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SZ-Serie: Was ist Deutsch?:"Wir können die Grenzen nicht dichtmachen"

Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze

Polizisten sind oft die ersten Deutschen, die Flüchtlinge zu Gesicht bekommen: Der Weg in ein Lager nahe Wegscheid in Bayern im Oktober 2015.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

In der Flüchtlingskrise spüren Polizisten soziale Spannungen so schnell wie kaum jemand sonst. Zwei Ordnungshüter über Macht und Ohnmacht.

Interview von Sonja Zekri

SZ: Wann haben Sie gemerkt, was auf uns zukommt?

Florian Wackerbauer: Das war der Einsatz in Rosenheim Anfang Juli. Das war eigentlich nichts Dramatisches. Wir sind nach Kufstein gefahren und sollten in Rosenheim alle Leute ohne Pass aus dem Zug holen. Pro Zug waren das ungefähr 80 Personen, von insgesamt 200 bis 300 Leuten. Danach bin ich heimgekommen und habe einem Nachbarn gesagt: Weißt du eigentlich, was gerade los ist? Wahnsinn. Dann sind es immer mehr geworden. Und wir haben uns dran gewöhnt. Irgendwann bin ich an die Grenze gefahren, da standen 1500 Leute und ich dachte nur noch: okay, wieder 1500.

Daheim erzählen Sie nicht viel davon?

Wackerbauer: Ich will das eigentlich raushalten. Ich sehe die Familien an der Grenze vorbeigehen, hebe die Kinder hinter den Sperrgittern raus, damit sie nicht zerquetscht werden. Aber man darf das nicht in sein Innerstes lassen. Wir scherzen mit den Kindern vor Ort oder auch mit den Eltern, dass sie sehen: Sie haben von den Uniformierten wenig zu befürchten. Nicht wie in ihrem Land oder wie auf dem Weg hierher.

Die Gesprächspartner

Florian Wackerbauer, 37, ist Zugführer und Oberkommissar der bayerischen Bereitschaftspolizei. Seine Dienststelle ist die Abteilung in Dachau.

Elisa Weise, 25, ist Obermeisterin der bayerischen Bereitschaftspolizei. Sie arbeitet für eine Abteilung in München.

Die deutsche Polizei foltert nicht, erpresst kein Schutzgeld, ihr Berufsverständnis unterscheidet sich beispielsweise auch von dem der Kollegen in Amerika.

Wackerbauer: Ja, sonst wäre ich auch nicht Polizist geworden.

Elisa Weise: Ich bin zur Polizei gegangen, weil ich etwas Sinnvolles tun wollte. Aber wenn die Flüchtlinge Stunden in der Kälte ausharren, wenn sie fragen: Wann geht's weiter? Wann kommt der Bus? Wo kommen wir hin?, dann fühlt man sich schon ein bisschen machtlos. Manchmal kann man die Fragen einfach nicht beantworten. Einmal hat uns ein Flüchtling sein Kind ins Auto gegeben und gesagt: Ihm ist kalt. Wir haben es dann aufgewärmt. Am Anfang hat sich das Baby überhaupt nicht gerührt. Einmal hat eine syrische Familie angefangen, von Kriegserlebnissen zu erzählen. Mit einem Kind, das scheinbar ums Leben gekommen ist. Ich habe wirklich nicht alles verstanden, sondern nur genickt, aber das hat denen schon gereicht. Die haben mich angestrahlt, als wäre es das Tollste. Obwohl ich überhaupt nichts gemacht habe. Sie haben sich einfach gefreut, dass ihnen mal jemand zuhört.

Elisa Weise, 25, ist Obermeisterin der bayerischen Bereitschaftspolizei. Sie ist seit viereinhalb Jahren bei der Polizei, seit zwei Jahren arbeitet sie für eine Abteilung in München.

(Foto: OH)

Und was ist mit den jungen Männern aus Syrien oder Afghanistan, wenn die auf eine blonde Polizistin treffen?

Weise: Ich gehe mit denen ganz normal um, wie mit den anderen Flüchtlingen auch. Ich merke aber allein an der Art, wie manche mich anschauen, dass der Respekt fehlt, dass sie sich lieber was von einem Mann sagen lassen wollen.

Sie erleben also nicht nur Dankbarkeit?

Weise: In Einzelfällen gibt es auch unverschämte Flüchtlinge. Manche beschweren sich, dass es in den Hallen oder Zelten kein Wlan gibt. Einer hat mal gesagt: I want my hotel key and my iPhone. Und wir: Du kriegst keinen Hotelschlüssel und auch kein iPhone. Die kommen mit komplett falschen Vorstellungen nach Deutschland.

Zum Beispiel mit der Erwartung, dass in Deutschland Hubschrauber Parfum versprühen, die Straßen gekachelt sind und jeder Flüchtling Willkommensgeld kriegt. Solche Gerüchte hat einer Ihrer Kollegen gehört.

Weise: Als wir die Flüchtlinge in Zügen weitergeschickt haben an andere Standorte in Deutschland, waren manche ganz perplex, dass sie für ihre Fahrkarten zahlen müssen. Sie haben gesagt: Wir sind jetzt in Deutschland, wir müssen hier für gar nichts bezahlen!

Insgesamt ist die Situation ein Albtraum für Polizisten. Menschen kommen und gehen, unmöglich, alle zu erfassen.

Weise: Ja, wenn 200 Flüchtlinge vor dir stehen und du zu fünft bist, wie willst du die alle erfassen? Das funktioniert nicht. Oft haben sie auch keine Pässe, und wenn, wissen wir ja nicht mal, ob die echt sind.

In manchen Ländern kann man sich Pässe einfach kaufen. Viele Flüchtlinge kennen ihren Geburtstag nicht und geben den 1. Januar an. Hunderte, Tausende Menschen mit dem Geburtsdatum 1. Januar, wie will man da jemanden wiederfinden?

Weise: Bei meinem ersten Flüchtlingseinsatz im Juli habe ich mir gedacht: Wieso kontrollieren wir die überhaupt? Wir dokumentieren sie mit ihrem Namen, ob sie einen Pass haben oder nicht, schön und gut. Und dann werden sie wieder in den Zug gesetzt. Ob sie da ankommen, wo sie hinsollen, ob sie da anders heißen, ob sie weiterfahren - keine Ahnung. Irgendwann stellen ein paar Flüchtlinge etwas an und tauchen wieder auf. Und dann sind diese Leute nicht registriert, und die Polizei kommt an sie nicht ran, weil sie nicht erfasst sind.

Zehn bis 30 Prozent der Neuankömmlinge tauchen unterwegs irgendwann unter, haben Ihre Kollegen gesagt.

Wackerbauer: Sobald sie Geld vom Staat haben wollen, müssen sie ja doch in eine Erstaufnahmeeinrichtung und sich dort mit Fingerabdruck und Foto registrieren lassen. Aber nicht alle wollen das, sondern haben vielleicht ihre eigenen Pläne.

Ist die Registrierung bis heute so großmaschig?

Wackerbauer: Bei der Polizeiinspektion Fahndung in Traunstein gibt es seit ein paar Wochen ein neues System. Von den Flüchtlingen, die wir aufgreifen und die durch unsere Erstaufnahme müssen, machen wir ein Bild und nehmen die Fingerabdrücke. Im Idealfall hätte man es so an der Grenze von Anfang an machen sollen.

"Wir werden viel Arbeit haben"

Als Sie vom Terror im Bataclan und im Fußballstadion von Paris gehört haben, was war Ihre Reaktion?

Wackerbauer: Für mich war das schrecklich. Beim Fußballspiel standen genau solche Bereitschaftspolizisten wie ich vor dem Stadion und haben die Einlasskontrollen gemacht. Genau die Arbeit, die wir machen, in der Allianz-Arena, in Unterhaching. Beim nächsten Dienstbeginn habe ich die Anschläge in Paris vor meinen Leuten besprochen: Es kann jederzeit passieren. Wir müssen noch mehr aufpassen.

Sie werden inzwischen verstärkt auf Weihnachtsmärkten eingesetzt, Sie nehmen an der Schleierfahndung in den Grenzregionen teil. Was bringt das?

Wackerbauer: Schleierfahnder haben ein ganz anderes Auge für gewisse Dinge. Autoschieber, Drogen, Menschenhändler, Terroristen oder Schleuser. Wir kontrollieren zehn, zwanzig, dreißig Fahrzeuge, bis wir einen Treffer haben, und die Fahnder finden wahrscheinlich bei jedem zweiten, dritten kontrollierten Fahrzeug irgendetwas, was zu einer Anzeige führt.

Viele Menschen fordern mehr Rechte für die Sicherheitsbehörden, mehr Überwachung, mehr Datenspeicherung - sonst seien wir gefährlich verwundbar.

Wackerbauer: Ich persönlich will keine Zustände wie in George Orwells "1984". Da habe ich als Polizist lieber eine Befugnis weniger, bevor ich in einem Überwachungsstaat lebe. Es heißt zwar: Ich habe nichts zu befürchten, ich bin ja ein braver Mensch. Aber jeder hat seine Privatsphäre, und ich habe keine Lust, dass irgendjemand ohne Grund seine Nase in mein Privatleben steckt.

Es gehört zur Sicherheitstradition in Deutschland, dass das Militär nicht im Inneren eingesetzt werden darf, außer in Katastrophenfällen. Die Kanzlerin hat jüngst erst wieder einen Versuch abgewehrt, daran zu rütteln. Wie sehen Sie das?

Wackerbauer: Ich persönlich wünsche mir nicht, dass die Bundeswehr im Inneren eingesetzt wird oder dass sie polizeiliche Maßnahmen ergreifen kann. Ich hätte das nicht gerne, wie jetzt in Frankreich oder Belgien, dass das Militär in den Städten in Tarnfleckanzügen herumläuft - außer im Katastrophenfall. Die Polizei ist absolut in der Lage, die Sicherheit zu gewährleisten. Außerdem wird ein Soldat anders ausgebildet als ein Polizist. Da müsste man grundlegend bei der Ausbildung der Soldaten etwas ändern.

Florian Wackerbauer, 37, ist Zugführer und Oberkommissar der bayerischen Bereitschaftspolizei. Er ist seit 15 Jahren bei der Polizei. Seine Dienststelle ist die Abteilung in Dachau.

(Foto: OH)

Andere, sehr beliebte Forderung: endlich die Grenzen schließen.

Wackerbauer: Die Grenzen lückenlos dichtzumachen, das geht nicht. Das hat es auch früher nicht gegeben, als Grenzkontrollen bestanden haben. Wenn jemand über die grüne Grenze wollte, dann ist er rübergekommen. Ich glaube, die Deutschen sind sehr wohl wachsam, auch wenn sie nicht überall Verbrecher wittern. Aber das Misstrauen steigt. Wir bekommen jetzt schon mehr Anrufe von Bürgern, die sagen, dass ihnen etwas Verdächtiges aufgefallen ist.

Die sozialen Spannungen nehmen zu. Und die Polizei spürt diese Konfrontationen zuerst.

Weise: Ja, wir werden in Zukunft viel Arbeit haben.

Wackerbauer: Deutschland schafft das. Außer, es kommen weiterhin über Jahre hinweg so viele Flüchtlinge zu uns.

Was dann?

Wackerbauer: Die Deutschen sind gastfreundlich, vielleicht ist das auch der Vergangenheit geschuldet. Die meisten sind dem Islam oder Muslimen gegenüber nicht negativ eingestellt. Aber der konservative Bürger weiß nicht, wen er wählen soll, wenn ihm die aktuelle Lage nicht gefällt. Vielleicht schließen sich diejenigen, die bisher gesagt haben: Die machen das schon irgendwie!, der Pegida oder der AfD an oder anderen Strömungen, die noch rechtslastiger sind.

Was würde das für die Polizei bedeuten?

Wackerbauer: Dass wir vermehrt zu größeren Demonstrationen müssen. Dass wir Flüchtlingsheime schützen. Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Jahren noch öfter zwischen den Fronten stehen werden. Seien es die Islamisten oder irgendwelche Rechtsextremen oder sonst wer.

Deutschland wird sich verändern, wenn Hunderttausende neu hinzukommen. Aber was ist das - deutsch? Darüber debattieren Deutsche aus Ost und West, Wissenschaft und Praxis in dieser Serie. Heute: der Soziologe Stephan Lessenich.

Serie
Was ist deutsch?

Die Serie "Was ist deutsch?" behandelt Facetten und aktuelle Fragestellungen deutscher Identität. Erschienene Artikel:

Als wir uns vor einigen Monaten sprachen, sagten Sie: Im Moment können wir noch ab und zu ein Auge zudrücken, wenn etwa jemand den Führerschein nicht dabeihat oder falsch parkt. Viele Konflikte lösen wir durch Reden. Aber diese Kulanz wird vielleicht nicht mehr möglich sein.

Wackerbauer: Ja, die Einschreitschwelle könnte sinken, wie wir das nennen. Es wird mehr Druck geben, eine höhere Kontrolldichte. Wir werden hin und wieder härter durchgreifen müssen, vor allem damit gewisse Viertel nicht aus der Hand gleiten - wie französische Großstädte mit ihren parallelen Städten in den Städten. Dann müssen wir agieren, unbedingt.

Um mit Zuwanderern umzugehen, bräuchten Sie Zuwanderer in Ihren Reihen. Davon gibt es aber noch nicht so viele.

Wackerbauer: Dass ein türkischstämmiger Bayer oder jemand, der Arabisch spricht, zur Polizei geht, das ist bei uns in Bayern noch nicht so lange üblich. Dabei können wir die Sprachen gebrauchen. Die Kollegen verstehen die Mentalität besser. Einmal hatten wir einen türkischen Kollegen dabei, als uns jemand auf Türkisch beleidigte, hat er nur gesagt: Ich habe jedes Wort verstanden und jetzt machen wir eine Anzeige.

Die bayerische Polizei bekommt mehr Stellen, neue Ausrüstung, neue Schutzwesten und Helme, die allerdings etwas nach Darth Vader aus "Star Wars" aussehen.

Wackerbauer: Ich habe eine Schutzweste für Kleinkaliber oder für normale Waffen. Aber es ist gut, dass wir jetzt auch für großkalibrige Waffen ausgestattet werden. Und ich sehe gerne aus wie Darth Vader, wenn der Helm Schutz bietet. Ich habe sie noch nicht gesehen, nur das Bild - aber das ist schon ziemlich lustig.

© SZ vom 18.12.2015/doer

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