noch einmal, mit Fingern, die vor Kälte bereits steif wurden. WAS EIS?, wiederholte er. Aber das war nicht das, was er meinte, und so versuchte er es mit WARUM EIS? Und dann, weil auch diese Worte es nicht ganz trafen, fragte er: WIE EIS?"

T.C. Boyle: Sprich mit mir. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Carl-Hanser-Verlag, München 2021. 349 Seiten, 25 Euro.

Die Wörter in Großbuchstaben sind die Gebärden, die Sam beherrscht. Dass ein Schimpanse überhaupt Fragen stellen kann, geht sicherlich über das reine Sprechvermögen noch ein Stück hinaus (und ist entsprechend angezweifelt worden). Aber diese Fragen haben dazu noch sehr unterschiedlichen Charakter. Eine Frage nach dem Was erfordert längst nicht ein solches Reflexionsvermögen wie die nach dem Warum, die hinter dem sichtbar Gegenständlichen eine ganz andere Ebene des Abstrakten aufsucht.

Ist es denkbar, dass Sam diese Frage stellt, ja dass er überhaupt ein Zeichen für Warum besitzt, und mehr noch: dass er mit dessen Leistungsfähigkeit unzufrieden wäre? Der Verhaltensforscher Frans de Waal, der sein Leben ebenfalls mit Schimpansen verbrachte (allerdings ohne sie sprechen lehren zu wollen), hat darauf hingewiesen, dass seine Schützlinge nicht nur zur Begrüßung fähig seien - das können Hunde auch -, sondern auch zur Verabschiedung, was ein völlig neues intellektuelles Niveau bedeute.

Diesen Sprung jedenfalls traut auch Boyle seinem Schimpansen zu und trägt ihn damit an der gleitenden Mensch-Tier-Skala zu mindestens drei Vierteln in Richtung des Menschlichen. Allerdings nicht ganz; und dieses verbleibende letzte Viertel hat etwas ethisch sehr Beunruhigendes, nicht nur hinsichtlich der Ansprüche Moncriefs. Wenn es auf ein Entweder-oder hinausläuft, kommt der Affe, wenn auch knapp, auf die Seite der Person zu stehen.

Die stärkste Szene des Buchs ereignet sich, als Sam getauft wird, von einem mit Aimee befreundeten katholischen Priester, der die Überzeugung gewonnen hat, Sam besitze eine heilsfähige Seele. Ist das Blasphemie? Ist es der Geist des heiligen Franziskus? Dass Boyle solche Probleme prägnant zu gestalten vermag, ohne der gewiss mächtigen Versuchung nachzugeben, sich für eine bestimmte Antwort zu entscheiden: Darin bewährt sich seine Kunst.

© SZ/fxs/masc
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