Süddeutsche Zeitung

Siri Hustvedt: "Der Sommer ohne Männer":Freudiges Wüten

Absage an den ewigen Wettstreit um die männliche Gunst: Siri Hustvedt hat sich als Partnerin des großen Romanciers Paul Auster einen Frauen- und Ehebrecherroman geleistet.

Meike Fessmann

Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven hieß Siri Hustvedts letztes Buch. Es war ein autobiographisch motivierter Parforceritt quer durch die neurologische und psychoanalytische Fachliteratur, der jenem heftigen Zittern auf die Spur kommen wollte, das die Autorin zum ersten Mal bei einer Gedenkrede auf ihren Vater ergriff, zweieinhalb Jahre nach dessen Tod 2004, und das ihr seither bei öffentlichen Auftritten zum unberechenbaren Begleiter geworden ist. Nach diesem kühnen und befremdlichen Buch, in dem sich die 1955 in Minnesota geborene Autorin einen intellektuellen Schaukampf gegen sich selbst lieferte, kommt nun ein neuer Roman der Amerikanerin mit norwegischen Wurzeln auf den Markt, die mit Paul Auster eines der glanzvollsten New Yorker Intellektuellenpaare bildet.

Der Sommer ohne Männer ist ein Ehebruchsroman, der mit autobiographischen Suggestionen nicht spart und zugleich verblüffend entspannt ist. Er wirkt wie ein entschlossener Schritt in die Entkrampfung, so als habe sich die Autorin gesagt, es solle nun genug sein mit den intellektuellen Spiegelgefechten ihrer früheren Romane, wenigstens einmal wolle sie sich so etwas leisten wie einen typischen Frauenroman. Dass man dennoch nicht unter Niveau unterhalten wird, dafür sorgen schon das Vorbild Jane Austen und Siri Hustvedts immer spürbare Intelligenz.

Mit Humor und einer großen Portion Selbstironie erzählt sie eine der ältesten und banalsten Geschichten der Welt noch einmal neu: die Geschichte von der Frau in mittleren Jahren, deren Mann sich in eine jüngere verliebt. Die Französin mit "signifikantem Busen" und beachtlichem Verstand ist eine Kollegin des Ehemanns, der die sechzig bereits überschritten hat und als Neurowissenschaftler arbeitet. Sie bekommt erst gar keinen Namen, heißt nur die "Pause", denn eine solche will Boris sich nehmen. Nach dreißig Jahren Ehe reicht schon das Wort, um aus der Ich-Erzählerin des Romans, der Dichterin Mia Fredricksen, eine "Geisteskranke" zu machen.

In der Psychiatrie diagnostiziert man eine akute psychotische Störung, "auch bekannt als Durchgangssyndrom, was bedeutet, dass man wirklich verrückt ist, aber nicht lange". Schon nach eineinhalb Wochen kann die Dichterin die Klinik verlassen. Auch New York und die gemeinsame Wohnung in Brooklyn lässt sie hinter sich, um eine Zeit lang aufs Land zu ziehen, in das fiktive Provinznest Bonden in Minnesota, wo sie aufgewachsen ist. Dort mietet sie ein kleines Häuschen am Stadtrand, ganz in der Nähe der Mutter, die nach dem Tod des Vaters in einer Wohnanlage für Senioren lebt.

Die Mutter und ihre betagten Freundinnen, die sie insgeheim "die fünf Schwäne" nennt, eine junge Familie im Nachbarhaus und sieben pubertierende Mädchen, die sie im Schreiben unterrichtet, bilden mit ihren großen und kleinen Dramen das Netz weiblicher Lebensläufe, das sie auffängt. Was der Roman einen Sommer lang vorführt, ist eine Art Erdungsprozess, dessen heilsame Wirkung die Erzählerin selbst am meisten verblüfft. Als ihre New Yorker Psychoanalytikerin, mit der sie einmal pro Woche telefoniert, eines Tages sagt, es höre sich so an, als würde sie sich gut unterhalten, muss sie ihr schockiert recht geben. Da hat sie allerdings auch schon einiges hinter sich.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sich die Konkurrenzsituation im Hause Auster-Hustvedt auch im Roman zeigt.

Absage mit erhobenem Haupt

Die Demütigung des Verlassenwerdens wird schließlich nicht kleiner, nur weil man weiß, wie banal sie ist. Und so lässt Siri Hustvedt ihre Hauptfigur wüten und zetern, dass es eine Freude ist: Nach der ersten Mail des untreuen Gatten, in der er arglos fragt, wie es ihr geht, würde sie ihm am liebsten "einen Klumpen Spucke" zurückschicken.

Wenn sie sich an die Ruhe erinnert, mit der er "mucksmäuschenstill" seine Ellbogen gebraucht, flucht sie auf die "Magie von Autorität, Geld, Penissen". Sobald sie allein ist, malträtiert sie die Sofakissen stellvertretend für den Ehemann, den "gottverdammten Herrn des Universums".

Und wenn sie daran denkt, wie oft sie seine Texte korrigiert hat und ihm mit Hegel, Kant und Hume auf die Sprünge half, dann kann sie nur böse ätzen über die lächerlichen Widmungen, mit denen man sich in seinen Kreisen nach einer langen Liste von Kollegen und Stiftungen bei der Familie bedankt: "Ohne die unermüdliche Unterstützung und unschätzbare Geduld meiner Frau Muffin Pickle sowie meiner Kinder Jimmy junior und Topsy Pickle wäre dieses Buch nicht geschrieben worden." Dabei weiß sie genau, wie die Widmung in ihrem Fall lauten müsste: "Ohne den beidseitigen präfrontalen Cortex meiner Frau Mia Fredricksen würde es dieses Buch nicht geben."

Die Konkurrenzsituation im Hause Auster-Hustvedt ist trotz komödiantischer Übersteigerung recht gut zu erkennen. Fast scheint es, als lege es die Autorin darauf an, dass der Leser die Attacken ihrer Erzählerin auch auf Paul Auster höchstpersönlich bezieht, so wie man in der hypersensiblen Mia trotz des roten Haares durchaus die Autorin entdecken darf und in ihrer umwerfend schönen Tochter Daisy, die zwischen den Eltern zu vermitteln versucht, Sophie Auster, die reale Tochter und Sängerin.

Aber natürlich ist das vor allem ein Spiel, das den Leser und die Leserin, die oft und freundlich angesprochen werden, bei der Stange halten soll. Interessanter als der Wahrheitsgehalt der autobiographischen Suggestion ist die Tatsache, dass sich Siri Hustvedt zum ersten Mal auf das Feld des Frauenromans begibt, der immer im Verdacht steht, intellektuell nicht satisfaktionsfähig zu sein. Das bedeutet mehr, als den ewigen Vergleich mit dem Gatten, der am Ende des Romans als "prominenter amerikanischer Romancier" herbeizitiert wird, für eine Runde auszusetzen. Es ist gleichsam eine Absage mit erhobenem Haupt: eine Absage an das Gesetz des Vaters und seiner Nachfolger, an den ewigen Wettstreit um die männliche Gunst, als seinesgleichen angesehen zu werden.

Am Ende des Romans will Boris auch seine "Pause" beenden und zu Mia zurück. Die merkt verblüfft, dass sie sich aus dem ehelichen Geflecht gelöst hat und gerade im Begriff ist, sich an ein Leben ohne ihn zu gewöhnen. "Mach mir den Hof", fordert sie ihn per Mail heraus, und er antwortet, "hochromantisch", wie sie kommentiert: "Okay". Und selbst der ominöse Mr. Niemand, der sie mit Mails traktiert und in abgedrehte philosophische Dispute über Gott und die Welt verwickelt, hält plötzlich die Klappe, ohne dass seine Identität gelüftet wird.

SIRI HUSTVEDT: Der Sommer ohne Männer. Roman. Aus dem Englischen von Uli Aumüller. Rowohlt Verlag, Reinbek 2011. 251 Seiten, 19,95 Euro.

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SZ vom 23.03.2011/tolu
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