bedeckt München -2°

Album "J.T." von Steve Earle:So long, Cowboy

Legte man die beiden Leben nebeneinander auf einen Zeitstrahl, man sähe, wie sie sich nur um Nuancen unterschieden: Steve Earl 2011.

Der Countrysänger Steve Earle ist in den Neunzigern knapp dem Herointod entkommen. Seinem Sohn Justin Townes gelang das nicht. Jetzt nimmt Earle auf einem herzzerfetzend lakonischen Album Abschied.

Von Jakob Biazza

Man sollte dringend vom Ende her anfangen, das vermeidet Missverständnisse. Wenn man weiß, worauf die Dinge zusteuern, ergeben sie ja oft mehr Sinn, und hier steuert alles auf den allerletzten Abschied zu. Der mag zwar selten einen Sinn ergeben, er rückt auf "J.T." (New West Records/PIAS-Rough Trade), diesem im ersten Moment so irritierend fröhlichen Album, aber alles in die richtige Perspektive. Die Initialen stehen für "Justin Townes". Earle mit Nachnamen. Der Sohn von Steve.

J.T. ist tot.

Er ist am 20. August 2020 in Nashville gestorben. Überdosis. Nach allem, was man weiß, Kokain und Opioide. Dieses elende Zeug also, das in Songs immer noch zu überlebensgroßen Heldenmythen taugt. Das draußen, in der echten Welt, wo die Rockstars Väter sind und Ehemänner, aber tötet wie bei allen anderen auch. Justin Earle hinterließ eine Frau und ein kleines Kind, dazu ein paar wirklich gute Songs und einen Vater, der zehn davon jetzt gecovert und, nachdem er das getan hatte, noch einen eigenen Song auf das Album getan hat.

Die Nummer elf, der letzte Song.

Das Ende also: "Last Words". Eine akustische Gitarre füllt darin zunächst den Raum aus, ganz allein, baumdick und wirklich grandios unsentimental, und bevor er ein paar düster-wuchtigen Klavieren und ein paar Streichern Platz gewährt, die, bitte, wirklich auch nicht eine Sekunde "weinen", erzählt Steve Earle die Geschichte vom Ende noch mal ganz von vorn: "I was there when you were born / Took you from your momma's arms / Stood in awe, a witness to / The first breath that you ever drew."

Alben der Woche 08012021

"Das letzte Mal haben wir uns am Telefon gesprochen. Und dann haben wir aufgelegt, und du warst weg": Steve Earle mit seinem Sohn Justin Townes.

(Foto: New West Records/PIAS-Rough Trade)

Da steht dieser Vater also mit dem Neugeborenen im Arm und erlebt, ehrfürchtig, während Earle die wie mit rostigem Eisen porös gegurgelte Stimme bricht, wie dieser winzige Haufen Mensch seinen ersten Atemzug tut. Und dann? Dann verabschiedete er sich wohl erst mal wieder. Steve Earle war damals, im Jahr 1982, schließlich selbst noch ein wirklich begabter Junkie und blieb es auch für weitere zehn Jahre. Nicht viele hätten damals drauf gewettet, dass er seinen 50. noch mitfeiert oder auch nur den 40., und jetzt ist er plötzlich doch 65, clean und hat seinen Sohn überlebt, den er, als der noch klein war, immer Cowboy genannt hat. Und das wirklich Schauderhafte ist, dass sie sich diese Geschichte bei Netflix oder HBO oder in einer dieser übermännlich verkitschen Great American Novels nicht tragischer hätten ausdenken können.

Mit 39 schaffte Earle den Entzug. Das Alter, das sein Sohn nicht mehr erreicht hat

Townes, den zweiten Namen, hat Steve seinem Sohn nach Townes Van Zandt gegeben, diesem ebenfalls schwersttalentierten Songwriter, dem das Heroin im entscheidenden Moment immer noch etwas lieber war als die künstlerische Vollendung. Van Zandt und Earle Senior waren so gute Freunde, wie zwei Junkies das eben sein können. Dann starb Van Zandt. Earle kam zum zweiten Mal ins Gefängnis, wo er den kalten Entzug schaffte. 39 war er damals. Das Alter, das sein Sohn genau nicht mehr erreicht hat.

Wer einen besonders ausgeprägten Sinn für Symbolik hat oder für Parallelitäten, für Zahlenmystik vielleicht oder wer einfach nur zu einer gewissen Dramatik neigt, der würde wohl sagen: Justin hat die Geschichte seines Vaters jetzt also zu Ende erzählt. Und es stimmt schon: Legte man die beiden Leben nebeneinander auf einen Zeitstrahl, man sähe, wie sie sich nur um Nuancen unterschieden: die ersten Drogen mit elf beziehungsweise zwölf. Das harte Zeug bei beiden ein paar Jahre später. Die Sucht. Die Leugnung. Die Akzeptanz, die Selbstaufgabe, die Entziehungskuren. Eine Zeit lang spielte Justin sogar in der Band seines Vaters, flog der Drogen wegen aber wieder raus. Er habe sehr schnell erkannt, dass die Art, wie er die Dinge angeht, ihn in Schwierigkeiten bringen würde, hat er dem Rolling Stone noch erzählt. "Aber ich habe weitergemacht, weil ich sehr lang den Mythos geglaubt habe, dass ich mich zerstören muss, um große Kunst zu erschaffen."

Wer es nicht so mit der Symbolik hat und den Mythen, könnte natürlich auch einfach fragen, wie leicht sich toxische Männlichkeit eigentlich von einer Generation zur nächsten überträgt.

"J.T." von Steve Earle.

(Foto: New West Records/PIAS-Rough Trade)

Aber selbst wer nicht an solche höheren Muster glaubt, wird sagen müssen: Justin mag vielleicht nicht die Geschichte seines Vaters zu Ende erzählt haben, aber Steve trägt jetzt die Erzählungen seines Sohnes weiter. Und auch hier bleibt er frei von jedweder Sentimentalität. Steve Earle & The Dukes verwandeln die introvertierten kleinen Folk- und Country-Schönheiten in seebärigen, schwieligen Country-Folk - und wie lächerlich wäre es jetzt, bitteschön, hier von Kategorien wie gut oder schlecht anzufangen. Aber natürlich ist da erst mal Irritation.

"Das Letzte, was ich dir gesagt habe, war 'Ich liebe dich'"

"J.T." klingt immer wieder beschwingt, fast fröhlich. Bluegrass-Geigen und -Mandolinen fiedeln und zirpen durch Songs wie den Opener "I Don't Care" oder "Ain't Glad I'm Leaving". Das Pedalsteel strahlt, die Chöre feiern kleine Jamboree-Partys. Natürlich kauert hinter alldem, nur unzureichend weggeduckt, irgendwo auch immer der Tod, das Elend, Leid, Wahnsinn und Zerstörung, aber Steve Earle gelingt es, all das - Achtung, Phrase - in eine Feier des Lebens zu drehen. "In guten wie in schlechten Zeiten, richtig oder falsch, ich liebte Justin Townes Earle mehr als alles andere auf dieser Welt", lässt er sich zum Album zitieren. "Abgesehen davon habe ich diese Platte, wie jede andere Platte, die ich je gemacht habe, für mich gemacht. Es war der einzige Weg, den ich kannte, um auf Wiedersehen zu sagen."

Das Ende also: "I wish I could have held you when / You left this world like I did then", singt der Vater, der den Sohn im Tod nicht in den Armen halten konnte wie damals bei der Geburt, obwohl er sich doch nichts sehnlicher wünscht. Und dann kommen die "Last Words" - Abschiedsfloskeln womöglich, die plötzlich diese furchtbare Größe bekommen. Und wieder breitet Earle sie mit herzzerfetzender Lakonie aus: "Das letzte Mal haben wir uns am Telefon gesprochen / Und dann haben wir aufgelegt, und du warst weg / Das Letzte, was ich dir gesagt habe, war 'Ich liebe dich' / Und deine letzten Worte an mich waren 'Ich liebe dich auch'."

© SZ/khil
Zur SZ-Startseite
Celo & Abdi - "Mietwagentape 2" (385ideal/Universal Music)5 Bilder

Alben der Woche
:Zwei Nasen tanken super

Sollte endlich ein Revival von "Cheech und Chong" anstehen: Celo & Abdi wären die ideale Besetzung. Passenger singt für die traurig Besoffenen - und Steve Earle trauert um seinen Sohn.

Von Jakob Biazza

Lesen Sie mehr zum Thema