Netzkolumne: Gefälschte Bilder in sozialen Medien:Sushi und Simulakrum

Lesezeit: 2 min

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Hedonismus zum Teilen - etwa Sushi-Platten - bietet die Website stolenstories.com.

(Foto: JUSTIN SULLIVAN/AFP)

Stolenstories.com bietet Bilder vom Luxus zum Gratis-Download. Für die Macher ist das eine soziale Tat.

Von Michael Moorstedt

Mit der Öffnung der Gesellschaft haben sich auch die Bilder auf den sozialen Plattformen geändert. Vergessen ist der Sauerteiglaib im Römertopf, man sieht wieder Freunde, Gelage, Überfluss. Die Nutzer haben schnell zum ungezügelten Hedonismus zurückgefunden. Menschen, die glauben, dass die Pandemie noch nicht so ganz vorüber ist, haben nun das Problem, konkurrenzfähigen Content zu liefern.

Zum Glück gibt es nun die Website stolenstories.com. Hier kann man Dutzende kurze Instagram-Filmchen downloaden, die ein Leben in Luxus zum Thema haben, und selbst auf seinem Account veröffentlichen. Man sieht Obstschalen, aus denen der Dampf von flüssigem Stickstoff wabert, flambierte Sushi-Teilchen und schmelzende, mit Blattgold überzogene Dessertkugeln. Die Clips spielen in Restaurants, in denen die Entrées bei 50 Euro beginnen, und wurden von echten Nutzeraccounts abgefilmt.

"Soziale Medien sind von Natur aus performativ", heißt es in dem gleichzeitig veröffentlichten "Manifest" auf der Website. Man wolle das soziale Kapital, das mit dem Posting von Luxus einhergeht, demokratisieren. Immerhin ist ein nicht geringer Prozentsatz der auf sozialen Plattformen gezeigten Bilder fake. Es ist nicht ungewöhnlich, beim Juwelier nur mal schnell eine Rolex anzuprobieren oder sich in edle Hotel-Lobbys zu schleichen, ein entsprechendes Foto zu schießen und den Laden dann wieder zu verlassen.

Mit satanistischen Nike-Sneakern landete das MSCHF-Kollektiv vor Gericht

Die gestohlenen Instagram-Geschichten sind ein Produkt des New Yorker Medienkollektivs MSCHF, das im vergangenen Jahr mit mehr oder weniger zynischen Projekten auf sich aufmerksam gemacht hat. Darunter waren eine Sammlung von Spielzeugen, die grandios gescheiterte Start-up-Produkte nachahmen. Eine kryptische Website, die Facebook mit dem panoptischen Gefängnis vergleicht, oder auch eine satanistische Kollektion von Nike-Sneakern, die den Machern nicht nur eine juristische Auseinandersetzung mit dem Konzern, sondern auch eine Fehde mit reaktionären republikanischen US-Politikern einhandelte.

Die Kommentare auf das Online-Fegefeuer der Eitelkeiten mögen zwar nicht subtil sein, aber zumindest findet sich für sie leicht ein theoretisches Fundament, beispielsweise im Poststrukturalismus mit dem vom französischen Soziologen Jean Baudrillard geprägten Begriff des Simulakrums. Demnach ist die Unterscheidung zwischen Original und Kopie, Vorbild und Abbild unmöglich geworden und einer Referenzlosigkeit der Zeichen gewichen. Dieses Konzept wird heute konkret: Alles kann digitalisiert werden, Zeit und Raum sind homogenisiert, die physische Realität und ihre Repräsentation auf den Displays überlappen oder sind bereits vollständig miteinander verschmolzen.

"Telematische Macht", schrieb Baudrillard bereits in den frühen Achtzigerjahren, ist die "Fähigkeit, alles aus der Ferne zu regeln, auch die Arbeit im Haus und natürlich den Konsum, das Spiel, die sozialen Beziehungen und die Freizeit. Simulatoren für Freizeit oder Urlaub werden denkbar". Was wäre ein besseres Beispiel für diese Idee als geklaute Bilder von echtem Luxus-Essen, die genauso viel Affekte erzeugen wie das Original?

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