bedeckt München

Siri Hustvedt: "Der Sommer ohne Männer":Absage mit erhobenem Haupt

Die Demütigung des Verlassenwerdens wird schließlich nicht kleiner, nur weil man weiß, wie banal sie ist. Und so lässt Siri Hustvedt ihre Hauptfigur wüten und zetern, dass es eine Freude ist: Nach der ersten Mail des untreuen Gatten, in der er arglos fragt, wie es ihr geht, würde sie ihm am liebsten "einen Klumpen Spucke" zurückschicken.

Wenn sie sich an die Ruhe erinnert, mit der er "mucksmäuschenstill" seine Ellbogen gebraucht, flucht sie auf die "Magie von Autorität, Geld, Penissen". Sobald sie allein ist, malträtiert sie die Sofakissen stellvertretend für den Ehemann, den "gottverdammten Herrn des Universums".

Und wenn sie daran denkt, wie oft sie seine Texte korrigiert hat und ihm mit Hegel, Kant und Hume auf die Sprünge half, dann kann sie nur böse ätzen über die lächerlichen Widmungen, mit denen man sich in seinen Kreisen nach einer langen Liste von Kollegen und Stiftungen bei der Familie bedankt: "Ohne die unermüdliche Unterstützung und unschätzbare Geduld meiner Frau Muffin Pickle sowie meiner Kinder Jimmy junior und Topsy Pickle wäre dieses Buch nicht geschrieben worden." Dabei weiß sie genau, wie die Widmung in ihrem Fall lauten müsste: "Ohne den beidseitigen präfrontalen Cortex meiner Frau Mia Fredricksen würde es dieses Buch nicht geben."

Die Konkurrenzsituation im Hause Auster-Hustvedt ist trotz komödiantischer Übersteigerung recht gut zu erkennen. Fast scheint es, als lege es die Autorin darauf an, dass der Leser die Attacken ihrer Erzählerin auch auf Paul Auster höchstpersönlich bezieht, so wie man in der hypersensiblen Mia trotz des roten Haares durchaus die Autorin entdecken darf und in ihrer umwerfend schönen Tochter Daisy, die zwischen den Eltern zu vermitteln versucht, Sophie Auster, die reale Tochter und Sängerin.

Aber natürlich ist das vor allem ein Spiel, das den Leser und die Leserin, die oft und freundlich angesprochen werden, bei der Stange halten soll. Interessanter als der Wahrheitsgehalt der autobiographischen Suggestion ist die Tatsache, dass sich Siri Hustvedt zum ersten Mal auf das Feld des Frauenromans begibt, der immer im Verdacht steht, intellektuell nicht satisfaktionsfähig zu sein. Das bedeutet mehr, als den ewigen Vergleich mit dem Gatten, der am Ende des Romans als "prominenter amerikanischer Romancier" herbeizitiert wird, für eine Runde auszusetzen. Es ist gleichsam eine Absage mit erhobenem Haupt: eine Absage an das Gesetz des Vaters und seiner Nachfolger, an den ewigen Wettstreit um die männliche Gunst, als seinesgleichen angesehen zu werden.

Am Ende des Romans will Boris auch seine "Pause" beenden und zu Mia zurück. Die merkt verblüfft, dass sie sich aus dem ehelichen Geflecht gelöst hat und gerade im Begriff ist, sich an ein Leben ohne ihn zu gewöhnen. "Mach mir den Hof", fordert sie ihn per Mail heraus, und er antwortet, "hochromantisch", wie sie kommentiert: "Okay". Und selbst der ominöse Mr. Niemand, der sie mit Mails traktiert und in abgedrehte philosophische Dispute über Gott und die Welt verwickelt, hält plötzlich die Klappe, ohne dass seine Identität gelüftet wird.

SIRI HUSTVEDT: Der Sommer ohne Männer. Roman. Aus dem Englischen von Uli Aumüller. Rowohlt Verlag, Reinbek 2011. 251 Seiten, 19,95 Euro.

© SZ vom 23.03.2011/tolu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema