Sönke Wortmanns "Contra" im Kino:Richtig streiten

Contra (2021) Film

Im Film beide keine Stereotypen: Christoph Maria Herbst als Professor und Nilam Farooq als Studentin Naima.

(Foto: Constantin Film)

Weil er sie beleidigt hat, muss Christoph Maria Herbst als alter weißer Professor einer migrantischen Studentin das Debattieren beibringen. Ein Vorbild für unsere verzoffte Gegenwart?

Von Josef Grübl

Während Deutschland noch darüber streitet, wie viele Leute man in Veranstaltungen hineinlassen sollte, ist in diesem Film das Auditorium längst voll besetzt. Die Menschen hocken eng gedrängt, Jungstudierende kennen so etwas gar nicht mehr, ältere Akademiker schwelgen dagegen in Erinnerungen: Ja, so war das früher. Und früher, also vor der Pandemie, wurde auch dieser Film gedreht: "Contra" ist eine Adaption der französischen Gesellschaftskomödie "Le brio", die unter dem Titel "Die brillante Mademoiselle Neïla" 2018 eine recht überschaubare Zuschauerzahl in die deutschen Kinos lockte.

Die Geschichte ist also nicht ganz neu und trotzdem aktuell, funktioniert aber nur vor vollen Rängen: Die nicht-deutsche Jurastudentin (Nilam Farooq) kommt an ihrem ersten Uni-Tag zu spät in die Vorlesung eines sehr deutschen Professors (Christoph Maria Herbst) und findet keinen Sitzplatz. Also steht sie und fällt auf. "In meinem Kulturkreis bedeutet Pünktlichkeit noch etwas", motzt der Professor sie an, ihre Entschuldigungsversuche machen die Sache nur noch schlimmer. Ein vollbesetzter Hörsaal hat in einer solchen Situation aber auch Vorteile, sind doch genügend junge Leute da, die Videos von der Verbalattacke machen. Diese landen umgehend im Internet, es folgen Shitstorm, Cancel-Culture-Debatte und ein Beinahe-Rausschmiss wegen rassistischer Beleidigung. Er könne seine Karriere nur noch retten, teilt man dem Pöbelprof mit, wenn er sich gezielt für Naima, so der Name der Studentin, einsetze. Das ist ziemlich durchschaubar, funktioniert aber trotzdem: Er bereitet sie in der Folge auf einen studentischen Debattenwettbewerb vor und zeigt ihr, wie man mit geschliffener Rhetorik und guter Argumentation seine Gegner vom eigenen Standpunkt überzeugt.

Contra (2021) Film

Wie überzeugt man den anderen von seinem Standpunkt? Mit Schreien und Beleidigungen? Oder der richtigen rhetorischen Strategie?

(Foto: Constantin Film)

Es geht also ums Rechthaben, was in Zeiten von Fehlinformationen, Fake News und verbalen Ausfällen eine sehr dehnbare Angelegenheit geworden ist. Aber wäre es nicht auch im eigenen Leben toll, wenn man Querdenker argumentativ von der Notwendigkeit des Impfens überzeugen könnte? Oder White-Supremacy-Jünger von der Beschränktheit ihres Weltbilds? Und das ohne Schaum vorm Mund, sondern mit Lässigkeit und Wortwitz? An Streitthemen mangelt es unserer streitbaren Gesellschaft nicht, so darf Naima im Film einen Vortrag darüber halten, ob der Islam eine gefährliche Religion ist. Das macht sie ziemlich gut, auch dank ihres Lehrers, der ihr die großen Meister der Debattierkunst nahebringt, Aristoteles, Schopenhauer oder Cicero etwa. Nebenbei lehrt er sie: "Sie müssen lernen, nichts persönlich zu nehmen." Auch davon kann man sich als Zuschauer etwas abschneiden, auch das würde die öffentliche Dauererregung ein wenig herunterdimmen.

Natürlich ist der Film kein Proseminar, an einem Kinoabend lernt man die hohe Kunst des Debattierens dann doch nicht. An Standardwerken wie Schopenhauers "Eristischer Dialektik" mit den darin aufgeführten 38 rhetorischen Strategien führt wohl auch im Jahr 2021 kein Weg vorbei. "Contra" macht aber Lust auf Diskussionskultur, die hierzulande nie so zelebriert wurde wie etwa im angelsächsischen Raum. Regisseur Sönke Wortmann hat zuletzt mehrere solcher Debattenfilme gedreht, "Frau Müller muss weg" oder "Der Vorname" etwa, er macht das sehr souverän und publikumsorientiert. Ganz ohne Klischees kommt er dabei nicht aus, aber gerade die beiden Hauptfiguren sind keine Stereotype, sondern vielschichtig gezeichnete Charaktere. Das war schon im französischen Original so, das klappt auch in der Adaption. Nebenbei thematisiert "Contra" die Chancenungleichheit von jungen Menschen, die Migrantenkinder sind und nicht aus akademischen Elternhäusern kommen. Denn am Ende geht es für Naima darum, ihre Stimme zu erheben, sie will ihre eigene Situation sowie die ihrer Familie verbessern.

Contra, D 2020 - Regie: Sönke Wortmann. Buch: Doron Wisotzky. Kamera: Holly Fink. Mit: Nilam Farooq, Christoph Maria Herbst. Constantin Film, 103 Minuten.

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