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Öffentlicher Raum und Corona:Je mehr es zieht, desto besser

"Komm! ins Offene, Freund!" - damit ist sowohl die frische Luft gemeint als auch die ungewisse Zukunft.

(Foto: Annie Spratt bei Unsplash)

Nach dem Lockdown erobern die Menschen langsam wieder das Draußen zurück. Aber auch der Innenraum verändert sich. Er wird durchlässiger - und das ist eine Chance.

Was ist besser: drinnen oder draußen? Nach Monaten der Bewältigung der Pandemie wird das Verhältnis beider Sphären gerade neu verhandelt. In der Phase des härteren Lockdowns galt die Welt da draußen - ob nun der vereinzelte Spaziergang erlaubt war oder nicht - als Gefahr. Alles ging home. Der öffentliche Raum war, so weit es ging, entleert, es wurde sogar sein Ende beschworen. Die Entvölkerung zuvor belebter Orte wurde zum Sinnbild der weltweiten Krise.

Doch je mehr vorsichtige Begegnungen es jetzt zwischen Menschen aus verschiedenen Haushalten gibt - und je mehr man über die unsichtbaren Übertragungswege des Virus weiß -, desto mehr verkehrt sich das: Nun lauert das Risiko im Inneren. Laut einer japanischen Studie soll die Ansteckungsgefahr dort 19-mal höher sein. Schutzräume werden zu Angsträumen.

Nun folgt die Welt dem Merkspruch des diesjährigen Hölderlin-Jahres: "Komm! ins Offene, Freund!" - womit sowohl die frische Luft gemeint ist als auch die ungewisse Zukunft. Ein Nachbar aus dem Hinterhof sucht sich mit immer längeren Fahrradtouren abzureagieren. Ein Kindergarten verlegt die Bastelstunde in den Garten. Eine Saxofonlehrerin unterrichtet auf ihrem Balkon. Ein Restaurant schafft einen erweiterten Außenbereich mit Tischen auf der Straße, wo vorher Parkplätze waren; das sieht wunderbar südländisch aus.

Lieber kriegt ein Opa mal einen steifen Nacken als die Lungenkrankheit

Ein ganz unbeschwertes Flanieren bietet der Ausgang aus der Wohnung bei vielen natürlich noch nicht, eher ein Herumtasten. Wir nähern uns dem städtischen Leben wie lange Gefesselte aus Platons "Höhlengleichnis", denen die Wirklichkeit außerhalb des Gefängnisses noch zu grell und blendend erscheint. Manche eingeschlafenen Bedürfnisse müssen überhaupt erst neu geweckt werden. Dazu braucht es mehr als nur eine reduzierte Mehrwertsteuer. Trotzdem spürt man erneut, dass im Freien auch auf Abstand urbanes Dasein möglich ist, ja, die Distanznahme zwischen den Passanten war immer schon die Voraussetzung einer kollisionsfreien modernen Stadt. So entdecken wir nun wieder, was wir an Plätzen, Straßen und Parks haben, die nicht bloß zweckdienlich, sondern auch schön und großzügig angelegt sind.

Auch der Innenraum verändert sich: Er wird durchlässiger. Je mehr es zieht im Café, Büro oder Versammlungslokal, desto besser, und lieber kriegt ein Opa mal einen steifen Nacken als die Lungenkrankheit. Der alte Streit zwischen Lüftern und Nichtlüftern ist entschieden. Fenster und Türen müssen möglichst viel offen stehen, damit sich Aerosole verflüchtigen. So vermengen sich Drinnen und Draußen auch akustisch, es entstehen neue Übergänge und Öffnungen in den Stadtraum hinein.

Diese Wege müssen wir nun noch mutiger beschreiten, damit die Seuche weiter eingedämmt und der öffentliche Raum weiter erobert werden kann. Behördliche Beschränkungen und übliche Regeln haben da zurückzustehen, und man könnte noch kreativer werden: Warum nicht allerlei Sitzungen, Messen, Konzerte an die freie Luft verlegen? Warum nicht mehr offene Pavillons und Partyzelte aufstellen? Wenn es vorübergehend lauter würde in den Städten, wäre das zu verschmerzen. Und wenn es wieder kälter wird, ziehen wir uns dicker an, wärmen uns zu Hause auf und hoffen, das Virus über den Winter vielleicht doch noch in den Griff zu kriegen.

© SZ vom 13.06.2020/tmh
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