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Hörbuchkolumne:Dichter sind wie geübte Mörder

Im Winter lassen die Hörbuchverlage gern ermitteln: Suspense für lange Nächte.

Von Florian Welle

Alle Jahre wieder lassen die Verlage in den gerne als still verklärten Tagen ermitteln. Beim Hörverlag heißt es gerade "Agatha Christie. Eine Leiche zur Bescherung", und der Audio-Verlag (DAV) schickt Alex Lépics bedächtigen Commissaire Lacroix in "Die Stille Nacht von Montmartre". Lépics großes Vorbild Simenon hat seinen weihnachtlichen Auftritt im Berliner Hörbuchverlag bereits im vergangenen Jahr absolviert. Doch es gibt auch noch rätselhaften Suspense jenseits von kriminalistisch Besinnlichem, allzu Besinnlichem.

Die DAV-Hörspielserie "Sherlock & Watson - Neues aus der Baker Street", die seit 2015 den Meisterdetektiv ähnlich wie zuvor die britische Fernsehserie "Sherlock" ins 21. Jahrhunderte katapultiert, geht mit zwei neuen Folgen frei nach Motiven von Arthur Conan Doyle in ihre zweite Staffel. Fünf Jahre ist es her, dass Holmes aufgrund einer vermeintlich defekten Gasleitung in der Baker Street ums Leben kam. Während Dr. Watson darüber immer noch untröstlich ist, kratzt jetzt auch noch ein Enthüllungsbuch der Kolumnistin Irene Adler an Holmes' Image: "Super Detective war Superschurke". Der verzweifelte Watson chattet in "Die Crumply-Morde oder Das Zeichen der Vier" und vor allem in "Skandal im Bohemia" (2 CDs, 1 Stunden 42 Minuten) mit so zweifelhaften Followern wie "Keyser Soze" und "Sherlock Holmes is fake news", um die Reputation seines genialen Freundes wiederherzustellen.

Watson erinnert sich an die alten Fälle. Selbst an "Skandal im Bohemia", eine pikante Erpressungsgeschichte, die den konservativen Watson aufgrund gewisser sexueller Praktiken immer wieder in Verlegenheit gebracht hatte. Und die Holmes vor allem nie restlos aufklären konnte. Wegen seines ewigen Widersachers James Moriarty? Wie schon die fünf Folgen der ersten Staffel, überzeugen die von Viviane Koppelmann inszenierten Hörspiele durch rasante Schnitte, feinen Witz und eine bis in die kleinsten Rollen exquisite Sprecherriege. Neben Johann von Bülow als Holmes und Florian Lukas als Watson sind das unter anderem Fritzi Haberlandt (Mrs. Hudson), Stefan Kaminski (Moriarty) und Kathrin Angerer (Irene Adler).

Lafcadio Hearn war ein Zeitgenosse Doyles. 1850 auf der griechischen Insel Lefkada geboren, reifte er in den Vereinigten Staaten zum Journalisten und Schriftsteller. 1890 ging der feinnervige Hearn, der seit einem Unfall in der Jugend nur auf einem Auge sah, nach Japan. Ein Jahr später heiratete er die Tochter eines verarmten Samurais und hörte fortan auf den Namen Koizumi Yakumo. Hearn, der 1904 in Tokio an einem Herzinfarkt starb, prägte maßgeblich den westlichen Blick auf das Land. Hugo von Hofmannsthal und Stefan Zweig gehörten zu seinen Bewunderern.

Bei audiolino wurden nun die "Geistergeschichten aus Japan", die Hearn vor allem von seiner Frau zugetragen wurden, von Schauspielern wie Anne Moll und Rolf Becker mit dem nötigen Sinn für das Fremdartige eingesprochen (2 CDs mit Booklet, 152 Minuten). Auch wenn man aus dem beiliegenden Booklet Hilfreiches erfährt - etwa dass ein Rokurokubi ein Gespenst ist, das seinen Kopf vom Körper trennen kann -, so besitzen sie noch weit mehr als hiesige Märchen am Ende etwas Numinoses. Sie wurzeln im Buddhismus, vor allem aber im Shinto-Glauben. Die Natur und ihre Gesetzmäßigkeiten spielen in allen Geschichten eine zentrale Rolle. Der Mensch sollte sie besser befolgen. Einmal erhält ein Ehepaar die "Botschaft der Fliege", ein anderes Mal bekommt ein junger Mann Besuch von Yuki-Onna, der Schneefrau. Und in "Die Legende vom Yurei-Daki" geht der Raub einer Opferbüchse sehr blutig aus.

Der Tierarzt Byongsu Kim war ein Serienmörder. Sein erstes Opfer als Jugendlicher war sein gewalttätiger Vater. Aber im Alter von 45 Jahren hörte er einfach auf und wählte Bowling als Hobby. Nebenbei schrieb er Gedichte, sein Lehrer im Lyrikkurs brachte ihn gleich zu Beginn zum Lachen: "Ein Dichter ist wie ein geübter Mörder, er packt die Sprache, um sie zu erlegen." Jetzt, mit 70, leidet er an Altersdemenz. Seine "Aufzeichnungen eines Serienmörders" könnten also unzuverlässiger nicht sein. Der kleine Roman von Kim Young-ha, in Südkorea 2013 erschienen, dürfte die Krimientdeckung des Jahres sein: intelligent, voller Twists, auf beunruhigende Weise tragikomisch.

Kim will seine Tochter Unhi vor einem Killer, der sich in der Gegend herumtreibt, schützen. Bloß wie? Sein Kurzzeitgedächtnis lässt rapide nach. Ist Unhi überhaupt sein Kind? Martin Feifel hat das Buch über einen Serienmörder, dem seine Erinnerung entgleitet, brillant eingelesen (Der Diwan, 3 CDs, 195 Minuten). Er liest langsam, wird nur dann laut, wenn der Erzähler wieder einmal einfachste Dinge vergessen hat. Und gegen Ende der "Aufzeichnungen" werden Feifels Sprechpausen immer länger.

© SZ/jby
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