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"Stella" auf Lesereise:Literarisch eher flach

Am nächsten Abend im Frankfurter Literaturhaus wird Takis Würger von einem Personenschützer begleitet. Die Moderatorin Carolin Callies fragt als Erstes nach der E-Mail-Adresse, die hinten in seinem Roman angegeben ist. "Was denken Sie über dieses Buch? Ich beantworte jede Nachricht. takis.wuerger@gmail.com" steht da. Callies möchte wissen, ob Würger das starke Echo auf seinen Roman überrascht habe und welche Nachrichten er im Moment bekomme.

Es ist nicht die drängendste Frage in der Debatte um das Buch. Würger lässt sie erst einmal so stehen, wie er es gerne macht, und bedankt sich beim Publikum, dass er im Frankfurter Literaturhaus sein darf. Es wirkt wie eine Machtdemonstration. Mit einer Debatte habe er gerechnet, und als die ersten Verrisse zu "Stella" erschienen, dachte er sich: "Das wird jetzt hart mit den E-Mails."

Er habe sich auf das Erscheinen seines Romans mit Interviews von Bernhard Schlink vorbereitet, dem, unter anderen von dem Germanistikprofessor Jeremy Adler in dieser Zeitung, ähnliche Vorwürfe für seinen Roman "Der Vorleser" gemacht wurden. "Ich glaube, niemand, der ein Buch schreibt, kann diesen Vorwurf entkräften", sagt Würger dazu. Das E-Mail-Postfach, das er als Kontakt im Roman angegeben hat, sei vor allem eine "große Kraftquelle": "Jetzt melden sich die ersten Leserinnen und Leser, die fast ausschließlich ganz anrührende und liebevolle Nachrichten schreiben."

Auch im Literaturhaus hat der Autor große Teile des Publikums auf seiner Seite. Der Lehrer Martin Grün hat schon Würgers ersten Roman "Der Club" gelesen und findet "Stella" gut, weil es einen Menschen zeigt, der Täter und Opfer zugleich ist, und die Frage gestellt wird, wie Gedenken aussehen kann. Relotius-Vergleiche findet er völlig unpassend. Ulrich Marczinski ist Pensionär und hat die Debatte über den Roman verfolgt. Ihn interessiert die "außergewöhnliche Problematik" des Falls und er möchte sich nun selbst ein Urteil bilden. Grundsätzlich findet er, dass vor dem Hintergrund des Holocaust "rührselige Geschichten nicht angebracht sind". Er entschließt sich nach der Veranstaltung, das Buch nicht zu lesen.

Martina Wagner ist Bloggerin, sie unterhält eine Literaturwebsite und findet die Kritik nicht gerechtfertigt. Teilweise sei der Roman "schon kitschig", er verharmlose aber nicht den Holocaust und auch mit den realen Prozessakten "ist ihm ein Spagat gelungen". Das sieht die Apothekerin Maria Petuelli ähnlich. Die Namen realer Opfer stören sie nicht, auf den Stolpersteinen stünden ja auch die echten Namen der deportierten Juden. Sie findet es gut, dass das Buch zur Auseinandersetzung mit dem Thema aufruft und die Liebesgeschichte ist für sie kein Problem. Sie sorge dafür, dass der Roman auch gelesen werde.

Den meisten Besuchern der Lesung scheint die Geschichte zwischen Stella und dem Erzähler gar nicht so wichtig zu sein. Viele, wie die Buchhändlerin Daniela Helmdach, finden das Buch literarisch eher flach. Sie interessieren sich für die Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust und für den Umgang mit der Kritik an dem Roman. Die Diskussion darüber wird leider nicht so geführt, wie es nötig wäre.

Würger liest im Literaturhaus drei kurze Passagen vor, dazwischen fragt ihn Carolin Callies unter anderem nach Tristan, dem schneidigen SS-Offizier und Freund des Erzählers. "Auch die coolen Typen wie Tristan, der jede Barkeeperin kennt, den alle Frauen mögen, der ein tolles Auto fährt, der ein lieber Kerl ist und gut zu Kindern, auch solche Menschen waren antisemitisch und Verbrecher. Das wollte ich mit dieser Figur klarmachen", antwortet Würger. Eine Frau steht auf und geht. Würger schaut irritiert. Gekicher im Publikum.

Als hätte jemand bezweifelt, dass Mörder normale Menschen sein können

"Auch Mörder essen Pizza", sagt Würger später zum Thema der faszinierenden Verbrecher, das auch in seinen journalistischen Arbeiten immer wieder auftaucht. Als hätte jemand bezweifelt, dass Mörder normale Menschen sein können. Es wäre ihm vor allem wichtig, gute Fragen zu stellen, erwidert Würger auf die Frage nach seinem Interesse an der Schuld, auch wenn er auf diese dann keine Antwort wüsste.

Callies versucht, das Gespräch auf das Thema des Schreibens nach Auschwitz zu lenken. Ob dieser Diskurs bei ihm mitschwang und ob Würger Respekt vor dieser Zeit gehabt habe, möchte sie wissen. "Ich wusste, wenn ich ein Buch über die Schoah schreibe, muss ich besonders sensibel sein und mir besonders gute Mühe geben. Ich glaube, das tut jeder Schriftsteller grundsätzlich. Aber besonders, wenn man über die Schoah schreibt, dann sollte man sensibel darüber schreiben. Ich habe vor allem versucht, mich gründlich darauf vorzubereiten", antwortet Würger. Er habe viele Bücher gelesen, sich von Historikern beraten lassen, habe zweimal Auschwitz besucht und zweieinhalb Monate in Tel Aviv verbracht, um mit Noah Klieger zu arbeiten. Das ist die Recherche.

Auf die Frage, wie er sich mit dem moralischen Diskurs einer Kultur auseinandergesetzt hat, in der Auschwitz geschehen ist, antwortet er damit nicht. Man hätte hier einhaken müssen, um nach Adornos "Erziehung nach Auschwitz" zu fragen und nach dem "Unerzählbaren", das auf dem Klappentext des Buches angeführt wird. Wie ist er damit umgegangen? Auf beiden Veranstaltungen stand die Frage nach dem unbedarften und unbeteiligten Erzähler im Raum. Oder in der Formulierung Theodor W. Adornos: Wie kann es sein, dass scheinbar "das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist"? Diese Frage muss Takis Würger und seinem Roman gestellt werden.

© SZ vom 02.02.2019/heka
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