Jens Balzers Buch "High Energy: Die Achtziger - das pulsierende Jahrzehnt":Zur Zeit der Müslis, Yuppies, Zombies

Erste Cebit 1986 - Sprechender Roboter

Das waren die Achtzigerjahre: Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann und die ehemalige Miss World Petra Schürmann 1986 auf der Cebit mit dem kleinen sprechenden Roboter Robby.

(Foto: Holger Hollemann/dpa)

Jens Balzer hat eine Kulturgeschichte der Achtziger geschrieben, die einen tiefenschärfer auf die Gegenwart blicken lässt - und ein bisschen gelassener.

Von Juliane Liebert

Wenn ein Buch "High Energy" und im Untertitel "Die Achtziger - das pulsierende Jahrzehnt" heißt, könnte das falsche Erwartungen wecken. Deshalb zuerst, womit wir es hier nicht zu tun haben: Das Buch ist keines von diesen aufgekratzten, aber mäßig informativen Memoirs einstiger Szenegrößen über die wildesten Zeiten aller Zeiten. Kein Verzeichnis der schlimmsten Hits von Modern Talking. Auch keine Leistungsschau eines Pop-Nerds, der sogar den Spitznamen der Mutter des Produzenten der maulwurfigsten Undergroundband kennt. Nein, Jens Balzer, einer der profiliertesten Popjournalisten im deutschsprachigen Raum, hat tatsächlich die Kulturgeschichte einer Dekade geschrieben. Schon zum zweiten Mal, denn sein letztes, viel gelobtes Buch "Das entfesselte Jahrzehnt" handelte von den Siebzigern.

Balzer legt zwar den Schwerpunkt auf die Populärkultur, zeichnet aber ein Porträt der westlichen Gesellschaft bis zum Mauerfall. Ein Porträt, das uns überreizten Menschen der Zwanzigerjahre dabei helfen kann, unsere Gegenwart etwas gelassener und schärfer zu sehen. Denn um 1980 nehmen viele der Verschiebungen und Debatten ihren Anfang, die sich erst heute in ihrer ganzen transformativen Macht zeigen. Von der Gendertheorie, die Geschlecht als soziale Konstruktion betrachtet, bis zum sich andauernd optimierenden und rekonfigurierenden Individuum. Auch das prägende Gefühl der Epoche dürfte uns bekannt vorkommen: Angst. Schon damals vor der ökologischen Katastrophe, vor allem aber vor dem drohenden Atomkrieg.

Die Achtziger sind die Zeit, in der sich die Jugendkultur tribalisiert

Diese Prämisse erlaubt es Balzer, die disparaten Phänomene der Dekade mit einem roten Faden zu versehen. Angewandte Dialektik des Erzählens, könnte man sagen, denn die Achtziger stehen im Zeichen der Ausdifferenzierung, also Unübersichtlichkeit. Während es vorher eine mehr oder weniger einheitliche Jugendkultur gab, sucht sich jetzt jeder seine Subkultur, bildet mit Gleichgesinnten einen "Stamm" (Goths, Punks etc.), dessen Inszenierung in Form von Kleidung, Musik und Habitus in erster Linie dazu dient, sich von anderen Stämmen abzugrenzen. Mit Diedrich Diederichsen und Andreas Reckwitz ("Die Gesellschaft der Singularitäten") konstatiert Balzer: Die "Achtziger sind insofern nicht nur eine Zeit der Individualisierung, sondern auch eine Zeit der Tribalisierung".

Ehe jetzt aber jemand von zu viel Abstraktion abgeschreckt ist: In "High Energy" wird gerade nicht ohne Bodenhaftung gedeutet, alle Erkenntnis geht vielmehr von konkreten Beobachtungen aus. Das hat oft einen ganz eigenen Witz: "Das lange Haupthaar fällt oft in fettigen Strähnen in die Stirn, wenn es nicht zu einem - bis dahin im wesentlichen Frauen vorbehaltenen - Pferdeschwanz zusammengebunden wird oder aber, je nach Spannkraft und Haartyp, als voluminöses Wuschelgebilde um den Kopf schwebt", heißt es etwa über das Personal der Ökobewegung, die sich in der neuen Partei, den Grünen organisiert. Über die "Fusselbärte" und "Schlabberpullis" ist die Partei längst hinaus. Heute tritt sie mit Kanzlerkandidatin zur Bundestagswahl an, und das damals als Spottname gebrauchte "Müsli" gibt es mittlerweile in tausend Variationen fürs hart arbeitende Kreativbürgertum im großzügig designten Biosupermarkt.

Jens Balzers Buch "High Energy: Die Achtziger - das pulsierende Jahrzehnt": Jens Balzer: High Energy. Die Achtziger - das pulsierende Jahrzehnt. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2021. 400 Seiten, 28 Euro.

Jens Balzer: High Energy. Die Achtziger - das pulsierende Jahrzehnt. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2021. 400 Seiten, 28 Euro.

Auch wer gegenüber der These, die Achtziger seien der Prototyp unserer Zeit, skeptisch bleibt, muss zugeben, dass viele Zusammenhänge augenfällig sind. Manche haben sich erst in den vergangenen Wochen ergeben: Wer hätte gedacht, dass der Historikerstreit um die Singularität des Holocaust unter postkolonialen Vorzeichen zurückkehrt? Eher ein Zwinkern der Geschichte dagegen, wie die Spitzenkandidatin der Grünen für die Abgeordnetenhauswahlen in Berlin unlängst mit ihrem treuherzigen Bekenntnis, als Kind habe sie "Indianerhäuptling" werden wollen, Empörung unter neuen Progressiven auslöste. In "High Energy" erfährt man, wieso sich die Deutschen im Allgemeinen und die "Müslis" im Besonderen gern als "Indianer" imaginierten. Und was das mit Antisemitismus und Pädophilie zu tun hat.

Balzer moralisiert nicht, benennt aber gravierende Irrtümer und politisches Versagen, wo es nötig ist. Sei es die hysterische Law-and-Order-Politik der CSU als Reaktion auf die Aids-Pandemie - Horst Seehofer dachte damals ernsthaft über Internierungsheime für Infizierte nach. Oder der muffige Antimodernismus von Teilen der Linken.

Weit mehr Raum nimmt der Umgang der Deutschen mit den meist - wie sollte es anders sein - aus Amerika zu uns schwappenden popkulturellen Trends und den medientechnischen Neuerungen wie dem Videorekorder oder dem PC ein. In den beschreibenden Passagen klingt eine leise Ironie an, die nichts mit billigem Belächeln der Vergangenheit zu tun hat, sondern der menschlichen Neigung gilt, die jeweilige Gegenwart ein bisschen zu sehr aufzublasen und gerade deshalb oft zu verkennen.

Und dann waren da ja auch noch herrliche Filme wie "Ein Zombie hing am Glockenseil"

Dabei blitzen einige Sternschnuppen der Menschlichkeit auf, etwa in einer damaligen ZDF-Dokumentation über die seinerzeit aufkommenden, natürlich hochgradig jugendgefährdenden Zombiefilme. Die armen, in Sachen Splatterhorror jungfräulichen Eltern müssen sich das bahnbrechende Werk "Ein Zombie hing am Glockenseil" ansehen: "Eine Mutter bekundet, dass sie nach diesem Film nun bestimmt nicht mehr einschlafen kann; ein Vater hat immerhin noch die Hoffnung, dass es ihm nach ein bis zwei Flaschen Bier gelingen wird."

Zumindest während der Lektüre von "High Energy" wird man auch nach ein bis zwei Flaschen Bier nicht einschlafen, denn die Taktfrequenz kluger Einsichten bleibt ähnlich hoch wie das Energielevel der titelgebenden Musikrichtung, einer Verdichtung des Disco-Stils der Siebziger. Auf jeder Seite des Buchs wird gedacht, nicht einfach Material gesammelt. Es entsteht ein Netz von Querverbindungen zwischen scheinbar zusammenhanglosen Entwicklungen.

Sind die nach Macht und Geld hechelnden Yuppies nicht eine hyperkapitalistische, abstrahierte Version der Aerobic-Tänzerinnen, welche wiederum die vierzigjährigen Frauen aus der Unsichtbarkeit befreien? Korrespondieren die an den boomenden Börsen gehandelten Meta-Finanzprodukte nicht mit dem freien Spiel der (Distinktions-)Zeichen, wie es die Subkulturen pflegen? Oder agieren die Yuppies schon wie Zombies, die in Katastrophenfilmen über den Atomkrieg als Strahlenkranke zurückkehren?

Wie kurz andererseits der Weg vom indizierten C-Movie zur Show für die ganze Familie ist, begreift man sofort, wenn man Michael Jacksons Video zu "Thriller" sieht. Prince wiederum - neben Jackson und Madonna der Superstar des Jahrzehnts - performt eine Sexualität, die zugleich viril und feminin ist, codiert sie mit jedem Tanzschritt, jeder Geste neu. In der Tat wirkt er damit wie die populäre Illustration von Michel Foucaults Sexualitätstheorie. Foucault kann seine Ideen nicht fertig ausarbeiten, 1984 stirbt er an Aids. Die Pandemie sorgt für einen Boom der Sexualaufklärung - mit langfristigen Folgen. Aber stimmt es wirklich, dass schon damals für junge Menschen die Heteronormativität relativiert wurde und "jedes Paar, das es bis auf weiteres ernst meint mit einer monogamen Beziehung", "zur Bekräftigung dieses Commitments gemeinsam zu einem Aids-Test" ging?

Manchmal scheint der Autor die akuten emanzipatorischen Wirkungen ein wenig zu überschätzen, was dann doch ein Kollateralschaden des Konzepts sein könnte, die Vergangenheit als Spiegel der Gegenwart zu erzählen. Doch dieser Einwand betrifft Details, und Balzers Interpretationen erweitern auch dort den Horizont, wo man sie bezweifelt. Jener Spiegel, schreibt er am Ende, sei vielleicht genau im Blick auf den völlig unerwarteten Fall der Mauer und Zusammenbruch des Ostblocks am klarsten: Die Achtziger "enden als ein Jahrzehnt, in dem vieles, was selbstverständlich erscheint, plötzlich hinweggefegt wird von einem Ereignis, das alle Vorstellungen und Vorahnungen übersteigt". Ist Covid-19 schon eine solche Zäsur?

© SZ/crab
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Juliane Liebert

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