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Stefan Kleins Buch "Wie wir die Welt verändern":Prometheus auf Abwegen

The statue of Greek Titan Prometheus wears a mask in Rockefeller Center during the coronavirus disease (COVID-19) pandemic

Emblematische Gestalt: Prometheus-Statue mit Corona - am New Yorker Rockefeller Center.

(Foto: Carlo Allegri/Reuters)

Stefan Klein legt eine erfreulich kurze, aber leider unbefriedigende Geschichte des menschlichen Geistes vor.

Von Burkhard Müller

Ein Sachbuch-Autor sollte sich sehr genau überlegen, welchen Titel er seinem Werk gibt: Denn wenn er zu viel verspricht, dann mag sein Buch durch alle möglichen Qualitäten glänzen, es ist dennoch schwer, ihm die Irreführung zu verzeihen. Stefan Klein wählte für sein neues Buch den Titel "Wie wir die Welt verändern - Eine kurze Geschichte des menschlichen Geistes". Da hat er sich was vorgenommen!

Seine Kürze - 240 locker gestaltete Textseiten - sollte man dem Buch aber nicht zum Vorwurf machen, die ist im Titel angekündigt, und könnte sogar ein Vorzug sein. Vorausgesetzt, der Autor wüsste genau, was er will und hätte ein starkes Konzept. Daran aber hapert es.

Es geht damit los, dass er sich an keiner Stelle Gedanken macht, was das eigentlich wäre, der menschliche Geist. Stillschweigend scheint der Geist die Stelle des englischen "Mind" zu vertreten und seine ganzen deutschen Oszillationen zwischen Gespenst und Weltgeist abgeschüttelt zu haben. Das kann man machen, man sollte es aber erklären. Diese Unbedachtheit wiederholt sich später bei der Intelligenz, speziell der künstlichen Intelligenz, von der bei Stefan Klein ziemlich offen bleibt, wo hier allenfalls die Grenze von Algorithmus und Bewusstsein verläuft.

Am besten ist das Buch am Anfang, wo es die Enormität der ersten menschlichen Erfindungen schildert

Und dann ist da ja noch die Kreativität, das eigentliche Schlüsselwort des Buchs! Da verlässt sich Klein, unbedacht und autoritätshörig, auf die allgemeine Hochschätzung für Gestalten wie Mozart, Picasso, Leonardo, Einstein, deren Namen immer wieder fallen, ohne dass er die Eigenart ihrer Leistung in den Blick nähme. Dass zum Beispiel Picasso auch manch Mittelprächtiges produziert hat, fällt ihm nicht auf. Welche unzulängliche Vorstellung Klein vom Wesen der Kunst hat, die ja doch das kreative Feld par excellence bleibt, sieht man schlagend auf Seite 164, wo er ein Bild der Mona Lisa zeigt - ausgeführt als stumpfe Bleistiftzeichnung. Das reicht ihm also schon, wenn er einen Leonardo braucht.

Am interessantesten und lesenswertesten ist das Buch am Anfang, wo es die Enormität der ersten menschlichen Erfindungen schildert, des Feuermachens und des Faustkeils, und hier wird die Kürze zu einem echten Balsam. Die offensichtliche emblematische Gestalt hat schon Hermann Parzinger in seinem zu Unrecht hochgelobten Buch "Die Kinder des Prometheus" als Figur des Anfangs gesetzt; und auch Klein betitelt sein Vorwort "Prometheus sind wir". Parzinger erfindet den Faustkeil sozusagen zwanzigmal, indem er jeder der Dutzenden prähistorischen Kulturen, die es vor Erfindung der Schrift auf diesem Planeten gegeben hat, ein eigenes Porträt gönnt - ohne Rücksicht darauf, dass alle diese Scherben und Splitter eine ermüdende Familienähnlichkeit aufweisen. Klein kürzt dankenswerterweise ab. Er sucht sich die Dinge, die ihn interessieren, genau aus und kann den Unterschied zwischen den ersten ostafrikanischen Steinwerkzeugen vor drei Millionen Jahren und den in ihrem symbolischen Gehalt davon völlig verschiedenen Höhlenmalereien vor 30 000 anschaulich darstellen.

Stefan Klein: Wie wir die Welt verändern. Eine kurze Geschichte des menschlichen Geistes. S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 270 Seiten, 22 Euro.

Je weiter er allerdings in Richtung Gegenwart voranschreitet, desto weniger Aufschlussreiches weiß er zu präsentieren. Es häufen sich die alten Kamellen wie die vom Ei des Kolumbus und von Archimedes, der mit dem Ausruf "Heureka" aus der Badewanne hüpft. Gerade diese Anekdoten aber bedienen genau den Geniekult, von dem Klein ja eigentlich weg will, wenn er immer wieder betont: "Denn Neues entsteht zwischen den Menschen, nicht in einem einzelnen Hirn." Das eben sei Kultur.

Womit er bestimmt recht hat. Umso weniger versteht man, wieso er sich im weiteren Fortgang so sehr um die Neurologie bemüht, die nun einmal die Wissenschaft vom einzelnen Hirn ist. Das Buch beginnt auseinanderzufallen und verliert den erhellenden Wert, indem es zwei Spuren, die nicht zueinander passen, auf einmal folgt, der individual-neurologischen und der kollektiv-kulturellen. Dass die Neurologie mit dem einzelnen Hirn besonders weit gekommen sei, kann man übrigens auch nicht behaupten: Sie vermag zwar inzwischen festzustellen, dass bei bestimmten mentalen Aktivitäten in bestimmten Hirnarealen elektrische Ströme und so weiter fließen - aber wie dieser Zusammenhang entsteht und wie der physiologische Befund sich zu der subjektiven Vorstellung verhält, die er begleitet, das bleibt bis auf Weiteres rätselhaft.

Klein geht der Wissenschaft, die immer genau ist in dem, was sie zählt, aber nicht weiß, was sie zählt, komplett auf den Leim

Das beirrt den Autor jedoch nicht in seiner Wissenschaftsgläubigkeit. Er berichtet ausführlich von einer Studie mit 622 Versuchspersonen, die sich das Verständnis der Kreativität zum Ziel gesetzt hat. 622! Da sollte doch nichts mehr schiefgehen können. Die Prozedur und ihre Wiedergabe bei Klein verdienen genauere Betrachtung, denn was hier geschieht, ist typisch für alle beide, sowohl für die Wissenschaft als auch für ihren Popularisierer.

Zuerst werden Intelligenz, Offenheit für neue Erfahrungen und Originalität getestet. Wie macht man so was? Man lässt die Probanden sich möglichst ungewöhnliche Verwendungsweisen für Ziegelsteine oder Kugelschreiber ausdenken. "Je origineller die Antworten, desto mehr Punkte in dieser Disziplin gab es." Originalität ist also eine Disziplin, die sich nach Punkten gradieren lässt. Widerspricht das nicht dem Wesen der Originalität, die aus dem Kontinuum ja gerade aussteigt? Und wer vergibt die Punkte nach welchen Kriterien? Das scheint ein blinder Fleck des Verfahrens. Dann müssen die Teilnehmer angeben, welchen kreativen Beschäftigungen sie in ihrem Leben nachgehen, wobei besonders die Erfindung von Kochrezepten, Fotografieren und Tagebuch-Schreiben erwähnt werden. Die gelten als gute Marker für schöpferisches Potenzial, ungeachtet des offensichtlichen Einwands, dass diese drei Hobbys sich stark an vorgegebenen Schemata orientieren und hier leicht vorab ein Bonus für geltungssüchtige Betriebsnudeln entstehen kann. (Thomas Mann im "Zauberberg" etwa wertet die Tatsache, dass Frau Stöhr hundert verschiedene Soßenrezepte beherrscht, geradezu als Ausweis ihrer Dummheit.)

Dann wird drittens die Güte des kreativen Resultats untersucht, was so geschieht, dass ihr Erfolg verbucht wird, wie er sich messbar in Aufführungen oder Publikationen niederschlägt, ohne Rücksicht darauf, dass sich hierin vor allem Eigenschaften des Publikums erweisen - das im Zweifelsfall doch lieber etwas lobt und genießt, was es schon irgendwie kennt, als etwas grundstürzend Neues. Und wenn man durch all diese Maßnahmen ein Bild der kreativen Persönlichkeit erzielt hat, dann wird es abgeglichen mit gewissen Diagrammen der Hirnaktivität. Der Scan zeigt dann "ein merkwürdiges Muster, das die Forscher High Creative Network nannten". O Wunder: Wer kreativ ist, ist kreativ! Klein geht solcher hundsmiserablen Wissenschaft, die immer genau ist in dem, was sie zählt, aber nicht weiß, was sie zählt - betriebsintern formuliert: eine hohe Reliabilität und eine niedrige Validität aufweist -, komplett auf den Leim.

An Gehalt und gedanklicher Kraft steht dieser Band entsprechend weit unter dem, was beispielsweise Jürgen Kaube mit seinem thematisch verwandten Buch "Die Anfänge von allem" gelungen ist. Klein, der bereits zahlreiche Bücher über die Zeit, den Zufall oder den Weg vom Urknall zum geklonten Menschen geschrieben hat, wird im Klappentext als der "erfolgreichste deutschsprachige Wissenschaftsautor" bezeichnet. Wenn das zutrifft, ist es kein Ruhmesblatt für die deutsche Öffentlichkeit und keine gute Nachricht für die Wissenschaft.

© SZ/crab
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