bedeckt München

Smile or Die:Das Gegenteil von Zartrosa

Ehrenreich nimmt den Zusammenhang zwischen positiver Einstellung und Heilungschancen auseinander, den viele Wissenschaftler eisern behaupten. Bei ausbleibender Heilung wird die Patientin doppelt bestraft: "Sie ist nicht positiv genug, wahrscheinlich ist ihre negative Einstellung dafür verantwortlich, dass sie den Krebs überhaupt bekommen hat." Diesen so brutalen wie falschen "Selber-schuld"-Gedanken hatte Susan Sontag vor dreißig Jahren in ihrem Essay "Krankheit als Metapher" angeprangert, und "Smile or Die" belegt, dass er lebendiger ist als je zuvor.

Der Gesundheitssektor ist aber nur der Einstieg ins giftig leuchtende Smiley-Inferno. Da ist zum einen das Motivationsgewerbe, dessen Trainer und Coaches die noch nicht entlassenen Belegschaften großer US-Firmen bei Laune halten. Und auch die Freiberufler besuchen Workshops und kaufen Ratgeber oder Motivations-CDs, um ihre Persönlichkeit zu optimieren.

Faszinierende Mentalitätsgeschichte der USA

Die Wirtschaftskrise, meint Ehrenreich, gehe zu einem Großteil auf ein antrainiertes Wunschdenken zurück, das keinen Platz lässt für negative Entwicklungen. Ob es tatsächlich der Realitätsverlust war, der die diversen Finanzblasen mit Luft füllte, - und nicht Schlimmeres -, mag man bezweifeln; unabhängig davon liefert Ehrenreich aber eine faszinierende Mentalitätsgeschichte der USA.

Das gilt auch für ein anderes ur-amerikanische Phänomen, das genüsslich auseinandergenommen wird: "Gott will, dass du reich bist", könnte das Motto vieler Megakirchen und TV-Prediger sein, die das positive Denken kreativ weiterentwickelt haben. Ihre Predigten klingen wie Motivationstrainings und sind frei vom gängigen Sünde- und Schmerz-Repertoire; ihre Kirchen sehen aus wie Bürogebäude und verzichten weitgehend auf unangenehme Leidens-Accessoires wie das Kreuz. Beim Besuch der Lakewood Church in Houston erlebt Ehrenreich eine Performance des "Positiv-Predigers" Joel Osteen, die in der bemerkenswert christlichen Botschaft "Seid die Sieger und nicht die Opfer" gipfelt.

Aus der religiösen Geschichte der USA leitet Ehrenreich letztlich alle Varianten des positiven Denkens ab. Der Calvinismus der weißen Siedler war das genaue Gegenteil von weltlicher Zuversicht, denn ihr Gott verdammte jede diesseitige Freude und ließ nur harte, selbstquälerische Arbeit gelten. Die Neue Welt begann mit "einem System sozial auferlegter Depression", gegen das sich im 19. Jahrhundert Widerstand regte: Der Neugeist war eine philosophisch-religiöse Bewegung, die Gott als gütiges, liebendes Wesen verstand - das wirtschaftlichen Wohlstand keineswegs verdammte.

Dennoch konnte auch die neue Bewegung nicht mit dem Calvinismus abschließen, schreibt Ehrenreich; der Zwang zur Selbstüberwachung blieb erhalten. Wie die Feinmechanik dieser Selbstoptimierung funktioniert, kann man bei der Soziologin Eva Illouz nachlesen: Sie zeigt, welche Rolle die Geschichte der Psychoanalyse und die frühe Arbeitspsychologie bei der Formierung der modernen Seele spielten.

"Smile or Die" mag zwar die Geschichte der Selbstoptimierung nur ausschnittsweise wiedergeben. Aber bei ihrer Abrechnung mit dem aktuellen Fundament des positiven Denkens, der "positiven Psychologie", läuft Ehrenreich zur Höchstform auf.

Die Glücksformel implodiert

Dieser junge, auch unter Psychologen umstrittene Zweig verzeichnet nicht nur in Amerika einen ungeheuren Boom; weltweit werden Institute eröffnet und Millionen an Fördergeldern und Drittmitteln zugeschossen. Der Kern der positiven Psychologie besteht darin, sich von der herkömmlichen, "krankheitsorientierten" Psychologie abzuwenden und stattdessen die Bedingungen des gelingenden Lebens zu untersuchen. Der Gründer der Positiven Psychologie, Martin Seligman, kann allerdings nur mit zweifelhaften Langzeitstudien aufwarten, um den Zusammenhang von Glück, positivem Denken, Langlebigkeit und Gesundheit zu belegen.

In seinem Buch "Der Glücks-Faktor" stellt er die Gleichung G = V+ L+W auf: Das "Glücksniveau", das ein Mensch erreichen kann, setze sich aus der "Vererbten Bandbreite des erreichbaren Glücks", aus den Lebensumständen und aus dem Willen zusammen. Beim Interview mit Seligman fragt Barbara Ehrenreich nach den Maßeinheiten - und bringt damit die Glücksformel zum Implodieren.

Nicht zuletzt leisten die Positiven Psychologen einen Beitrag zur Erhaltung des Status quo, weil sie den Lebensumständen eine so geringe Rolle beimessen. "Warum für bessere Jobs und Schulen (...) eintreten, wenn diese Dinge so wenig zum Glück der Menschen beitragen?"

Ehrenreich weist nach, dass sich der Erfolg der Positiven Psychologie vor allem in Dozentenstellen und Karrierechancen auf dem Coaching-Markt messen lässt: für die Positiven Psychologen selbst.

"Smile or Die" erledigt das Positive Denken so ansteckend schwungvoll, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als das Buch zum Ratgeber zu erklären: Vergessen Sie alle Glücksfaktoren, lesen Sie Barbara Ehrenreich.

BARBARA EHRENREICH: Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt. Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Barbara Steckhan. Verlag Antje Kunstmann, München 2010. 254 Seiten, 19,90 Euro.

© SZ vom 02.09.2010/rus
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema