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Sizilien:Ein eigener Kontinent

Etta Scolo: Voci di Sicilia. Eine Reise durch Sizilien. Aus dem Italienischen von Klaudia Ruschkowski. Corso Verlag, Wiesbaden 2020. 256 Seiten, 29,90 Euro. Limitierte Auflage mit CD: 39,90 Euro.

Die Sängerin Etta Scollo hat eine vielstimmige Textsammlung über Sizilien zusammengestellt. Sie zeigt ein poetisches, dabei ungeschöntes Bild der Insel.

Von Hans Gasser

Wer kennt schon Giarre? Palermo, Agrigento, Taormina - das fällt wohl den meisten ein, wenn sie, oft romantisierend, an Sizilien denken. Giarre, eine Kleinstadt an der Ostküste, "ist die europäische Hauptstadt der unfertigen Bauten", wie sie der junge Sizilianer Andrea Torrisi nennt. Mindestens zehn monumentale öffentliche Bauten, die nie fertig wurden, gebe es in der 30 000-Einwohner-Stadt, darunter ein Polostadion für 20 000 Zuschauer, auf einer Insel, auf der es fast keine Polospieler gibt - Ergebnis jahrzehntelanger Korruption und Bauspekulation.

Torrisi wollte sich nicht damit abfinden, dass über diese Ruinen seiner Heimatstadt schamvolles Schweigen herrschte und begann damit, Führungen für Einheimische und Touristen dorthin anzubieten, organisierte Flashmobs und Workshops, sogar ein Poloturnier im Stadion. Er und seine jungen Mitstreiter wollten aufrütteln, verändern, "so lange, bis die Apathiker, die Polemiker und die Bürokraten uns der Demagogie beschuldigten. Und dann? Dann haben wir klein beigegeben".

Im Fall von Torrisi heißt das, dass er wie so viele andere Sizilianer ins Ausland gegangen ist, nach Belgien, um Arbeit und Sicherheit zu finden. Doch das Perfekte, Geordnete, das er dort vorfindet, irritiert ihn: "Man steht morgens auf und hat niemanden zu bekämpfen." Nicht leicht für jemanden, der "mit einem Fuß im Krieg geboren" sei. "Das Leben in Giarre sorgt dafür, dich voller Aktivität in jeden Tag zu stürzen. Als wolle es dir keinen Raum für Momente des Nachdenkens lassen."

Solche Beiträge, ehrlich und emotional, sind das Fundament des Buches "Voci di Sicilia", einer vielstimmigen Anthologie, die ähnlich chaotisch und vielgestaltig ist wie die Insel selbst. Die sizilianische Sängerin und Komponistin Etta Scollo hat sie herausgegeben, aus Liebe zur Insel, auf der sie aufgewachsen ist. Auch sie ging weg ins Ausland, nach Berlin, um Karriere zu machen. Heute lebt sie teilweise wieder auf ihrer Insel, die für sie vor allem aus Gesängen und Gedichten und Geschichten ihrer zahlreichen Poeten und Originale besteht. Und natürlich aus Erinnerungen an eine glückliche Kindheit zwischen Catania und Caltanissetta.

Von der Mafia zur Manifesta: Palermo hat sich zu einer weltoffenen Stadt entwickelt

Die Poesie und Etta Scollos emotionale Erinnerungen sind eingestreut zwischen die oftmals schockierenden Zeitzeugenberichte über Mafia und Korruption, über staatliches, aber auch gesellschaftliches Versagen. Es handle sich um kein Reisebuch im eigentlichen Sinne, heißt es im Vorwort, sondern um eine "Spurensuche auf einem eigenen Kontinent".

Aber es ist natürlich ein Reisebuch, für fortgeschrittene Reisende, die nicht nur Sehenswürdigkeiten abklappern, sondern Zusammenhänge verstehen wollen: Warum stehen die Bauruinen in Giarre? Und weshalb stinkt in dem kleinen Ort Motta Sant'Anastasia eine riesige Mülldeponie zum Himmel? Und wie hat es Palermo geschafft, sich von einem mafiabeherrschten Ort des Schweigens zu einer offenen, von Migranten geprägten und kulturell sehr vielfältigen europäischen Stadt mit Manifesta und großer Gay Pride zu entwickeln? Dazu kommt Leoluca Orlando zu Wort, der langjährige Bürgermeister und Mafia-Bekämpfer. Er habe Meldebescheinigungen an afrikanische Flüchtlinge ausgestellt, als Salvini dies verboten habe und tue dies weiter, denn nur so könnten sie legal leben und Palermitaner werden: "Dank der Migranten gewinnen wir enorme Freiräume zurück. Dank derer, die aus anderen Realitäten kommen, verändern wir uns", schreibt Orlando. Als Bosse der nigerianischen Mafia festgenommen wurden, habe es sofort eine Demonstration von 200 Nigerianern gegeben, die ihren Unmut über die Verbrecher bekunden wollten. Es zeige, so Orlando, dass sich die Migranten in der Stadt zu Hause fühlten und sie verteidigten.

So gibt es in dem Buch, das lose nach Städten und Regionen geordnet ist, auch viele Positivbeispiele von Gemeinsinn und Engagement: Ob dies der junge, mutige Stadtrat ist, der gegen die Deponie kämpft, der Manna-Bauer, der den Eschen schonend ihren süßen Saft entnimmt, der Marionettenspieler aus Palermo, der die Familientradition fortführt, oder die Kommissarin, die ihr Leben lang für den Rechtsstaat und gegen den Klientelismus in Catania gekämpft hat.

Man liest dieses Buch mit großem Gewinn, weil es tief gräbt, nicht an der touristischen Oberfläche bleibt und dadurch viele Inspirationen für die nächste Sizilienreise liefert.

© SZ vom 24.11.2020
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