Proteste in Brasilien "Ich fürchte, das Blutbad wird weitergehen"

Generalstreik in Brasilien: Protest gegen die Regierung von Präsident Bolsonaro

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Präsident Bolsonaros Macht lebt vom Hass der Eliten auf die Armen, sagt der brasilianische Soziologe Jessé de Souza. Ein Gespräch über ein Land im Neofaschismus.

Von Ingo Arend

Jessé de Souza, geboren 1960, ist einer der bekanntesten Soziologen Brasiliens. Er studierte in Deutschland, wurde 1991 an der Universität Heidelberg promoviert. Als Leiter eines Zentrums für Ungleichheitsforschung der Universität in Juiz de Fora erforschte er von 2003 bis 2013 die Klassenstruktur Brasiliens. Danach leitete er das staatliche Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung IPEA, einen sozialökonomischen Thinktank der Regierung in Brasilia. Zu Souzas Büchern zählen sein Bestseller "A Elite do Atraso" (Die rückständige Elite, 2017) ebenso wie sein jüngster Band "A Classe Média no Espelho: sua história, seus sonhos e ilusões, sua realidade" (Die Mittelklasse im Spiegel. Ihre Geschichte, Träume, Illusionen und Realität, 2018). Auf Deutsch erschien 2008 "Die Naturalisierung der Ungleichheit: Ein neues Paradigma zum Verständnis peripherer Gesellschaften". Souza lebt inzwischen nicht mehr in Brasilien, sondern zog vor Kurzem nach Berlin. Im September tritt er eine Gastprofessur an der Pariser Sorbonne an. Brasilien indes kommt nicht zur Ruhe. Im Mai protestierten Studenten gegen die Kürzung der Bildungsausgaben, am Freitag haben Zehntausende gegen eine umstrittene Rentenreform von Präsident Jair Bolsonaro protestiert. Ein Generalstreik wurde ausgerufen, es kam zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. Souza wundert das nicht. Im Interview beschreibt er die Wurzeln der Gewalt - und wie er aus dem Exil den Widerstand organisieren will.

SZ: Herr Souza, hatten Sie mit Bolsonaros Erfolg gerechnet?

Jessé de Souza: Noch zwei oder drei Monate vor der Wahl habe ich damit nicht gerechnet. Wenn man sich sehr wünscht, dass etwas nicht eintritt, täuscht man sich leicht. Als Bolsonaro in den Umfragen plötzlich vorne lag, war mir klar, dass die Elite mit dem Teufel paktiert. Plötzlich hatte er die Presse auf seiner Seite.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Wir haben in Brasilien immer in einer protofaschistischen Kultur gelebt. Sie ist eine Fortführung der Sklaverei in Gestalt des Hasses auf die Armen. Sie können Brasilien nicht verstehen ohne diesen Hass. Das Land ist gegründet worden, um die Armen zu marginalisieren und zu demütigen.

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In vielen Ländern - auch in Europa - haben rechte autoritäre Politiker Erfolg. Was ist das Besondere an Bolsonaro?

Es ist ein Neofaschismus, der allerdings nicht auf einer totalitären Ideologie basiert. Langfristig geht es ihm um eine Ausbeutung des isolierten Individuums, das von allen sozialen und politischen Bindungen losgelöst ist. Er schafft es, die Ängste und die Wut der Menschen angesichts von Verarmung und Arbeitslosigkeit aufzugreifen. Ein wichtiges Kennzeichen ist die Affektmobilisierung, um das Reflexivwerden zu vermeiden.

Wessen Affekte mobilisiert er?

Bolsonaro hat die Elite hinter sich. Und die brasilianische Elite ist eine koloniale Elite. Es gibt nicht das klassische Bürgertum wie in Europa. Unsere Elite beutet ihr Volk aus wie einst die Belgier im Kongo. Aber Bolsonaros eigentliche soziale Basis ist die untere Mittelschicht. Und deren Angst ist es, proletarisiert zu werden. Was bei uns bedeutet, zum "Untermenschen" zu werden: ohne Rechte, ohne Anerkennung. Bolsonaros Bollwerk ist dieser rechte Flügel der unteren Mittelschicht. Daher rührt auch sein Antiintellektualismus. Diese Schicht hat eine Art ambivalente Identifizierung mit ihrem Unterdrücker: Sie beneidet und sie hasst die gehobene Klasse.

Gibt es für diese Anfälligkeit auch kulturelle Gründe?

Die "anständigen" Armen waren immer sensibel für Argumente kompensierender Moralisierung. Sie lassen sich zum Beispiel leicht gegen das Feindbild der sexuellen Freizügigkeit oder den libertären Lebensstil mobilisieren. Dazu kommt die autoritäre Fixierung. Da die untere Mittelschicht immer extrem unterdrückt war und sich nicht politisch organisieren konnte, braucht sie einen Helden. In dieser Hinsicht war Luiz Inácio Lula da Silva, der später wegen Korruption verurteilte Präsident von 2003 bis 2011, sozusagen das linke Spiegelbild Bolsonaros.