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Straßenkünstler JR:Macht der Gesichter

Der französische Straßenkünstler JR klebt den Städten weltweit ein menschliches Gesicht an. Ob in den Favelas von Rio oder den Slums von Nairobi - überall stellen die Großporträts die Frage nach der Identität der namenlosen Massen.

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Quelle: AFP

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Die Großen der Street Art haben ihn längst als einen der Ihren gekürt: Der französische Straßenkünstler JR klebt den Städten weltweit ein menschliches Gesicht an. Ob in den Favelas von Rio oder den Slums von Nairobi - überall stellen die Großporträts die Frage nach der Identität der namenlosen Massen.

Es gibt sicherlich kaum einen künstlerischen Ansatz, der so popkulturell auf der Höhe wäre, wie die Wucht eines Gebäudes für eine Fotoinstallation zu nutzen, um einen ähnlichen Effekt zu schaffen wie der Surfer, der auf der Kraft einer Sturmfront dem Strand entgegengleitet.

Street Art nutzt meist die Nischen der Städte. Die Arbeiten von JR nutzen allerdings die gesamten Fronten der Brücken, Häuser und Zweckbauten, um einen ehrgeizigen Effekt zu erzielen. Mächtig blicken da die Gesichter seiner überdimensionalen Schwarz-Weiß-Porträts über die Stadtlandschaft, die Kontraste in der Nachbearbeitung deutlich verschärft, um die plakative Wirkung noch zu verstärken.

Text: Andrian Kreye, Bildauswahl: Paul Katzenberger

Im "Frankreich-Brasilien-Haus" in Rio de Janeiro stellte JR im Jahr 2008 sein Projekt Women aus.

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Man darf Street Art nicht mit kunstgeschichtlichen Interpretationen überfrachten. Dazu steht sie zu sehr in der Tradition einer urbanen Folklore, die keine Analyse einfordert, sondern ihre Wirkung in erster Linie um ihrer selbst willen entwickelt. Und doch hat JR mit dem anachronistischen Material des Leimkübels und der Technik des Digitaldrucks einen Spagat zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert geschafft, der den Pop des 20. Jahrhunderts mit Spraydose und Filzstift außen vor lässt und Neues schafft.

Die Botschaft dieser Arbeiten ist einfach - es ist eine Art visuelle Ermächtigungsformel für den Menschen an sich, dem JR als unbesetzte Einheit in den mit Botschaften und Signalen überladenen Stadtpanoramen mittels Größe eine überzogene Bedeutung verleiht. Nicht alle seine Arbeiten sind so direkt. Im schweizerischen Vevey beklebte JR die Brandmauer eines Mietshauses mit dem lebensgroßen Abbild des Bauhauses in Dessau. 

In Valenton bei Paris hat JR ein riesiges Auge auf eine Mauer geleimt.

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Für seine Arbeit in der Favela Morro da Prodiencia in Rio beklebte er Baracken mit überdimensionalen Augenpaaren, die den Slumhügel in eine wesensähnliche Skulptur verwandelten.

Niemand kennt den bürgerlichen Namen von JR, kaum jemand weiß, wo sich sein geheimes Studio in Paris befindet. Das hat ihm schon den Ruf als ,,Banksy von Paris'' eingebracht.

Die Großen der Street Art haben ihn längst als einen der Ihren gekürt. So sagte der amerikanische Street Artist Shepard Fairey, der mit seinen ikonischen Bildern von Barack Obama berühmt wurde: "JR ist der ehrgeizigste Straßenkünstler unserer Zeit."

In Edinburgh tauchte er vor einigen Wochen auf dem Ideenfestival Ted-Konferenz auf, weil er den diesjährigen Ted Prize bekommen hatte, der seine Arbeit mit 100.000 US-Dollar unterstützt. Die Malcolm-X-Sonnenbrille, den Vollbart und den kurzkrempigen Strohhut trägt er nicht zuletzt auch deshalb, weil er damit ein austauschbares Bild des Hipsters abgibt, der ohne die Mode-Insignien nicht wiedererkennbar wäre.

Kürzel und Maske sind keineswegs Pose oder Botschaft. Anonymität ist im Genre der Street Art kein Stilmittel, sondern Notwendigkeit. 

Die Favela Morro da Providencia mit Augenpaaren aus dem JR-Projekt Women are Heroes in Rio de Janeiro. Das Elendsquartier gilt als einer der gefährlichsten Slums in der brasilianischen Metropole.

FRANCE-ENTERTAINMENT-CULTURE-PARIS

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Wer die Stadt an sich als Rahmen begreift, der mit der eigenen Arbeit ausgefüllt werden kann, der wird sich auf Dauer nicht um Gesetze und Vorschriften scheren können, egal, ob er nur ein Filzstiftkürzel auf das Fenster einer U-Bahn setzt oder ein ehrgeiziges, weltweites Kunstwerk schafft wie JR.

Sein Prinzip ist so einfach wie wirkungsvoll. Der 27-jährige JR sammelt über das Internet und auf den Straßen Porträtfotos, die er mittels Computer und Digitaldrucker in großformatige Plakate mit einer weitgehend genormten Schwarzweiß-Ästhetik verwandelt.

Einzige Vorgabe an seine Modelle - sie sollen einen starken Ausdruck im Gesicht haben, egal ob Grimasse oder Blick. Und sie müssen Unbekannte sein. Mit diesen Plakaten, Leimkübeln und Tapezierpinseln ziehen JR und seine Mitarbeiter dann los und schaffen ihre Installationen.

Angefangen hat er in den Banlieues von Paris. Der Legende nach war er als Sprayer unterwegs, als er in der Metro eine Samsung-Kamera fand und seine ersten Aufnahmen machte, die er in den Werbekästen der U-Bahn und auf Wänden in den Hochhausvierteln am Stadtrand platzierte. 

Ein JR-Foto an der Flussmauer der Seine in Paris während des Kulturfestivals Nuit Blanche (Weiße Nacht) im Jahr 2009.

FRANCE-PARIS-EXHIBITION-PALESTIN-ISRAEL

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"Portraits of a generation" nannte er 2007 das Projekt, das als illegale Aktion begann, bevor es die Stadtverwaltung von Paris als Kunst am Bau aufnahm. Für JR brachte der Erfolg erst die Erkenntnis, dass er eine neue Form gefunden hatte, die Street Art auf einen neue Ebene hebt. "Graffiti und Tags sprechen zu einer Subkultur", sagte er einmal. "Fotografie kann jeder entschlüsseln."

Es folgten Fotoinstallationen auf der Trennmauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten, in den Favelas von Rio, den Slums von Neu-Delhi, Sierra Leone und zuletzt, gleich nach der Jasminrevolution, in den Straßen von Tunis.

Überall prangten die riesigen schwarz-weißen Porträts im Stadtbild, in ihrer rohen, altmodischen Bildsprache ein Fremdkörper, egal ob zwischen Slumbauten oder den Werbetafeln der Metropolen. 

Im Jahr 2007 stellte JR sein Projekt Face to Face in Paris aus. Es stellt Palästinenser und Israelis dar, die Grimassen schneiden. JR hatte die Fotos zunächst illegal auf der Trennmauer angebracht, die die Westbank von Israel abschneidet. Danach tourte JR mit "Face to Face" durch Großstädte in der ganzen Welt.

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Die Kunstwelt entdeckte JRs Potential sofort. 2007 stellte er schon auf der Biennale in Venedig aus, 2008 folgte die Tate Modern, 2010 die Kunstbiennale in Shanghai. - Ist das Graffito, das seinen Ursprung im Stadtbild hat, im White Cube einer Galerie noch authentisch oder schon die Kopie seiner selbst? Die Frage beinhaltet das klassische Dilemma der Street Art.

Großaufnahme des JR-Projektes Face to Face, ausgestellt 2007 in Paris.

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JR entgeht ihr, indem er die Museen und Galerien nutzt, um Kontext zu schaffen, zu dokumentieren statt zu kreieren. Jedes seiner Projekte wird mit Video und Fotos aufgezeichnet. So entstand auch der Film über seine bisher komplexeste Arbeit, die tunesische Variante seines Weltprojekts Inside Out. Ursprünglich war die Idee, über eine Webseite (www.insideoutproject.net/) Porträts zu sammeln, sie aufzublasen und sie an die Einsender zurückzuschicken, damit sie diese an ihrem Heimatort selbst plakatieren.

Mehr als 9000 Bilder kamen so in Umlauf. Bis sich eine Gruppe junger Dissidenten aus Tunis meldete. Da reiste JR mit einem kleinen Team persönlich an. Es war dann auf den Straßen von Tunis, auf denen sich die komplexen Ebenen seiner vermeintlich doch einfachen Arbeit zeigten. Französische Künstler und tunesische Aktivisten streifen in der Filmdokumentation durch die Straßen und kleben ihre Plakate auf Mauern, Zäune, Gebäude und Denkmäler (www.youtube.com/theinsideoutchannel).

Hütten in Kibera, einem der größten Slums der Welt, in Nairobi, Kenia. Auf den Dächern brachte 2009 JR Fotos von weiblichen Bewohnern an.

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"Wir leben in einem Land, in dem es fünfzig Jahre lang nur ein einziges Porträt auf den Straßen gab", sagt einer der Aktivisten. Gemeint ist das Porträt des Diktators Zine el-Abidine Ben Ali.

Dessen Konterfei war nicht nur allgegenwärtig, es belegte auch die prominentesten und sichtbarsten Stellen der Stadt. Und es sind gerade die Propagandatafeln, die JR und die Aktivisten mit den schwarz-weißen Gesichtern der tunesischen Normalbürger tapezieren.

Hütten in Kibera, einem der größten Slums der Welt, in Nairobi, Kenia. Die Materialien, die JR verwandte, bestanden aus wasserabweisenden Materialien, um die Häuser während der Regenzeit zu schützen.

French Street Artist JR Installs Large Scale Portraits In The Bronx

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Es sind dann allerdings nicht die Behörden und die Staatsmacht, die dagegen einschreiten. Es ist das revolutionäre Volk selbst, das die Plakate wieder abreißt. "Wir wollen keinen Personenkult mehr", sagt eine Passantin. Und ein Anrainer schimpft, man hätte die Leute aus dem Volk doch fragen sollen, ob sie so ein Kunstwerk überhaupt wollen.

Großportraits in der Bronx, New York City, im Juni 2011. Die Bilder des JR-Projektes Through A Mother's Eyes zeigen Bewohner des Armenviertels Hunts Point. 

French Street Artist JR Installs Large Scale Portraits In The Bronx

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Ratlosigkeit auf beiden Seiten macht sich breit, es kommt fast zu Handgreiflichkeiten. Aus dieser Ratlosigkeit aber entsteht genau der Dialog, den JR mit seiner Arbeit beabsichtigt. Es ist die Frage nach der Identität der namenlosen Masse. Es ist die Suche nach dem ,,Wir'' im revolutionären ,,Wir sind das Volk''. Eine Frage, die JR nicht beantwortet, sondern in den öffentlichen Raum stellt, auf dass sich dort die wahre Kraft seines Werks entwickle.

Großportraits in der Bronx, New York City, im Juni 2011. Die Fotos des JR-Projektes Through A Mother's Eyes wurden von den Dargestellten selbst aufgenommen.

© SZ vom 08.08.2011/pak/cag

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