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Mobilität in Städten:Es wackelt nicht mehr

July 29, 2012 - St. Petersburg, FL, USA - JAMES BORCHUCK Times.SP_357568_BORC_feature (07/29/12) (St. Petersburg, FL) T

Bescheuert aussehen vor den besten Kulissen: Menschen, die im Stehen Helm tragen und im Wackelpulk hintereinander herkurven.

(Foto: imago images)

Die Produktion von Segways wird eingestellt. Aber für wen waren die hässlichen Vehikel eigentlich gedacht - und auf welchem Terrain sollte man die gleich bewegen?

Micromobilität ist ein anderes Wort für: Zu faul zum Laufen. Das klingt jetzt böswilliger, als es gemeint ist. Dass man das eigentlich begrüßenswerte Konzept von Beweglichkeit, Freiheit, Zugewinn an Reichweite im urbanen Raum despektierlich behandelt, hat leider zwei Gründe. Der eine heißt Andreas Scheuer, er ist wohl nur coronabedingt noch immer bundesdeutscher Verkehrsminister. Ihm ist die Zulassung dieser Elektro-Mietroller zu danken, die seit einem Jahr wahlweise Passanten oder Radfahrer nerven, weil sie überall da fahren, wo man sie wirklich nicht brauchen kann, und sonst als Blech-Mikado die Innenstädte unpassierbar machen. Der andere Grund für die Geringschätzung trägt seit 2002 den Namen Segway.

Segway ist das Synonym für jenes zweirädrige, batteriegetriebene, sich selbst ausbalancierende Steh-Vehikel, meist, aber nicht immer, mit Haltestange, das 2003 den Präsidenten George W. Bush stürzte (kein Scherz!). 2015 fuhr eines den Sprinter Usain Bolt bei seiner olympischen Siegerrunde um, und eines hatte den britischen Segway-Firmenbesitzer James Heselden im Jahr 2010 mit tödlichem Ausgang von einer Klippe befördert. Segway-Scooter mussten kurz nach der Einführung in großen Stückzahlen ins Werk zurückgerufen werden, weil sie auch gerne mal abrupt stoppten, wenn die Batterie schwächelte.

Im Grunde blieben die Scooter Museumshopper für Lendenlahme

Für wen die Vehikel gedacht waren, blieb immer unklar. Mittlerweile werden sie von oft zu beleibten Menschen und/oder Ordnungspersonal betrieben, die im Stehen Helm tragen und ihr Rumgeeiere verbal zum "Personal Transport" aufblasen. Auch so etwas begünstigt üblen Leumund. Segway ist im innerstädtischen Straßenbild entweder alberner Gänsemarsch auf zu kleinen Rädern oder Wackelpulk, es ist eine weitere, eher hässliche Touristenattitüde, so überflüssig wie Selfiesticks. Aber Segway ist nun Geschichte.

Denn die Produktion der Scooter, deren Name sich vom englischen "segue" (Übergang) ableitet, wird zum 15. Juli eingestellt. Die Entscheidung sei nicht leichtgefallen, sagt Judy Cai, die Präsidentin des chinesischen Unternehmens Ninebot, zu dem Segway nun gehört. Wer ein paar Krokodilstränchen verweinen will, mag sich bei Youtube gern die Videos in der Kategorie "Segway Fails" anschauen. Steve Jobs hatte die Geräte angeblich als Abakus fürs Gehen bezeichnet, sie würden einmal so bedeutsam werden wie Computer. Das war immer übertrieben.

Im Grunde blieben die Scooter Museumshopper für Lendenlahme. Sie waren zu teuer, zu schwer und schwerfällig, zu überlastet mit Erwartungen, nirgendwo zu parken oder auch nur aufzuladen. Und irgendwie blieb auch immer ungeklärt, auf welchem urbanen Terrain man sie eigentlich bewegen sollte: Straße? Bürgersteig? Indoor in Krankenhäusern, Shopping Malls, Flughäfen, Messen? Nein, Segways waren und wurden, anders als E-Bikes, nie cool. Nur 140 000 Stück sind in den 19 Segway-Jahren verkauft worden, nun gehören sie ins Technikmuseum. Abzuwarten bleibt, ob sie Scheuers Rollern dorthin nur vorausgefahren sind.

© SZ vom 25.06.2020/tmh

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